ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2002Medizinkommunikation: Zwischen Informationsanspruch und gesetzlichen Risiken

THEMEN DER ZEIT

Medizinkommunikation: Zwischen Informationsanspruch und gesetzlichen Risiken

Dtsch Arztebl 2002; 99(26): A-1809 / B-1532 / C-1428

Hoc, Siegfried

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Immer mehr Patienten bereiten sich auf das Arztgespräch mit Gesundheitsseiten im Internet vor. Foto: Wirtz
Immer mehr Patienten bereiten sich auf das Arztgespräch mit Gesundheitsseiten im Internet vor. Foto: Wirtz
Aufgrund der universellen Verfügbarkeit von Informationen verliert
der Arzt sein Wissensmonopol. Die Rolle des Patienten und seine Beziehung zum behandelnden Arzt wird sich dadurch verändern.

Eine große deutsche Studie mit Patienten nach Myokardinfarkt zeigte, dass nur vier Prozent von ihnen leitliniengerecht mit Statinen auf LDL-Cholesterin-Werte unter 100 mg/dl eingestellt waren. Obwohl pro Jahr circa 200 Milliarden Euro in Deutschland für das Gesundheitswesen ausgegeben werden, nehmen nur vier Prozent am medizinischen Fortschritt teil. Diese Versorgungsmängel gelten nach den Worten von Prof. Martin Wehling (Mannheim) für alle großen Volkskrankheiten – ob Diabetes, Herzinsuffizienz oder Hypertonie: „Weniger als zehn Prozent dieser Patienten sind leitliniengerecht eingestellt.“
Eine der Ursachen dafür sei der überholte, nicht mehr aktuelle Wissensstand der Ärzte. Als Ausweg aus diesem medizinischen und gesundheitspolitischen Dilemma empfiehlt Wehling eine quantitative und qualitative Verbesserung der Kommunikation auf verschiedenen Ebenen. Sie beinhaltet:
- eine intensive ärztliche Fortbildung, die – begleitet von einer Qualitätskontrolle – auch die Inhalte der Fortbildungsveranstaltungen überwacht. Dies könnte durch die Einführung eines unabhängigen „Fortbildungs-TÜV“ gewährleistet werden;
- eine bessere rhetorische Ausbildung der Hochschullehrer sowie
- eine gezielte Pressearbeit für die Bevölkerung.
„Die Kommunikation an den Hochschulen findet vorwiegend über erfahrene Klinikleiter statt, die mehrheitlich zeitlich überlastet sind, worunter die Kommunikation leidet. Der wissenschaftliche Nachwuchs hingegen agiert häufig didaktisch zu ungeschickt“, urteilt Wehling. Zudem hätten viele Hochschullehrer kaum Erfahrungen im Umgang mit den Medien. Aufgrund mangelnder Professionalität in diesem Bereich würden medizinische Sachverhalte von den Pressevertretern – und damit auch von der Bevölkerung – häufig nicht verstanden. „Dadurch resultiert eine mangelnde Entscheidungsfreudigkeit der Politiker bei medizinisch relevanten Fragen“, sagt Wehling. Zu den wesentlichen Aufgaben der Hochschullehrer gehöre es nicht nur, Vertretern anderer Disziplinen – Philosophen, Theologen und Ökonomen – die politische Relevanz der Forschungsergebnisse zu verdeutlichen. Auch die Bevölkerung müsse bei gesellschaftlich wichtigen Streitfragen – wie zum Beispiel dem therapeutischen Klonen – angemessen informiert werden. „Medizinische Laien sollten Projekte verstehen können, die mit ihren Steuergeldern finanziert werden werden“, so Wehling.
Damit sich Patienten adäquat nach dem aktuellen Stand medizinischen Wissens informieren können, hat die Ärztliche Zentralstelle für Qualitätssicherung in Köln für Patienten ein Informationssystem aufgebaut, in dem alphabetisch geordnet die wichtigsten Krankheiten aufgeführt sind (www.patienten-information.de). Darüber hinaus bieten fast alle Ärztekammern in Deutschland eigene Homepages und Portale an, über die Auskünfte und mediznische Informationen abgerufen werden können.
Von diesen wissenschaftlich gesicherten Informationen unterscheiden sich nach Angaben von Dr. Dieter Everz (Mainz) allerdings auch unseriöse Anbieter wie die Arzt-Suchsysteme, von denen es etwa 70 in Deutschland gibt. Sie beruhten lediglich auf Selbstauskunft und Selbsteinschätzung der Ärzte. „Allein die Ärztekammern und Kassenärztlichen Vereinigungen verfügen über objektive Informationen, wie Facharztausbildung, Zusatzbezeichnung und Befähigungsnachweise von deutschen Ärzten“, erklärt Everz. Diese seien im Arzt-Suchportal (www.arzt.de) bereitgestellt.
Neben der fraglichen Qualität kommerzieller Angebote kann der Nutzer nach Angaben von Everz zudem in eine Kostenfalle geraten: „Der Anrufer zahlt im Durchschnitt 1,24 Euro pro Minute. Der Umfang der Information ist oftmals von den Gebühren abhängig, die der Arzt für diesen Service zahlen muss. Bestimmte Suchdienste arbeiten nach dubiosen Kriterien mit bestimmten Zertifizierungen von Ärzten.“
Auch Krankenkassen bieten ihren Patienten Informationen zu allgemeinen und individuellen Fragen an. Die Auskünfte werden aber meist von einem externen Informationsdienst gegeben und der Krankenkasse berechnet. Für eine kurze Auskunft hat sie pro Anruf etwa 6,50 Euro (12,50 DM) zu zahlen, für eine längere 19 Euro (38,50 DM). Wenn eine Recherche notwendig ist, können bis zu 100 Euro (200 DM) Gebühren erhoben werden. Es ist jedoch nicht sichergestellt, dass die Information qualitativ in Ordnung ist. Im direkten Vergleich dazu erhält ein Facharzt für Innere Medizin für ein Quartal und alle anfallenden Leistungen zwischen 35 und 50 Euro.
Als gefährlichste Falle bezeichnete Everz die bei telefonischen Auskünften oftmals gestellten Ferndiagnosen. Sie sind ebenso häufig falsch wie die daraus abgeleiteten Ferntherapien. „Das Spektrum reicht hier von Scharlatanerie bis zur Quacksalberei“, so Everz. Aus diesem Grund schreibe die ärztliche Berufsordnung vor, dass ein Patient vor Diagnose und Therapie körperlich untersucht werden muss.
Durch das immer unübersichtlicher werdende Angebot an Informationen zu Gesundheitsfragen für Patienten wird die tägliche Arbeit des Arztes verändert. Der Arzt verliert sein Wissensmonopol aufgrund der universellen Verfügbarkeit von Informationen. Zudem steigern chronisch Kranke durch Organisation in Selbsthilfegruppen und dergleichen ihre Kompetenz. Die Herausforderung für den Arzt heißt deshalb: aktive Einbindung des Patienten als „Coproduzenten“. Damit schafft er Vertrauen, fördert die Compliance und die Effektivität der Therapie.
Der Arzt muss umdenken und sich auf den „informierten“ Patienten einstellen. Der Patient alter Prägung wird zunehmend durch den informierten Patienten abgelöst, der schließlich in die Rolle des „Coproduzenten“ gedrängt wird und immer mehr Eigenverantwortung übernehmen muss. Er darf jedoch nicht durch überzogene Mitverantwortung und Informationsüberflutung überfordert und verunsichert werden.
Eine neuartige Kommunikation zwischen Arzt und Patient werden in Zukunft gesetzliche und rechtliche Vorgaben prägen, befürchtet Rechtsanwalt Herbert Wartensleben (Stolberg). Zudem werden immer mehr Institutionen geschaffen, die der Aufklärung dienen sollen, die in Wirklichkeit aber einem ganz anderen Ziel untergeordnet sind. Sie sollen letztendlich der Solidargemeinschaft Kosten sparen helfen. „Wenn Kommunikation zur Kosteneinsparung genutzt wird, kann diese unterschwellige Absicht ein elementarer Störfaktor sein“, erklärt Wartensleben.
Zu solchen Faktoren gehöre, dass die Krankenkassen Verzeichnisse über Krankenhäuser und deren Leistungskapazitäten aufstellen. Nach § 39 Abs. 3 Satz 3 SGB V (Sozialgesetzbuch) haben die Krankenkassen darauf hinzuwirken, dass Vertragsärzte und Versicherte das „Verzeichnis stationärer Leistungen und Entgelte“ bei der Verordnung und Inanspruchnahme von Krankenhausbehandlungen beachten. Wählt der Patient ohne zwingenden Grund ein anderes Krankenhaus, können ihm die Mehrkosten ganz oder teilweise auferlegt werden (§ 39 Abs. 2 SGB V).
„Solche Listen können die Entscheidungsfreiheit des Arztes und des Patienten beeinträchtigen“, meint Wartensleben. So könne es beispielsweise Probleme geben, wenn der Arzt einen Patienten aus bestimmten Gründen nicht in das nächstgelegene Krankenhaus einweisen möchte, weil er als Fachmann dort eine erhöhte Infektionsrate festgestellt hat. Nach der Liste wäre der Patient gehalten, in dieses Krankenhaus zu gehen. Wenn er dennoch eine andere Klinik vorzieht, würde das eine Diskussion zwischen Arzt, Patient und Krankenkasse auslösen.
Eine Störung der Kommunikation zwischen Arzt und Kassenpatient kann sich auch aus § 66 SGB V ergeben. Danach sollen die Krankenkassen den Versicherten bei der Verfolgung von Schadenersatzansprüchen gegen ihre Ärzte behilflich sein, die bei der Inanspruchnahme von Versicherungsleistungen aus Behandlungsfehlern entstanden sind. Damit ergibt sich ein weiterer Störfaktor zwischen Arzt und Patient. Die durchaus erfolgreichen Bemühungen der Ärzteschaft, sich mit Schieds- und Gutachterstellen außergerichtlich zu einigen, können durch diese Bestimmung beeinträchtigt werden.
Das geltende Recht bezeichnete Wartensleben als eine Chimäre: Sie gaukelt den Patienten einen Anspruch vor, der nicht mehr zu realisieren ist. Der Gesetzgeber muss den Mut aufbringen, dem Patienten zu sagen, dass das, was die Medizin heute zu leisten vermag, nicht mehr finanzierbar ist – oder es muss mehr Geld in das System eingebracht werden. Für den Arzt ergibt sich daraus die Konsequenz: Er muss seine Patienten über die medikamentösen Möglichkeiten und über die Behandlung der jeweiligen Krankheit informieren, gegebenenfalls aber sagen: „Auf Kassenrezept kann ich das Medikament nicht verschreiben, auf Privatrezept gerne.“ Damit ist die Zweiklassenmedizin erreicht. Siegfried Hoc
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