ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2002Ärztinnen und Ärzte: Keine Dienstleister

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Ärztinnen und Ärzte: Keine Dienstleister

Dtsch Arztebl 2002; 99(26): A-1810 / B-1533 / C-1429

Kienzle, Hans Friederich

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LNSLNS Die Arzt-Patient-Beziehung ist ein fragiles Phänomen, das dem Zeitgeist und damit dem Wertewandel in der Gesellschaft unterworfen ist. Derzeit mehren sich die Stimmen, die die Ärzteschaft auffordern, sich mehr als Dienstleister und den Patienten stärker als Kunden zu betrachten und die ärztliche „Leistung“ entsprechend auszurichten. Das aber ist eine gefährliche Vorstellung. Das Arzt-Patienten-Verhältnis kann und darf nicht zu eine Art Konsumenten-Dienstleister-Verhältnis umgestaltet werden. Denn in aller Regel wird der Arzt nicht mit dem viel beschworenen kundigen, informierten und mündigen Patienten konfrontiert, der die dazugehörige Souveränität der Entscheidungsfreiheit hat.
Welche Souveränität besitzt der 40-Jährige, den gerade ein Herzinfarkt ereilt hat, der 70-Jährige mit Oberschenkelhalsbruch, der Sportler mit Meniskusabriss oder gar das Kind, das an den psychischen und seelischen Wunden einer Misshandlung leidet? Oder wie verhält es sich mit der Kundenrolle beim lebenslustigen Mittdreißiger, dem der behandelnde Arzt die Diagnose HIV-positiv vermitteln muss, wie der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, kürzlich im Rheinischen Ärzteblatt schrieb.
Bei der Mehrzahl der Patienten ist die „Souveränität des Kunden“ massiv eingeschränkt und je nach Krankheitslage überhaupt nicht vorhanden. Patienten wenden sich an den Arzt, weil sie Hilfe brauchen. Sie bringen dem Arzt Vertrauen entgegen und setzen auf die ärztliche Professionalität und Fürsorge. Den Patienten mit der Haltung eines „Dienstleisters“ entgegenzutreten, bei dem Diagnostik- und Therapieleistungen „eingekauft“ werden können, ist falsch und gefährlich – obgleich sich diese Haltung bis in den gesundheitspolitischen Bereich fortsetzt. Das zeigt bereits die Sprache: Werden doch die Ärzte hierzulande zunehmend seltener als Ärzte oder Mediziner und häufiger als „Leistungserbringer, Dienstleister oder bestenfalls als Behandler“ bezeichnet. Allzu oft wird der Arzt dabei vom Helfer zum „Verursacher von Kosten“ degradiert und der Patient selbst zum „Kostenfaktor“.
Sinnvoller wäre es, wenn man sich auf die Grundwerte des ärztlichen Handelns besinnen und im Arzt-Patienten-Verhältnis eine gute Partnerschaft anstreben würde. Diese aber ist oft schon aus Zeitmangel nicht zu gewährleisten. Denn neben der medizinischen Tätigkeit, die zunehmend aufwendiger wird, verstärkt sich die Zeitnot des Arztes auch maßgeblich durch die weitere Reduktion von Planstellen und das Überhandnehmen der bürokratischen Aufgaben.
Der Patient in seiner individuellen Not ist weit mehr als ein Kunde oder eine statistische Größe. Er sucht neben sachlicher Kompetenz oftmals kontinuierliche Betreuung und Ermutigung über Jahre. Und: Er hat fast immer Angst. In einer solchen Situation ist jedoch keineswegs ein „Dienstleister Arzt“, sondern vielmehr ein „Partner Arzt“ gefordert. Unter diesem Aspekt hat sich die Gesundheitspolitik von der ärztlichen Realität und den Patientenbedürfnissen sehr weit entfernt.
Prof. Dr. med. Hans Friederich Kienzle
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