ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2002Prozessoptimierung: „Tutti“ va bene – oder - „Herr Chefarzt, ihr Stellenschlüssel . . .“

THEMEN DER ZEIT: Glosse

Prozessoptimierung: „Tutti“ va bene – oder - „Herr Chefarzt, ihr Stellenschlüssel . . .“

Dtsch Arztebl 2002; 99(26): A-1811 / B-1556 / C-1442

Hoffmann, Hans

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Diese Nacht hatte ich einen Traum. Ich war Dirigent eines Symphonieorchesters und hatte meinen Jourfix mit unserem Geschäftsführer.
„Herr Dirigent, ich habe mir Ihre Aufführungszeiten angesehen und ihren Stellenschlüssel. Nach meiner Personalbedarfsrechnung sehe ich ein Einsparpotenzial von mindestens 30 Prozent. Der Schlüssel heißt Prozessoptimierung! Wenn ich mir eine Aufführung Ihres Orchesters betrachte, fällt mir auf, dass Ihre Musiker sehr unterschiedlich ausgelastet sind. Nehmen wir den Triangel-Spieler. Dieses Tätigkeitsprofil rechtfertigt meines Erachtens keine Vollkraft-Stelle!“
Ich stutze: „Die Partituren sehen nur wenige Einsät-
ze der Triangel vor, diese aber meistens im Tutti und daher brauche ich alle Positionen besetzt.“
„Gut, dann sollte dieser Mann aber zwischen seinen Einsätzen andere Aufgaben wahrnehmen.“
„Soweit das möglich ist, übernimmt dieser Mann auch andere Positionen. Soweit das möglich ist . . . jeder Musiker hat nur zwei Hände . . . das Tutti . . .“.
„Ich denke nicht nur an andere Instrumente. Der Triangel-Spieler könnte
zwischen seinen Einsätzen auch andere Aufgaben wahrnehmen: zum Beispiel organisatorische Aufgaben, Terminvereinbarung und Ähnliches.“
„. . . die Konzentration . . . Er darf seine Einsätze auf keinen Fall verpassen . . . und so lang sind die Pausen zwischen den Einsätzen nicht . . .“
„Zu den Pausen komme ich gleich. Wir müssen uns hier mit der Position Triangel-Spieler etwas einfallen lassen. In meiner Personalbedarfsplanung habe ich für diese Position zunächst eine halbe Stelle vorgesehen. Ich möchte Ihnen ja entgegenkommen. Mir ist klar, dass wir hier schrittweise vorgehen müssen. Mittelfristig gehe ich jedoch von einem noch höheren Einsparpotenzial aus. Ich erwarte Ihre Vorschläge! Nun zu den Pausen zwischen den Einsätzen. Hier sehe ich einen ungeheuren Bedarf der Prozessoptimierung! Wenn wir dazu kämen, die Bläser-, Streicher- oder Klaviersätze hintereinander zu spielen, ohne Pausen, ergäbe das eine erhebliche Verkürzung der Arbeitszeiten für alle. Die tariflich vorgeschriebenen Pausenzeiten müssen natürlich eingehalten werden. Ich habe mir aus der EDV-Abteilung die genauen Einsatzzeiten Ihrer Orchestermitglieder geben lassen. Und mir leuchtet es überhaupt nicht ein, dass beispielsweise bei einem Klavierkonzert der Solist Passagen mit und ohne Orchesterbegleitung spielt, dass das Orchester teilweise gänzlich unbeschäftigt ist, und teilweise sind die Einsätze extrem kurz. Hier muss die Koordination unbedingt verbessert werden! Und nun noch zu Ihrem Einwand zu Beginn: das ,Tutti’. Sie haben zwölf Streicher! Da kann man doch eine oder zwei Stellen einsparen, das hört man doch nicht!“
Als ich aufwachte, hielt ich mir die Ohren zu und hatte Kopfschmerzen.
Am Nachmittag hatte ich meinen Jourfix mit unserem Geschäftsführer.
„Herr Chefarzt, ich habe mir Ihre Operationszeiten-Zeiten angesehen und ihren Stellenschlüssel. Nach meiner Personalbedarfsrechnung . . .“
Priv.-Doz. Dr. Hans Hoffmann
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