SPEKTRUM: Leserbriefe

Bioethik: Thematik breitflächig diskutieren

Dtsch Arztebl 1996; 93(6): A-280 / B-223 / C-210

Weber, Thomas

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. . . Wenn ich die einzelnen Abschnitte kritisch durchsehe im Wissen um die Nürnberger Ärzteprozesse und den Nürnberger Ärztekodex, zitiert nach Mitscherlich und Mielke, so bin ich empört, daß diese Fragen in dieser Weise diskutiert werden und in dargestellte Empfehlungen einmünden.
Auf der Basis eines nicht klar umrissenen Krankheitsbegriffes wird von einwilligungsunfähigen Patienten gesprochen, an denen ein Forschungsprojekt durchgeführt werden können soll. Diese allgemeine Bestimmung umfaßt vom nicht einwilligungsfähigen Säugling über durch Erkrankung eingeschränkt Willensfähige eine unüberschaubare Palette von denkbaren Möglichkeiten. Was sollte als ablehnendes Verhalten des betreffenden Patienten gewertet werden? Die Abwehr, die Fluchtreaktion, die Schmerzäußerung oder das enttäuschte Verstummen angesichts eines eventuell lang durchlebten Krankheitsprozesses, das von dem Betreffenden neben der Folge der zurückliegenden Qualen auch noch die Selbstaufopferung für die Forschung und eventuell zum Wohl nachkommender Generationen verlangt?
Dieses sollte nur der einwilligungsfähige Patient entscheiden, es sei denn, wir begeben uns von vornherein in die Hände der Forscher, ihres ehrgeizigen Strebens, ihrer wirtschaftlichen Interessen oder politischen Richtungen.
Wird letztendlich ein Ergebnis an einem Patienten, der möglicherweise ein Endstadium einer Erkrankung durchlebt, übertragbar sein auf einen Patienten in einem Frühstadium dieser Erkrankung? Werden genügend große Zahlen von Patienten zur Verfügung stehen, um überhaupt eine statistisch auswertbare Aussage treffen zu können? Wird es nicht auch in solchen Fällen genügend Interpretationsmöglichkeiten im Laufe der Jahre geben, wie wir es zum Beispiel bei den Fettstoffwechselstörungen erlebt haben?
Wie mir scheint, geht es den deutschen Stimmen im Lenkungsausschuß nur noch um Änderungen der Formulierungen, nicht aber um grundsätzliche Fragen. Diese Thematik sollte jedoch in der gesamten Ärzteschaft, auch an der Basis, von philosophischer und juristischer Seite und in der Bevölkerung breitflächig diskutiert werden, da es mit einer Wandlung unseres Menschenbildes grundsätzlicher Art verbunden ist.
Dr. med. Thomas Weber, Hubertushöhe 1, 51429 Bergisch Gladbach
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