ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2002Krebsprävalenz: Mit dem Wohlstand steigt die Rate

AKTUELL: Akut

Krebsprävalenz: Mit dem Wohlstand steigt die Rate

Dtsch Arztebl 2002; 99(27): A-1857 / B-1569 / C-1465

Meyer, Rüdiger

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Südschweden verzeichnet zweieinhalb mal so viele Krebskranke wie Polen. Auch Deutschland gehört nach den Ergebnisse der Europreval-Studie in den Annals of Oncology (2002; 13: 840–865) zu den Hochprävalenzländern. Es handelt sich um die größte Studie, die bisher in Europa zur Krebsprävalenz durchgeführt wurde. Die Arbeitsgruppe um A. Micheli (Instituto Nazionale per lo Studio e la Cura dei Tumori in Mailand) hat 38 Krebsregister aus 17 Ländern ausgewertet, darunter auch das Saarländische Krebsregister. In allen Registern sind Daten von drei Millionen Patienten gespeichert. Am niedrigsten war die Prävalenz mit 1 170 pro 100 000 Einwohner in Polen, am höchsten in Südschweden, wo auf 100 000 Einwohner 3 050 Krebskranke kommen. Zu den Hochprävalenzländern gehören neben Schweden, der Schweiz und Italien auch Deutschland. 61 Prozent der Krebskranken sind Frauen. Bei ihnen entfallen ein Drittel der malignen Tumoren auf das Mammakarzinom. Unter den Männern ist mit einem Anteil von 15 Prozent das kolorektale Karzinom am häufigsten. Etwa 57 Prozent aller Krebserkrankungen treten nach dem 65. Lebensjahr auf.

Dieser Fakt deutet auf die wohl wichtigste Erklärung für die unterschiedliche Prävalenz hin. In Polen gibt es nicht etwa deshalb weniger Krebskranke, weil die Einwohner unseres Nachbarlandes gesünder leben oder genetisch weniger belastet sind. Ein wichtiger Grund ist vielmehr die geringere Lebenserwartung. Die Krebsprävalenz korrelierte mit der Gesamtsterblichkeit und der Kindersterblichkeit, mit dem Bruttosozialprodukt und im Übrigen auch mit den Ausgaben im Gesundheitswesen. Krebs sei deshalb ein Indikator sowohl für die positiven als auch für die negativen Aspekte der ökonomischen Entwicklung, meinen die Autoren. Die Interpretation von Prävalenzdaten verleite leicht zu Irrtümern, erläutert Graham Giles vom Cancer Epidemiology Centre in Victoria, Australien (2002; 13: 815–6).

So kann die sicher positiv zu bewertende Früherkennung die Prävalenz ebenso in die Höhe treiben wie eine gute Behandlung, welche die Überlebenszeit verlängert. Beides führt dazu, dass die Menschen länger krebskrank sind, und dies erklärt, warum die Zahl der Krebskranken steigt. Auch aus diesem Grund gibt es in ärmeren Ländern weniger Krebskranke. Dort werden die Tumoren spät entdeckt, und die Patienten sterben früh daran. In einem methodologischen Begleitartikel (2002; 13: 831–839) wird deshalb gefordert, die Prävalenzen nach dem Tumorstadium aufzulisten, was einen faireren internationalen Vergleich möglich machen würde. Rüdiger Meyer
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema