ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2002Psychotherapie: Die Weichen werden jetzt gestellt

POLITIK

Psychotherapie: Die Weichen werden jetzt gestellt

Dtsch Arztebl 2002; 99(27): A-1866 / B-1574 / C-1470

Richter, Eva A.

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Diskutierten auf dem Podium:Von links,Wolfgang Lohmann (CDU), Detlef Parr (FDP), verdeckt: Horst Schmidbauer (SPD), Norbert Fischer (VdAK), Dr. Leonhard Hansen (KBV). Foto: DPTV
Diskutierten auf dem Podium:Von links,Wolfgang Lohmann (CDU), Detlef Parr (FDP), verdeckt: Horst Schmidbauer (SPD), Norbert Fischer (VdAK), Dr. Leonhard Hansen (KBV). Foto: DPTV
Der Deutsche Psychotherapeutenverband kämpft gegen Zuzahlungen und für ein weiterhin gesichertes Erstzugangsrecht zur Psychotherapie nach der Bundestagswahl.

Mit Hoffnung und Sorge sieht der Deutsche Psychotherapeutenverband (DPTV), Berlin, der Zukunft der Psychotherapie nach der Bundestagswahl im September entgegen. „Der gesetzlich verankerte Leistungsanspruch der Versicherten auf eine psychotherapeutische Behandlung muss genauso gewahrt bleiben wie das Erstzugangsrecht der Versicherten zu einem Psychotherapeuten der eigenen Wahl“, forderte Dipl.-Psych. Detlev Kommer, Vizepräsident des DPTV, auf einer Podiumsdiskussion des Verbandes, der Mitte Juni in Berlin sein zehnjähriges Jubiläum feierte.
Eine erneute Gesundheitsreform könnte zur Verschlechterung der psychotherapeutischen Versorgung der Patienten führen, befürchtet der Verband. „Wir sind sehr kritisch gegenüber den angedachten bonusverknüpften Hausarztmodellen“, erläuterte Kommer. Durch sie bestehe die Gefahr, dass sich Patienten viel zu spät einer Behandlung unterzögen, nur um den Jahresbonus für nicht in Anspruch genommene Arztleistungen zu erhalten. Dadurch könnten sich psychische Störungen leicht chronifizieren. Ähnliche Konsequenzen seien bei der Einführung von Wahltarifen und stärkeren Selbstbeteiligungssystemen zu befürchten.
Diese Bedenken versuchten die Gesundheitsexperten von CDU/CSU, Wolfgang Lohmann, und FDP, Detlef Parr, den Teilnehmern während der Podiumsdiskussion zu nehmen: „Die CDU/CSU will den bisherigen Versicherungsumfang auf jeden Fall beibehalten“, beteuerte Lohmann. Der Patient solle nur bei Leistungen zuzahlen, die auch zusätzlich eingeführt würden. „Die Psychotherapie hat einen festen, besonderen Platz“, sagte er. „Das Erstzugangsrecht bleibt erhalten.“ Parr verteidigte dagegen das auf Eigenverantwortung, Wettbewerb und Selbstbeteiligung aufgebaute FDP-Gesundheits-Konzept. Dies schließe zwar eine solidarische Grundversorgung ein, doch eine „Vollkaskoversicherung“ sei untauglich, wenn man ein erhöhtes Kostenbewusstsein bei Patienten erreichen wolle.
Mehr Beifall erhielt während der Diskussion der Gesundheitsexperte der SPD, Horst Schmidbauer. „Die Gleichbehandlung von somatisch Kranken und psychisch Kranken war bereits Inhalt der Psychiatrie-Enquete und ist auch jetzt der Kern unserer Aufgabenstellung“, betonte er. Durch eine Zerschlagung des Solidarsystems dürfe sie nicht gefährdet werden. „Wir sind uneingeschränkt für eine ganzheitliche Versorgung“, erklärte Schmidbauer. Diese müsse jedoch effizienter gestaltet werden. Eine isolierte Zuzahlung nur für psychotherapeutische Leistungen werde es mit der SPD nicht geben, versprach er. Dies würde eine zusätzliche Zugangssperre zur Psychotherapie für Menschen bedeuten, die glauben, nur somatisch krank zu sein.
Der Gesundheitsexperte der Universität Greifswald, Prof. Dr. Jürgen Wasem, forderte ebenfalls die Gleichberechtigung der Psychotherapie. Die solidarische Wettbewerbsordnung müsse bei der anstehenden Gesundheitsreform in den Mittelpunkt gestellt werden. „Das deutsche Gesundheitssystem kostet viel und leistet dafür nur wenig“, sagte Wasem. „Wenn die Politiker jetzt nicht eine umfassende Gesundheitsreform angehen, gleichzeitig aber auch keine Beitragssteigerungen zulassen wollen, dann müssen sie offen Abschied von der gleichberechtigten Teilhabe aller am medizinischen Fortschritt nehmen.“
Der DPTV wolle die anstehende Gesundheitsreform aktiv mitgestalten, erklärte Kommer. Denn der Psychotherapie käme eine besondere Bedeutung im Gesundheitswesen zu: Mehr als 32 Prozent aller Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren und mehr als 17 Prozent aller Kinder und Jugendlichen hätten behandlungsbedürftige psychische Störungen. Die Untersuchungen in Deutschland deckten sich mit den wissenschaftlichen Ergebnissen in anderen westlichen Industrieländern. Nach Hochrechnungen der Welt­gesund­heits­organi­sation zählten psychische Störungen zu den kostenintensivsten und am meisten beeinträchtigenden Volkskrankheiten, mit steigender Tendenz. Besonders betroffen wären in Deutschland Kinder und Jugendliche. Doch nur 36,4 Prozent der von psychischen Störungen betroffenen Erwachsenen und nur 17 Prozent aller von Störungen betroffenen Kinder würden sich hierzulande in Behandlung begeben, berichtet Kommer.
Wenn die sich in der Diskussion befindlichen Hausarztmodelle umgesetzt würden, dürfe das Recht der Patienten auf den direkten Zugang zu einem Psychotherapeuten nach eigener Wahl nicht eingeschränkt werden, fordert der Verband. Das Versorgungsangebot sei ausreichend und flächendeckend zu gestalten. „Das psychische Befinden der Patienten ist bei nahezu jeder körperlichen Erkrankung mit betroffen“, ergänzte Prof. Dr. Dietmar Schulte, Psychotherapeut an der Ruhr-Universität Bochum. Dabei beeinflussten psychische Faktoren auch die Kosten bei somatischen Erkrankungen. So könne beispielsweise durch psychotherapeutische Betreuung nach Unfällen die Liegezeit der Patienten verkürzt werden. Doch noch immer würden psychische Krankheitsbilder von niedergelassenen Haus- und Fachärzten fehlerhaft diagnostiziert beziehungsweise unangemessen behandelt. Häufig würden die Patienten viel zu spät an einen Psychotherapeuten verwiesen, ergänzte Kommer.
Balance zwischen Optimalem und Finanzierbarem
„Die niedergelassenen Ärzte sind kooperationsbereit“, sagte Dr. med. Leonhard Hansen, zweiter Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Dass ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung der psychotherapeutischen Behandlung bedürfe, erscheint ihm aber zu hoch gegriffen. „Die Psychotherapeuten sollten keine neuen Ausgrenzungseffekte provozieren, indem sie hypertrophe Bedarfe anmelden“, sagte er. Stattdessen müsse die Balance zwischen dem Optimalen und dem Finanzierbaren gefunden werden. Generell befinde sich die Psychotherapie in einem Dilemma, konstatierte Hansen. Die Forderung nach Gleichberechtigung zur somatischen Medizin stehe im Widerspruch zum Verständnis der Psychotherapie als Alternative. Dies trete besonders bei integrierten Versorgungskonzepten zutage. Bestünde eine völlige Gleichberechtigung zur somatischen Medizin, wäre der Zugang zur Psychotherapie innerhalb von Hausarztmodellen eingeengt. Bliebe die Psychotherapie dagegen eine Alternative, hätten die Patienten auch weiterhin einen freien Erstzugang zum Psychotherapeuten.
Dr. med. Eva A. Richter
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