ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2002Kassenärzte: Klagen über hohe Arbeitsbelastung und Dauerstress

POLITIK

Kassenärzte: Klagen über hohe Arbeitsbelastung und Dauerstress

Dtsch Arztebl 2002; 99(27): A-1871 / B-1578 / C-1474

Clade, Harald

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LNSLNS Studie der Brendan-Schmittmann-Stiftung des NAV-Virchow-Bundes

Sowohl niedergelassene Vertragsärzte als auch die meisten Krankenhausärzte klagen über die zunehmende Arbeitsbelastung, die existenziellen Unsicherheiten und die Überforderung durch das immer bürokratischer werdende Gesundheitssicherungssystem. Die verschlechterte wirtschaftliche und existenzielle Situation für niedergelassene Ärzte betrifft diese immer öfter auch im privaten Bereich. Zu diesen Feststellungen gelangt eine in Rostock-Warnemünde vom NAV-Virchow-Bund (Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands e.V.) vorgestellte Studie mit dem Titel „Die vertragsärztliche Gegenwart im Lichte des Burnout-Syndroms. Die wirtschaftliche Entwicklung und die ärztliche Selbstverwaltung in der vertragsärztlichen Meinung“. Die von der Brendan-Schmittmann-Stiftung des NAV-Virchow-Bundes durch deren Geschäftsführer Dr. rer. soc. Klaus Gebuhr, Berlin, durchgeführte repräsentative Umfrage (März 2002; befragt wurden 5 700 Vertragsärzte aller Fachrichtungen in West- und Ostdeutschland in ausgewählten Bundesländern) kam zu folgenden Ergebnissen:
- Vertrags-(Kassen-)Ärzte arbeiten durchschnittlich elf Stunden pro Werktag und beraten und versorgen durchschnittlich 51 Patienten je Arzt. Geht man von einer fünftägigen Arbeitswoche aus, entspricht dies einem Arbeitspensum von 61 Arbeitsstunden je Woche und der Behandlung von durchschnittlich 255 Patienten wöchentlich. Die wachsende Arbeitsbelastung und der steigende Verwaltungs- und Bürokratieaufwand in den Arztpraxen führe dazu, dass dadurch das Verhältnis zu den Patienten leidet. 60 Prozent der Befragten klagen darüber, zu wenig Zeit für ihre Patienten zu haben.
- Etwa drei Viertel der Vertragsärzte sind mit ihrer Praxisorganisation zufrieden. 90 Prozent der Befragten sind davon überzeugt, dass sie von ihren Helferinnen zuverlässig unterstützt werden. Trotzdem ist nur die Hälfte der Kassenärzte mit der Zeiteinteilung ihres Arbeitstages zufrieden. Trotz der Arbeitsfülle und des zunehmenden Stresses wollen sie dennoch ihre selbst gesetzten Ansprüche an die berufliche Arbeit und die Praxisziele nicht aufgeben.
- Mehr als die Hälfte aller Vertragsärzte gab an, dass sie die Arbeit auslaugt (59 Prozent). Die gleich hohe Anzahl berichtete, dass sie am Ende eines Arbeitstages „völlig erledigt“ seien (58 Prozent). Ähnlich hoch ist der Anteil der Vertragsärzte (57 Prozent), der unregelmäßig und unter Zeitdruck die Mahlzeiten einnimmt. Über ständige Schlafdefizite klagen 59 Prozent der Probanden.
- Dennoch fühlt sich eine deutliche Mehrheit der Vertragsärzte offensichtlich nicht durch ein Burn-out gefährdet. 20 Prozent der Vertragsärzte sind „oft verzweifelt“, und 26 Prozent würden „am liebsten alles hinwerfen“.
- Negativ belastet werden das Privatleben und das Freizeitverhalten der Vertragsärzte durch die berufliche Tätigkeit. 69 Prozent gaben an, dass das Privatleben unter Überbeanspruchung in der Praxis leide. Nur 21 Prozent meinen, genügend Zeit zu haben, um persönliche Interessen im gewünschtem Umfang wahrnehmen zu können.
- 7,1 Prozent fühlen sich durch die ungünstiger werdende wirtschaftliche Situation und die verschlechterten beruflichen und gesetzlichen Rahmenbedingungen belastet. Die Ungewissheit über einen ausreichenden Verkaufserlös bei Veräußerung der Praxis am Berufsende ist für 69 Prozent der Ärzte ein Belastungsfaktor. 63 Prozent empfinden die eigenen finanziellen Verpflichtungen als eine Belastung. Mehr als die Hälfte (52 Prozent) der Befragten gab an, in den letzten fünf bis sieben Jahren „in gravierende wirtschaftliche Probleme“ geraten zu sein. Für 60 Prozent ist die wirtschaftliche Zukunft sehr besorgniserregend. Wirtschaftliche Probleme in der Praxis erwarten 23 Prozent der Vertragsärzte, und 52 Prozent rechnen zum Teil damit.
- Mehr als 90 Prozent der Ärzte fühlen sich durch die Überregulierung durch den Gesetzgeber im Gesundheitswesen und das Ausmaß der Einflussnahme der Politik und der Krankenkassen auf die Patientenversorgung belastet und gegängelt.
KVen nicht so beliebt
Über die Rahmenbedingungen der kassenärztlichen Selbstverwaltung und der Kassenärztlichen Vereinigungen beziehungsweise der Kassenärztlichen Bundesvereinigung gibt es ein differenziertes, zum Teil negatives Urteil: !
Etwa die Hälfte (51 Prozent) der Befragten hält die ärztliche Selbstverwaltung für unverzichtbar, für 31 Prozent ist sie nur „teilweise verzichtbar“. Für 23 Prozent der Vertragsärzte sind die Kassenärztlichen Vereinigungen unverzichtbar, für die Hälfte sind sie teilweise unverzichtbar. Zwei Drittel meinen, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen „unbedingt reformiert“ werden müssten, damit sie die wachsenden Aufgaben umfassend und zeitgemäß erfüllen könnten. Den Sicherstellungsauftrag der KVen wollen 15 Prozent der Kassenärzte unbedingt bei den KVen belassen. 33 Prozent wollen ihn nur zum Teil dort belassen und ihn mit den Krankenkassen teilen. Eine Übernahme der Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigungen durch die Ärztekammern beziehungsweise über die Berufsverbände der Ärzte wird von mehr als 60 Prozent der Vertragsärzte abgelehnt. Die Ausstattung der Kassenärztlichen Vereinigungen mit professionellen, hauptamtlichen Führungen, ähnlich wie in großen Wirtschaftsunternehmen, wird von 56 Prozent der Vertragsärzte gefordert.
Besonders stark sind der Frust und die Ablehnung der befragten Kassenärzte gegenüber Funktionsträgern der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Nur fünf Prozent sind der Meinung, dass die gewählten Repräsentanten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung fähig seien, die Interessen der Vertragsärzte wirkungsvoll gegenüber den Krankenkassen und der Politik zu vertreten, 42 Prozent sind teilweise dieser Meinung.
Die Bereitschaft, sich in die Arbeit der ärztlichen Selbstverwaltung und vor allem in die Körperschaften einzubringen, ist nur schwach entwickelt. 16 Prozent der Befragten üben neben ihrer Tätigkeit als niedergelassener Arzt noch eine Funktion in einem Berufsverband, in einer wissenschaftlichen Gesellschaft, in der Kassenärztliche Vereinigung oder in der Lan­des­ärz­te­kam­mer aus. Dr. rer. pol. Harald Clade

Quelle: Klaus Gebuhr: Die vertragsärztliche Gegenwart im Lichte des Burn-out-Syndroms. Die wirtschaftliche Entwicklung und die ärztliche Selbstverwaltung in der vertragsärztlichen Meinung, Brendan-Schmittmann-Stiftung des NAV-Virchow-Bundes (Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands e.V.), 13 Seiten, Berlin, Mai 2002
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