ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2002Arbeits- und Umweltmedizin: Bestandteil der klinischen Differenzialdiagnose

POLITIK: Medizinreport

Arbeits- und Umweltmedizin: Bestandteil der klinischen Differenzialdiagnose

Dtsch Arztebl 2002; 99(27): A-1873 / B-1580 / C-1476

Kärcher, Elisabeth

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Lungenfunktionsprüfung. Foto: Peter Wirtz
Lungenfunktionsprüfung. Foto: Peter Wirtz
Defizite in der Ausbildung führen ebenso zu einer Unter- wie einer Überschätzung der Einwirkungen von Beruf und Umwelt.

Arbeitsmedizin ist viel mehr als klinische Arbeitsmedizin“, stellte Prof. Hans Drexler (Erlangen) bei der 42. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e.V. in München fest. Aber die klinische Arbeitsmedizin könne eben nicht von anderen Wissenschaften abgedeckt werden.
In den vergangenen 80 Jahren hat sich in der Arbeitsmedizin eine erhebliche Entwicklung vollzogen, von der überwiegend klinischen Ausprägung des Fachs über den Schwerpunkt betriebliche Beratung und Arbeitsplatzanalyse, bis hin zu Fragen des komplexen betrieblichen Gesundheitsmanagements. Verstehe man „klinisch“ bezogen auf Krankenhaus oder spezialisierte Klinik, so gebe es „schwerlich einen Anspruch auf eine klinische Arbeitsmedizin“, betonte Drexler.
Nimmt man „klinisch“ jedoch als Bezeichnung für Symptomatik und Verlauf von Erkrankungen, bleibt dieser Fachbereich unverzichtbar. Die Überlegungen zur Arbeitsmedizin seien, so Drexler, übertragbar auf die Umweltmedizin, obwohl erstere überwiegend in der Vorsorge mit gesunden Menschen und letztere in der Behandlung mit Patienten zu tun hätte.
Die weitere Tagung machte die Verwandtheit vor allem in der Verwendung diagnostischer Methoden, beispielsweise der Toxikologie und Mikrobiologie, deutlich. Drexler nannte als Bereiche der fachspezifischen Diagnostik und Therapie: arbeitsmedizinische Zusammenhangsbegutachtung, sachkundiges biologisches Monitoring, individualmedizinische Gefährdungsanalyse, Arbeitsplatzgestaltung, differenzierter Einsatz von Körperschutz, betriebliche Notfallversorgung und anderes. Nach Ansicht von Tagungspräsident Prof. Dennis Nowak (München) ist „die Arbeitsmedizin daher Bestandteil der klinischen Differenzialdiagnose“.
Bei den Berufskrankheiten sei nach Angaben von Drexler die Anerkennungsquote durch die gesetzliche Unfallversicherung weniger ein Problem als die Erkennungsquote durch Haus- und Fachärzte, bei denen sich diese Patienten zuerst vorstellen. Er untermauerte dies mit dem Beispiel von Jahreszahlen zu beruflichen Malignomen.
Bei ungefähr 5 000 Verdachtsanzeigen erfolgt zwar nur bei weniger als
2 000 der Meldungen eine Anerkennung, jedoch werden von den Anzeigen nach den offiziellen Zahlen der Berufsgenossenschaften nur etwa 60 Prozent durch Ärzte gemeldet, sonst durch Erkrankte selbst, durch Krankenkassen, Arbeitsämter und andere Stellen. Nach Schätzungen gebe es in Deutschland dagegen 7 000 bis 14 000 berufliche Malignome.
Einen Grund für diese Unterschätzung beruflicher Verursachung sieht
Drexler in fehlender Kenntnis, deren Wurzeln in der unzureichenden studentischen Ausbildung liegen, allerdings auch in der mangelnden Zeit von Stations- und Praxisärzten für eine Berufsanamnese.
Manchem Patienten könne viel Leid und Mühe erspart werden, betonte
Drexler, wenn ein Messergebnis nicht mit einem medizinischen Befund gleichgesetzt wird: „Eine qualifizierte ärztliche Interpretation ist unumgänglich, und dies setzt ein entsprechendes Fachwissen voraus.“ Beispielsweise müssen die Hintergrundbelastung und konkurrierende Noxen berücksichtigt werden.
In der Umweltmedizin verdeutlichte Drexler die Frage der medizinischen Bewertung an einem Beispiel: Bei der Sanierung von Schulen mit minimal erhöhten PCB-Werten dürfte die Gefährdung durch die Schutzanzüge für die Arbeiter in komplett abgeschlossenen Chemikalien-Schutzanzügen größer gewesen sein als deren potenzieller Nutzen.
Da die Krebsfrüherkennung und der Hautschutz eine wichtige Rolle in der arbeitsmedizinischen Praxis spielen, plädiert Nowak dafür, dass „auch Früherkennung und Prävention evidenzbasiert sein müssen“. Dr. Heinz-Michael Otten (Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften) verdeutlichte, dass „Leitlinien für die Frühdiagnose bei beruflich verursachten Erkrankungen, vor allem dem Lungenkrebs, nicht vorliegen“. !
Prof. Yon Ko (Onkologie Bonn) belegte das Dilemma der derzeitigen Praxis mit dem Ergebnis von Studien: „Das konventionelle Screening hat nicht zu einem Unterschied der Inzidenz und Mortalität des Lungenkrebses geführt.“ Während beim Lungenscreening noch befriedigende Lösungen gefunden werden müssten, stünde die Prävention im Vordergrund, weil „durch Verzicht des Rauchens eine Senkung der Inzidenz und Mortalität um mehr als 80 Prozent erreicht werden kann“. Daher könne er es nur unterstützen, „die Rauchentwöhnung in die Betriebe hineinzutragen“.
„Bei Hautschutz gibt es keine Normung“, beklagte Dr. Peter Kleesz (Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gaststätten) den Mangel an überprüfbaren und spezifischen Wirksamkeitsnachweisen. Drexler meinte, dass viele Wirkungen von Hautschutz nicht bewiesen seien. So sei es beispielsweise unklar, ob Hautschutzmittel eher mechanisch oder chemisch schützten oder über die Unterstützung der Regeneration der Haut oder sogar dadurch, dass diejenigen, die Hautschutz verwenden, vorsichtiger arbeiten. Auch die perkutane Resorption sei in diesem Zusammenhang bisher wenig systematisch untersucht.
Eine „multidisziplinäre Prävention – medizinisch, psychosozial und gesundheitspädagogisch“ – sei auch beim Hautschutz notwendig, berichtete Prof. Hans-Joachim Schwanitz (Osnabrück) über Konzepte, vor allem im Friseurhandwerk. Denn bei manchen Friseuren würden entzündete Hände „als normal“ gelten, da sie Fleiß anzeigten, und so gingen nur etwa 30 Prozent überhaupt zu einem Arzt.
„Eine neue Lehr- und Lernkultur“, beschrieb dies Prof. Reinhard Putz von der Anatomischen Anstalt (Lehrstuhl I, München) und stellte das seit fünf Jahren in Kooperation mit der Harvard-Universität durchgeführte „Reformmodell München“ vor. Unter den Rahmenbedingungen einer deutschen Universität und mit der Grundidee, „das Machbare für alle Studierenden“ durchführen zu wollen, wurden das Curriculum reformiert, Lehrende und Tutoren geschult und Blockkurse nach Harvard-Muster eingeführt. Die Kombination eines systematischen Unterrichtsansatzes, vor allem in den Grundlagenfächern mit fachübergreifenden Kursen in der Form des problemorientierten Lernens, sah Putz als guten Weg an. Dr. med. Elisabeth Kärcher

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