ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2002Desinfektion: Tendenziös
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LNSLNS Im Auftrag der Desinfektionsmittel-Kommission der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie, die sich mit der Anwendung, Prüfung und Listung von Desinfektionsverfahren in Deutschland in Abstimmung mit dem Robert Koch-Institut befasst, bin ich als Vorsitzender gebeten worden, mich in Bezug auf den oben genannten Artikel an die Redaktion des DÄ zu wenden.
Es erstaunt, dass zum wiederholten Male das DÄ einen Artikel zu der Thematik publiziert, dessen Inhalt in wesentlichen Teilen tendenziös und keinesfalls wissenschaftlich abgesichert, noch ausreichend recherchiert ist. Unter Bezug auf einen Artikel in Heft 28–29/2001 von Klaus Koch wird in dem Artikel von Prof. Marget die Flächendesinfektion im Krankenhaus als eine unverantwortliche Verschwendung dargestellt, deren Anwendung nicht nur wissenschaftlich unbewiesen, sondern kostenintensiv und umweltschädigend sei. Dem Leser wird damit suggeriert, dass die Flächendesinfektion nicht nur unnötig, sondern sogar „verwerflich“ sei.
Darüber hinaus wird die Tätigkeit und das Ansehen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention beim Robert Koch-Institut diskreditiert, die seit 1976 im Auftrag des damaligen Bundesgesundheitsamtes – und nunmehr durch das Infektionsschutzgesetz auch gesetzlich mandatiert – die Aufgabe hat, Empfehlungen zur Prävention nosokomialer Infektionen einschließlich der dafür erforderlichen betrieblich-organisatorischen und baulich-funktionellen Maßnahmen zu erstellen. Im Weiteren wird der Eindruck erweckt, als würde sich ein seriöser Hygieniker nicht für die Anwendung und Prüfung von Desinfektionsverfahren einsetzen. Zudem wird durch diese Darstellung in dem jedem deutschen Arzt zugänglichen DÄ die Einschätzung gefördert, dass Desinfektionsmaßnahmen nicht nur unnötig, sondern sogar abzulehnen seien. Der Verfasser bezieht sich bei seinen Aussagen bemerkenswerterweise auf Veröffentlichungen, die aus den Jahren 1977 bis 1986 stammen.
Im Ergebnis eines umfassenden „Risk Assessment“ gibt es kaum Zweifel am Stellenwert der Flächendesinfektion als einer Basismaßnahme zur Verhütung von nosokomialen Infektionen und insbesondere zur Kontrolle der dramatisch zunehmenden Antibiotika-resistenten Mikroorganismen im Krankenhaus. Durch Anwendung lediglich von Reinigungsmittel (Tensid) und Wasser kommt es nachgewiesenermaßen zur Ausbreitung Antibiotika-resistenter, relevanter nosokomialer Infektionserreger wie Pseudomonas aeruginosa, Serratia, Klebsiella etc. Dem wird auch durch die zurzeit in Bearbeitung befindlichen US-amerikanischen Richtlinien zur Desinfektion und Sterilisation in Gesundheitseinrichtungen mit Stand vom 20. Februar 2002 mit der Empfehlung zur routinemäßigen Flächendesinfektion (www.cdc.gov/ncidod/hip/dsguide/dsguide.pdf) Rechnung getragen und damit die deutsche Strategie bestätigt.
Darüber hinaus befasst sich zurzeit die Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention beim Robert Koch-Institut mit einer Aktualisierung der entsprechenden Empfehlung, in der eine routinemäßige Desinfektion speziell der patientennahen Bereiche für unverzichtbar angesehen wird. Diese Empfehlung wird in Kürze veröffentlicht. Die Desinfektionsmittel-Kommission sieht es daher mit größter Sorge, wenn durch derartige wissenschaftlich nicht begründete Publikationen im renommierten DÄ mit der Überschrift „Themen der Zeit“ Vorstellungen verbreitet werden, die zu einer dem heutigen Kenntnisstand nicht mehr entsprechenden falschen Gefährdungsbeurteilung und einem möglichen Unterlassen notwendiger Hygienemaßnahmen in der deutschen Ärzteschaft, mit nicht absehbaren Folgen für die Patienten, aber auch die Ärzte/Ärztinnen, beitragen . . .
Prof. Dr. M. Exner, Hygiene-Institut, Sigmund-Freud-Straße 25,
53105 Bonn
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