ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2002Dr. JPEG and Mr. BYTE: Perspektiven telemedizinischer Applikationen

MEDIZIN: Editorial

Dr. JPEG and Mr. BYTE: Perspektiven telemedizinischer Applikationen

Dtsch Arztebl 2002; 99(27): A-1888 / B-1594 / C-1489

Burg, Günter; Haeffner, Andreas

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LNSLNS Telemedizin, medizinische Versorgung unabhängig von Entfernung und Zeit, ist ein Begriff, den es vor 20 Jahren kaum gab, über den man vor 10 Jahren nur wenig gesprochen hat und der heute zunehmend in aller Munde ist.
Nach der WHO-Definition beinhaltet der Begriff Telemedizin: „The practice of health care using interactive audio, visual and data communications. This includes health care delivery, diagnosis, consultation and treatment as well as education and transfer of medical data“.
Die Telemedizin bietet in ihren verschiedenen Handlungsbereichen für die künftige medizinische Versorgung ein noch nicht vollständig abschätzbares Potenzial. Sie beinhaltet aber auch wie ein undurchsichtiger Dschungel Gefahren unüberschaubarer und schwer kontrollierbarer Aktivitäten im ethisch anspruchsvollen Feld der Gesundheitspflege, Krankheitsfürsorge und -bekämpfung. Der Arztbesuch, das Gespräch unter vier Augen, wird digitalisiert und in teilnahmslose Bits gezwängt. Es stellt sich die Frage nach Aufwand, Nutzen und Stellenwert der Telemedizin im Gesundheitssystem der Zukunft (7, 8).
Hervorgegangen aus den Bedürfnissen der Seefahrt und der Kriegsschauplätze, gefördert durch die Entwicklung weltweiter Vernetzung, enormer Verbesserungen in der Informationstechnologie und getrieben durch E-Health-Organisationen, die einen gewinnträchtigen Markt wittern, gibt es inzwischen weltweit mehrere Hundert Pilotprojekte zur Prüfung der Einsatzmöglichkeiten der Informationstechnologien in der Medizin.
Grundsätzlich kann die Kommunikation nach vier verschiedenen Konzepten erfolgen:
- Echtzeit-Konsultation im Sinne einer Videokonferenz (Beispiel: Tele-Monitoring im Operationssaal),
- Store-and-forward-Kommunikation, unabhängig von der zeitlichen Verfügbarkeit der Partner (Beispiel: verschlüsselte E-Mail),
- Kombination von Echtzeit-Konferenz und Diskussion von zuvor übermitteltem Material (Beispiel: Dokumentenaustausch),
- datenbankgestützte, strukturierte, global verfügbare Patientendaten als Kommunikationsgrundlage: Die verbale und schriftliche Kommunikation erfolgt hierbei über alle klassisch verfügbaren Kommunikationskanäle oder mithilfe neuer Medien.
Multimediale Kommunikation
Das letztgenannte Konzept stellt die flexibelste Variante dar und hat den Vorteil, dass hochaufgelöstes, datenreiches Informationsmaterial (Röntgenbilder, klinische und histologische Bilder) in ergonomischer Weise erschlossen und zum gewünschten Zeitpunkt übermittelt werden kann. Die Diskussionszeit ist somit unbelastet von technischen Details und steht ausschließlich der inhaltlichen Bearbeitung des Datenmaterials zur Verfügung.
Die Geschwindigkeit und Ergonomie der Informationsübermittlung spielt in der Anwendung der Telemedizin – sollte sie einmal zur Routine in der ärztlichen Praxis und in paramedizinischen Anwendungsgebieten kommen – eine entscheidende Rolle. Schlüsselfaktoren sind in diesem Zusammenhang neben voraussichtlich in den nächsten Jahren sich weiter verbessernden Algorithmen zur Bildkompression und immer „breitbandigeren“ und kostengünstiger verfügbaren Netzwerkverbindungen evolutionäre Lernprozesse, die es ermöglichen, klassische Elemente des ärztlichen Arbeitens und der elektronischen Kommunikation zu verbinden. In diesem Zusammenhang sei auf den Beitrag „Zwischen Zukunftsvision und Realität“ (6) verwiesen. Rechtliche Aspekte bei der Internetpublikation werden in einem Artikel von Heike E. Krüger-Brand erläutert, der auch nützliche Link-Hinweise enthält (2).
Zahlreiche ungeklärte Fragen hindern Ärzte Telemedizin einzusetzen. Die Probleme liegen zu einem großen Teil im Bereich des Datenschutzes: Die Übermittlung elektronischer Daten kann nicht ohne Einwilligung des Patienten erfolgen und verhindert zum Beispiel direktes „Videoconferencing“ zweier Ärzte, um über einen Patienten zu diskutieren. Darüber hinaus bestehen immer noch weitreichende technische Probleme im Hinblick auf die Kompatibilität der Kommunikationspartner und ihrer multimedialen Komponenten. Hinzu kommt, dass zurzeit bestehende Ausbildungs- und Informationsdefizite die erforderliche Akzeptanz bei Ärzten, Krankenkassen, Patienten und gesundheitspolitischen Institutionen verhindern. Die fehlende Kenntnis und Auseinandersetzung mit der Thematik Telemedizin erklärt auch den Umstand, dass bislang weder die Möglichkeiten einer Vergütung noch potenzielle Haftungsfragen insbesondere bei grenzüberschreitenden telemedizinischen Aktivitäten geregelt sind (5).
In dieser Grauzone formieren sich jedoch schon heute E-Health-Zentralen und Konsultationszentren, die ihre Dienste anbieten. Sofern gültige ethische und juristische Spielregeln befolgt werden, ist gegen diese Entwicklung nichts einzuwenden. Sie mag im Gegenteil zu einer zügigen Festlegung verbindlicher Grundlagen dienlich und damit selbstregulierend sein.
Der notwendige formale und inhaltliche Reifungsprozess der Telemedizin wird letztlich durch die Fülle zukünftiger Anwendungsmöglichkeiten zu einer wesentlichen Bereicherung und Verbesserung im Gesundheitswesen führen (3).
Hohes Anwendungspotenzial
Diese Anwendungsmöglichkeiten beinhalten Konsultationen, die bei Bedarf online oder offline nach dem Store-and-forward-System erfolgen können sowie die weltweite Konsultation von Fachexperten. Ferner besteht die Option, medizinische Dokumente und Informationen zu übermitteln. Spezialisten in Kompetenzzentren können Kontrolluntersuchungen in der Peripherie supervidieren, und eine Zweit- oder Drittmeinung kann eingeholt werden. Darüber hinaus können Konferenzen mit Konsultations- und/ oder Fortbildungscharakter und die medizinische Aus- und Weiterbildung gestaltet werden.
Anwendungsgruppen und Partner telemedizinischer Aktivitäten schließen Allgemein- und Spezialärzte, Krankenhausärzte, paramedizinische Gesundheitsinstitutionen sowie nichtärztliche Versorgervereinigungen in der Peripherie ein. Dieser Kreis wird durch Apotheken, Drogerien, die pharmazeutische Industrie, Versicherungen und den Patienten und eine gesundheitsbewusste Bevölkerung erweitert.
Einige medizinischen Fachbereiche eignen sich in besonderer Weise für den Einsatz der Telemedizin und sind heute bereits in unterschiedlichem Maß aktiv. Es handelt sich um Disziplinen, die wesentlich mit makroskopischer oder mikroskopischer bildgebender Diagnostik arbeiten. So gehört die Teleradiologie zu den Pionieren auf dem Gebiet der Telemedizin. Darüber hinaus nutzen die Fachdisziplinen Pathologie, Dermatologie, Kardiologie, Orthopädie, Pädiatrie, Psychiatrie, Diabetologie, Neurologie, Onkologie, Otorhinolaryngologie sowie viele andere Spezialitäten, die sich um eine Verbesserung ihrer fachspezifischen Patientenversorgung bemühen, telemedizinische Kommunikation.
Die virtuelle Medizin ist bereits Realität, die das Gesundheitswesen und daran angegliederte kommerzielle Bereiche, aber auch die Kommunikationskultur zwischen Ärzten und Patienten in Zukunft wesentlich beeinflussen wird (4). Mit der Weiterentwicklung der Informationstechnologien und einer parallelen Formulierung rechtlicher Rahmenbedingungen wird sich die Telemedizin immer mehr etablieren. Die Vertrautheit virtueller Kommunikationsformen bei einer Generation, die mit der modernen Informationstechnologie aufgewachsen ist, wird zunehmende Akzeptanz der Telemedizin auf Seiten von Versorgern (Ärzte und paramedizinische Berufsgruppen) und Patienten erzeugen und sie zu einem integralen Element der modernen Gesundheitspflege und Krankenversorgung werden lassen. Aus dem Gesundheitswesen von morgen wird die Telemedizin nicht mehr wegzudenken sein.
Manuskript eingereicht: 24. 9. 2001, revidierte Fassung angenommen: 16. 1. 2002

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2002; 99: A 1888–1890 [Heft 27]

Literatur
1. Dietzel GTW: E-Health und Gesundheitstelematik: Herausforderungen und Chancen. Dtsch Arztebl 2001; 98: A 158–161 [Heft 4].
2. Krüger-Brand HE: Internet-Recht Verantwortlichkeit im Web. Dtsch Arztebl 2001; 98: A 1161–1162 [Heft 18].
3. Petersen MJ, LaMarche D: Telemedicine: evolving technology in an e-health care world. Manag Care Q 2000; 8: 15–21.
4. Stanberry B: Telemedicine: barriers and opportunities in the 21st century. J Intern Med 2000; 247, 615–628.
5. Stanberry B: Legal ethical and risk issues in telemedicine. Comput Methods Programs Biomed 2001; 64: 225–233.
6. Stein R: Zwischen Zukunftsvision und Realität. Dtsch Arztebl 2001; 98: Heft 45, Supplement PraxisComputer.
7. Tachakra S: The changes patients expect to result from telemedicine. J Telemed Telecare 2000; 6: 295–300.
8. Whitten P, Sypher BD, Patterson JD: Transcending the technology of telemedicine: an analysis of telemedicine in North Carolina. Health Commun 2000; 12: 109–135.

Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Günter Burg
Dermatologische Klinik
Universitätsspital
Gloriastraße 31,
CH-8091 Zürich
E-Mail: burg@derm.unizh.ch

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