ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2002zu Immobilienfonds: Knallbonbons

VARIA: Schlusspunkt

zu Immobilienfonds: Knallbonbons

Dtsch Arztebl 2002; 99(27): [80]

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Was macht ein Anleger, wenn er sich über Kursverluste bei Aktien maßlos erschreckt? Richtig, er flüchtet in sichere Häfen. Das heißt also Cash, Anleihen, Gold und erst recht Immobilien.
Bei letzteren haben offene Immobilienfonds einen prima Ruf, sie hätten ordentliche Rendite und seien doch sicher, so ist immer wieder zu lesen, so steht es auch in den Prospekten. Schließlich und endlich, wer will sich denn auch eine Einzelimmobilie mit unsicherem Ausgang und womöglich noch Stress mit den Mietern ans Bein binden. Also rein in einen dieser Glücksbringer, egal ob sie nun Hausinvest, Deka-Immobilien-Fonds, Difa-Fonds Nr. 1, Grundbesitz-Invest oder Grundwert-Fonds DEGI heißen.
In der Tat profitiert die Branche genau von diesen Ängsten der Börsianer. Bis Mai haben die 19 offenen Immobilienfonds bei den Mittelzuflüssen einen Rekord zu verzeichnen, während die meisten anderen Fondstypen herbe Geldabflüsse erlitten, ganz besonders die nach Aktien ausgerichteten – verständlicherweise.
Den offenen Immobilienfonds flossen in den ersten fünf Monaten 8,7 Milliarden Euro zu, das sind jetzt schon mehr als die 7,4 Milliarden für das Gesamtjahr 2001. Unglaublich, aber wahr.
Ob der durch Fluchtimpulse ausgelöste Herdentrieb aber wirklich lobenswert ist, bezweifle ich durchaus. Gut, was die Masse macht, lässt gewisse Exkulpationschancen erahnen, für den Fall, dass es schief geht, aber ob es investitionstechnisch immer so angemessen ist, obliegt sicher anderen Kriterien.
Die meines Erachtens entscheidende Frage für den
Kauf eines offenen Immobilienfonds ist – neben Timingaspekten – dessen Werthaltigkeit. Und unter diesem Blickwinkel mache ich mir durchaus Sorgen, ob den Anlegern wirklich klar ist, welches potenzielle Sorgenkind sie sich ins Depot legen (oder legen lassen).
Wohl wahr, dass ein offener Immobilienfonds auf Jahresbasis noch nie einen Verlust ausgewiesen hat, das ändert aber am Vorsichtsprinzip für die Zukunft nichts. Denn: Bei Gewerbeimmobilien hat die Branche mit ganz erheblichen Leerständen zu kämpfen, die schließlich keine Erträge abwerfen. Darüber hinaus sind die Fonds gerade wegen der enormen Mittelzuflüsse gezwungen, Gelder in Objekte zu investieren, die
im Normalfall mangels Bonität oder Rentabilität keine Chance hätten.
Viele Fonds versuchen, diesen Anlagenotstand dadurch zu umgehen, dass sie verstärkt ins Ausland gehen. Glauben sie wirklich, dass sich dadurch eine Risikominimierung erreichen lässt? Ich vermute eher das Gegenteil. So gesehen, kann sich die süße Flucht-Idee, raus aus Aktien, rein in Immobilienfonds, sehr wohl als Knallbonbon entpuppen.
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