ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2002Hydra-Studie: Multimorbidität wird unterschätzt

AKTUELL: Akut

Hydra-Studie: Multimorbidität wird unterschätzt

Dtsch Arztebl 2002; 99(28-29): A-1933 / B-1629 / C-1525

EB

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LNSLNS Fast jeder zweite Patient in der Allgemeinarztpraxis leidet an arterieller Hypertonie, und jeder fünfte Patient hat Diabetes mellitus. Diese Krankheiten treten häufig gemeinsam auf und sind bei mehr als 80 Prozent mit weiteren schwerwiegenden Begleit- und Folgeerkrankungen – wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenversagen, Neuropathie – verbunden. Die Größenordnung der Folge- und Begleiterkrankungen sowie das Ausmaß der diagnostischen und therapeutischen Herausforderungen für die behandelnden Ärzte wurden bislang massiv unterschätzt. Das sind zentrale Ergebnisse der bundesweiten epidemiologischen Studie Hydra (Hypertension und Diabetes Risk Screening und Awareness Study), die jetzt am Klinikum Großhadern der Universität München vorgestellt wurde. Mit 1 912 teilnehmenden Allgemeinarztpraxen und 45 125 untersuchten Patienten stellt Hydra die weltweit größte Untersuchung ihrer Art dar.

Ausgeprägte Multimorbidität ist danach die Regel in der ärztlichen Versorgung – 17 Prozent der Patienten mit Hypertonie und Diabetes wiesen mehr als sechs verschiedene Diagnosen auf. „Dies verdeutlicht, dass der Hausarzt bei diesen Patienten äußerst komplexe diagnostische und therapeutische Situationen nicht als Ausnahmesituation, sondern als Regelfall vorfindet“, erklärte Studienleiter Prof. Hans-Ulrich Wittchen (München/Dresden). Bereits eine Vorstudie hatte gezeigt, dass Markeruntersuchungen zur Bestimmung des individuellen Risikoprofils zu selten eingesetzt werden. Nahezu 50 Prozent der befragten Ärzte gaben an, „nie oder nur gelegentlich“ auf Mikroalbuminurie zu testen. Am Untersuchungstag der Hauptstudie wurden alle Patienten getestet und eine Mikroalbuminurie bei circa 15 Prozent der 16- bis 50-Jährigen festgestellt, mit einem Anstieg auf circa 30 Prozent bei den über 80-Jährigen. Die Diagnose der Ärzte weicht jedoch oft von diesem klinischen Befund ab: Nur in etwa einem Drittel der Patienten mit nachgewiesener Mikroalbuminurie stellen sie die Diagnose Nephropathie. Die Nierenschädigung wird also in ihrem frühesten Stadium zu selten erkannt.

Die Hydra-Studie belegt außerdem erneut, dass etwa die Hälfte der Hypertoniker medikamentös nicht zufriedenstellend eingestellt ist. Vor allem jüngere Personen und solche ohne akute Beschwerden werden häufig nicht als Hypertoniker erkannt. Und 42 Prozent der therapierten Hochdruckpatienten sind nach wie vor hyperton. Die Ergebnisse von Hydra weisen nach Ansicht der Studienärzte darauf hin, dass das Vorliegen mehrerer Erkrankungen eine gute Einstellung von Diabetes und Hypertonie erschwert. Leidet ein Diabetiker an zwei oder drei weiteren Erkrankungen, ist sein Blutzucker um den Faktor 8 schlechter eingestellt als bei Patienten ohne Zusatzdiagnosen. EB
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