ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2002Analog-Arzneimittel: Zu Unrecht verteufelt?

POLITIK

Analog-Arzneimittel: Zu Unrecht verteufelt?

Rabbata, Samir

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LNSLNS Analog-Präparate stehen wegen ihres angeblich geringen therapeutischen Zusatznutzens in der Kritik. Die Pharmaindustrie rückt die vermeintlichen Kostentreiber in ein neues Licht.

Die Lösung für die Finanzprobleme der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) könnte so einfach sein. Ärzte verschreiben weniger so genannte Analog-Präparate, und die Krankenkassen sparen dadurch Milliardenbeträge. Das glaubt zumindest Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt. Sie ist überzeugt: Analog-Präparate gehören zu den größten Kostentreibern bei den Arzneimittelausgaben. Sie sind oftmals teurer als das Original und besitzen nur einen geringen therapeutischen Zusatznutzen.
Ganz so einfach könne man es sich nicht machen, sagen jetzt Experten des Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (Iges)* und bringen damit Schmidts Argumentation ins Wanken. Analog-Präparate würden eventuell zu Unrecht als teure „Scheininnovationen“ verteufelt. Im Auftrag des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) fanden die Wissenschaftler heraus: Die Verschreibung von Analog-Arzneimitteln kann sogar kostensparend wirken.
Zumindest seit den 90er-Jahren lasse sich nachweisen, dass Analog-Arzneimittel unter den noch patentgeschützten Arzneimitteln einen Preiswettbewerb auslösen, der meist kostenmindernd wirkt. Dr. Bertram Häussler, Geschäftsführer des Iges, schränkte bei der Präsentation der Studie in Berlin jedoch ein, dass man sich bei der Ermittlung von Effekten auf die Ausgaben der GKV auf die Jahre nach 1989 beschränkt habe. Erst seit diesem Zeitpunkt habe eine stärkere staatliche Regulierung des Arzneimittelmarktes eingesetzt. Beobachtet wurden deshalb lediglich die Wirkstoffgruppen der Protonenpumpeninhibitoren sowie der Benzodiazepin-Rezeptor-Agonisten, die nach 1989 eingeführt wurden und auch schon Generika hervorgebracht hätten.
Experten ermitteln Einspareffekte
Im Bereich der Protonenpumpeninhibitoren zeige sich, so Häussler, dass der Wettbewerb zwischen Original- und Analog-Wirkstoffen in der Zeit vor der Einführung der Generika zum einen zu Preissenkungen und
zum anderen zu einer Verlagerung von verordneten Mengen zu preisgünstigeren Analog-Präparaten geführt habe. Insgesamt hätten die Kassen so rund 205 Millionen Euro einsparen können. Bei den Benzodiaze-pin-Rezeptor-Agonisten führten die Analog-Wirkstoffe im gleichen Zeitraum allerdings zu Mehrausgaben von rund 31 Millionen Euro, räumte Häussler ein. Unter dem Strich sei es aber durch das Angebot von Analog-Wirkstoffen zu deutlichen Einsparungen gekommen.
Die Pharmaindustrie sieht sich erwartungsgemäß durch die Ergebnisse der Iges-Studie bestätigt. Die Diskriminierung von Analog-Präparaten als „Me-Toos“ mit „geringem Zusatznutzen“, aber „wesentlich höheren Kosten“ sei nach diesen Studienergebnissen schlicht falsch, sagte Dr. Dr. Andreas Barner, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des VFA. Die Studie habe verdeutlicht, dass es sich bei Analog-Präparaten in den meisten Fällen um Ergebnisse von Parallelforschung handelte. Barner: „Die Erforschung und Entwicklung eines Wirkstoffs spielt sich zunehmend in einem weltweit vernetzten Informationssystem ab. Dass ein Unternehmen ein neues Arzneimittel unbemerkt von anderen erforschen oder gar klinisch testen kann, ist ausgeschlossen.“
Arzneimittelforschung sei ein Prozess schrittweiser Verbesserungen. Gewonnene Erkenntnisse würden in die Forschungsarbeit vorgelagerter Stufen einfließen und verbesserten die Ergebnisse in Form neuer Analog-Wirkstoffe. Insofern sei auch die pauschale Kritik am vermeintlich mangelnden therapeutischen Zusatznutzen nicht hinnehmbar. „Die aktuelle Essential Drugs List der WHO enthält nicht nur Erstsubstanzen, sondern eine große Zahl von Analog-Wirkstoffen, was deren Bedeutung
in der Standardtherapie schwerer Krankheiten unterstreicht“, betonte Barner.
Differenzierte Betrachtung
Für eine differenzierte Betrachtung dieses Arzneimittelbereichs sprach sich der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, aus. Zum einen gebe es Analog-Arzneimittel, die Ergebnis paralleler Forschungsanstrengungen seien und unmittelbar nach Erscheinen des Originalpräparats auf den Markt gebracht würden. Diese Präparate könnten in der Tat günstiger sein als das Original und zu Einsparungen führen. Zum anderen gebe es aber auch eindeutige „Schein-
innovationen“, so genannte „Me-toos“. „Läuft der Patentschutz des
Originalpräparates ab, werden diese leicht modifizierten Arzneimittel auf den Markt geworfen. Wegen ihres Patentschutzes sind sie in der Regel deutlich teurer als entsprechende Generika.“ Hier gelte es, zwischen „echten“ Analog-Präparaten und Me-too-Produkten zu unterscheiden, so Richter-Reichhelm. Samir Rabbata
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