ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2002Kran­ken­ver­siche­rung: Mehr Engagement der Krankenkassen erwartet

POLITIK

Kran­ken­ver­siche­rung: Mehr Engagement der Krankenkassen erwartet

Clade, Harald

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LNSLNS AOK-Forschungsinstitut befragt Versicherte zu Reformoptionen.

Die Versicherten der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) erwarten eine aktivere Rolle ihrer Kran­ken­ver­siche­rung bei der Gestaltung des Leistungsangebots, der Gesund­heits­förder­ung, der Beratung und in der Vertragspolitik mit den Leistungserbringern. Die meisten Versicherten verteidigen das Solidaritätsprinzip als tragendes Gestaltungsprinzip der Kran­ken­ver­siche­rung. Ein grundlegender Systemwechsel und eine Privatisierung des Krankheitsrisikos werden dagegen abgelehnt. Dies ist die Quintessenz einer Umfrage, die die Einstellung der Mitglieder zu ihren Krankenkassen und zu den Reformoptionen untersuchte.
Sozialwissenschaftler des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WidO), Bonn, haben bei ihrer Befragung allerdings die Themen exakt auf den Forderungskatalog der Krankenkassen abgestellt und die Fragen zum Teil suggestiv formuliert. Dementsprechend positiv fiel sie für Ortskrankenkassen aus.
84 Prozent der Befragten sind mit dem Finanzierungs- und Strukturprinzip der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung einverstanden. Lediglich 6,3 Prozent halten nichts von einer solidarisch finanzierten Kran­ken­ver­siche­rung. Diese Meinung ist unabhängig vom Einkommen der Versicherten. Eine individuellere Vorsorge der Versicherten gegen das Krankheitsrisiko wird ambivalent eingeschätzt: Fast 38 Prozent der GKV-Mitglieder stimmen zu, 30,4 Prozent lehnen ab, und ein Drittel (31,8 Prozent) urteilt mit „teils, teils“. Eine mehr eigenfinanzierte Absicherung des Krankheitsrisikos wird von der jüngeren Generation (der unter 20-Jährigen) mit fast 50 Prozent am häufigsten befürwortet. Schüler und Auszubildende folgen mit 42,7 Prozent vor den Höherverdienenden (41,5 Prozent) und den Selbstständigen (40,2 Prozent). Dagegen lehnen die Senioren (60 Jahre und älter) und Versicherte, die bereits gesundheitlich angeschlagen sind, eine eigenfinanzierte, individuelle Vorsorge mit 38,2 Prozent beziehungsweise 37,8 Prozent ab.
Gesund­heits­förder­ung
Immer mehr Versicherte wünschen, dass sich die Krankenkassen im Bereich der Gesund­heits­förder­ung und der Prävention stärker als bisher engagieren. 73 Prozent meinen, dass sich die Krankenkassen stärker auch im betrieblichen Gesundheitsschutz und bei Gesund­heits­förder­ungsmaßnahmen der Unternehmen beteiligen sollten. Bei Arbeitern und Versicherten in einer Lohn- und Gehaltsklasse bis zu 1 500 Euro monatlich liegt die Zustimmung bei rund 77 Prozent. Nahezu 60 Prozent der Versicherten erwarten von den Krankenkassen, dass sie wie bisher Kurse, Beratung und Informationen zur Gesund­heits­förder­ung anbieten. Der Befragung zufolge, die Anfang 2002 durchgeführt wurde, fühlen sich die meisten Versicherten über die politischen Absichten, die Disease-Management-Programme für drei Krankheitsbilder kurzfristig einzuführen, informiert. 98,6 Prozent empfinden es als „wichtig“ oder als „sehr wichtig“, dass die Kassen chronisch Kranke intensiv betreuen und die Behandlung optimal organisieren. Fast 94 Prozent der Befragten halten es für „wichtig“, dass ihre Krankenkasse die Patienten umfassend über Erfolgsaussichten und Behandlungsalternativen berät. Imagefaktoren einer Krankenkasse spielen bei den Versicherten offenbar eine eher untergeordnete Rolle: 57,3 Prozent der Befragten meinen, es sei wichtig, dass es sich bei der von ihnen gewählten Krankenkasse um eine etablierte Versicherung „mit einem guten Namen“ handelt.
Fast drei Viertel der Befragten meinen, dass ihre Krankenkasse stärker als bisher Kooperationen mit Ärzten und anderen Leistungserbringern testen sollte, damit die Zusammenarbeit optimiert werden kann. Rund zwei Drittel der Befragten (64,4 Prozent) unterstützen ihre Kasse darin, dass sie sich um eine bessere Verzahnung von ambulanten und stationären Leistungen bemühen sollte. Die Zustimmung sinkt allerdings dort, wo der Versicherte der medizinischen Leistungsempfehlung und der Kompetenz der Krankenkassen vertrauen soll. So sind es zwar noch 55 Prozent der gesetzlich versicherten Mitglieder, die auf eine stärkere Unterstützung bei der Auswahl eines geeigneten Krankenhauses bauen, wenn die Krankenkasse jedoch selbst zum Anbieter ärztlicher Leistungen werden soll, stimmt nur noch ein Viertel (24,7 Prozent) der Kassenmitglieder zu.
Die überwiegende Mehrheit der Versicherten befürwortet eine stärkere Rolle ihrer Krankenkassen bei Vertrags- und Honorarabschlüssen mit den Ärzten. 77 Prozent pflichten ihrer Krankenkasse bei, „schlecht arbeitende Ärzte“ von der Versorgung auszuschließen. 73 Prozent meinen, dass die Krankenkasse die Bezahlung mit jedem Arzt einzeln vereinbaren sollte. Zwei Drittel der Befragten (63 Prozent) urteilen, dass die Krankenkasse künftig „guten“ Ärzten mehr bezahlen sollte als „weniger guten“.
Fast 60 Prozent der Mitglieder befürworten eine Stärkung der Rolle des Hausarztes und würden sich auch einem Einschreibesystem für die hausärztliche Versorgung stellen. 48 Prozent halten eine solche Reformoption für sinnvoll, 27 Prozent sind unentschieden, und rund 15 Prozent lehnen eine gestärkte Hausarztrolle mit Einschreibeverfahren ab. Das Ansehen der Hausärzte ist bei den Befragten hoch. Fast 80 Prozent teilen die Aussage, der Hausarzt sei der Arzt des Vertrauens und kenne seinen Patienten am besten. Dr. rer. pol. Harald Clade
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