ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2002Deutscher Ärztetag: Unglaubliche standes-politische Behandlung

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Deutscher Ärztetag: Unglaubliche standes-politische Behandlung

Dtsch Arztebl 2002; 99(28-29): A-1957 / B-1686 / C-1567

Seitz, Christoph

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LNSLNS Man kann alles auch immer noch schlechter machen, zumindest in der deutschen Ärzteschaft.
Aufgabe wäre es gewesen, das Fach Allgemeinmedizin seiner Bedeutung entsprechend endlich inhaltlich zu strukturieren und die entsprechende klinische Ausbildung in den Krankenhäusern notfalls durch administrative Maßnahmen zu verankern.
Gelungen ist dem BDA, und namentlich Herrn Kossow, die Zerschlagung des Fachs der Inneren Medizin, das vor allem offensichtlich den Nachteil hatte, wissenschaftlich seriös, mittels einer fundierten Weiter­bildungs­ordnung in der dafür notwendigen langen Weiterbildungszeit gut zu funktionieren und höchstes Ansehen bei den Patienten zu genießen.
Angesichts des allseits grassierenden Qualitätssicherstellungsgelabere liest das staunende Auge nun, dass man Arzt für Innere Medizin nun in drei Jahren werden kann, allerdings sind noch zwei Jahre Allgemeinmedizin zu leisten, und man hat dann einen schönen neuen deutschen Doppelnamen. Wie das in der konkreten Weiterbildung auszusehen hat, weiß zwar noch niemand genau, geschweige denn die Umsetzung, Übergangsregelung und Details. Dafür feiert Herr Hoppenthaller in einem Rundbrief des BDA Bayern bereits am 10. Juni 2002 den „epochalen Beschluss“. Und fordert mich auf, dem BDA aktiv beizutreten, da der Zwitterverband BDI nicht in der Lage sei, meine Interessen zu vertreten. Nur so aber, Hoppenthaller weiter, könne ich auch auf Inhalte der Weiter­bildungs­ordnung „Doppler-Sonographie, Gastroskopie“ Einfluss nehmen, die dann auch zum Gegenstand „vertragsärztlicher Tätigkeit“ werden. Selbstverständlich werde ich bis 31. Dezember 2002 beitragsfrei gestellt, um eine Doppelbelastung zu vermeiden.
Als ich mich vor knapp drei Jahren niedergelassen habe, konnte ich wählen zwischen dem „Bankrott-Modell“ einer fachärztlich internistischen Tätigkeit, oder einer so genannten „hausärztlich-internistischen Praxis“ mit der ich dank BDA die in meiner Weiterbildung erworbenen Qualifikationen auf den Misthaufen werfen musste. Damals ist auch über die Zukunft der „jungen Kollegen“ entschieden worden, aber nicht mit flammendem Pathos wie auf dem vergangenen Ärztetag. Pathos gegen Gruppeninteressen ist auch immer nur zu verspüren, wenn es um ganz besondere Besitzstandswahrung geht.
Meine Generation wurde seit den 80er-Jahren standespolitisch in unglaublicher Art und Weise behandelt. Die Lehre an den Hochschulen verflachte, einer Studienreform wurde sich konsequent verweigert. Der AiP machte uns zu den Trotteln in den Kliniken, nebenbei brachte man uns um mindestens 80 000 DM Gehalt in den ersten Berufsjahren.
Als Zugabe wurden wir in diesen Boomzeiten gleichzeitig zur beliebigen Verfügungsmasse von Verwaltungsleitern und leider auch von vorgesetzten Kollegen. Was es heute ökonomisch bedeutet, eine Praxisgründung zu schultern, erschließt sich den immer gleichen Ärztepolitikern, die unsere Einheit beschwören und gegen sie handeln, offensichtlich noch nicht einmal im Ansatz. Jedes Quartal vermüllen wir mehr in administrativen Vorschriften, Pseudoqualifikationsprogrammen, Gängelungen von Versicherungen, Krankenkassen und der KV. Gleichzeitig decken die GKV-Honorare kaum die Betriebs- und Lohnkosten. Das Ergebnis wird wie immer sehr spät dämmern. Derjenige, den es noch in das Medizinstudium verschlägt, wird, soweit er seine sieben Sinne zusammenhalten kann, alles anstreben, nur nicht eine berufliche Laufbahn in der Medizin . . .
Dr. med. Christoph Seitz, Plattlingerstraße 45, 81479 München
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