ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2002Diabetes mellitus: Das Problem liegt in der Patientenführung
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LNSLNS In Südbaden wird das erste DMP Diabetes gestartet. Rechtzeitig warnten daher die beiden Berichte im DÄ. Gibt es aber wirklich nur das Modell Sawicki oder das Modell Schulze?
Laut Prof. Sawicki gelang es nicht, „trotz aller medizinischen Fortschritte die dramatisch erhöhte Rate kardio- und zerebrovaskulärer Komplikationen zu reduzieren“.
Folglich setzt er zentral auf die Blutdrucksenkung, was sich mit der UKDP-Studie begründen lässt. Deren Ergebnis ist, dass im Gegensatz zu jeder, wie auch immer gearteten, medikamentösen Zuckersenkung, nur die korrekte RR-Einstellung eine messbare Lebensverlängerung und Komplikationensenkung bringt. Allerdings betrachtet die Studie nur die diabetisch schlecht geführten Typ-II-Diabetiker, sodass zwangsläufig Spätschäden und Sekundärleiden im Vordergrund der Lebenserwartung stehen. Die zunächst paradox wirkende Überlegenheit der Blutdrucksenkung als Mittel der ersten Wahl gegen Diabetes liegt in der Therapie-Beschränkung auf die Komplikationen.
Prof. Schulze fordert „unverzichtbar“ eine „normnahe“ Einstellung von Blutzucker, Blutdruck und Blutfetten und „den Einsatz innovativer Medikamente“, hält also an all dem fest, was den Anstieg der Komplikationsrate erwiesenermaßen nicht stoppen konnte. Für die Lipidsenkung bei Diabetes gibt es keine wissenschaftliche Rechtfertigung, es sei denn, sie ist verbunden mit einer gleichzeitigen Reduktion von Energieträgern, egal welcher Herkunft. Bislang ist die UKPDS die einzige Studie zur medikamentösen Therapie schlecht eingestellter Typ-II-Diabetiker. Laut UKPDS haben über zehn Jahre weder orale Antidiabetika noch Insuline eine Zustandsbesserung bewirkt im Vergleich zur unbehandelten Kontrollgruppe. Und: Die Lebenserwartung der mit Insulin behandelten Typ-II-Diabetiker steigt nicht, sondern wird sogar deutlich verkürzt – trotzdem fordert Schulze weiter die Insulinbehandlung! Schulze spricht drittens, um den massiven Einsatz von Medikamenten zu begründen, von dem „falschen Verständnis des Typ-II-Diabetes als blandem Alters-Diabetes“, was jedoch nicht die Definition ist. Hoher Medikamenteneinsatz definiert den Diabetes-Typ-II erst richtig falsch, denn der Typ-II-Diabetes ist der nicht-insulinpflichtige Diabetes, der in 94 % mit Übergewicht und stets mit Fehlernährung einhergeht (Typ-IIa).
So widersinnig es klingt: Die UKPDS lässt den Schluss zu, dass die dramatische Erhöhung der Fälle von diabetischen Komplikationen nicht trotz, sondern wegen des Einsatzes aller Fortschritte (gemeint sind die pharmakologischen) in der Medizin stattfand.
Was Schulze leider nicht für „unverzichtbar“ hält, ist das Wiegen und die Diätberatung, die Anleitung zu koronarpräventivem Sport, selbst die Kneipp-Therapie etc., alles nichtmedikamentöse Wege, die sich als fortschrittlich und überlegen erwiesen haben. Die UKPDS beschäftigt sich zwar nicht mit den diätetisch gut Eingestellten, trotzdem darf angenommen werden, dass Komplikationen hier selten sind, sonst hätten wir das Problem der stark erhöhten Diabeteskomplikationen bei diätetisch gut eingestellten Diabetikern, und das haben wir bekanntlich nicht. Die bisherige Diabetesbehandlung ist grundfalsch. Aber auch beide DMP-Ansätze sind es. Ein DMP darf weder an alten Fehlern kleben, noch desillusioniert nur die Spätkomplikationen behandeln! Es soll fragen, wie man die Diätberatung und Gewichtsreduktion effektiver und akzeptabler macht, denn das Problem liegt in der Patientenführung. Bevor Komplikationen bei den diätetisch und bewegungsmäßig falsch lebenden und kaum beeinflussbaren Patienten die Therapie final zum Scheitern bringen, wäre ausgiebig nutzbare Zeit, dem Raubbau durch Fehlverhalten primär gegenzusteuern. Nur in diesem Kontext gebe ich Herrn Prof. Schulze Recht, wenn er sagt, die Folgeschäden werden deutlich zunehmen.
Das tun sie schon seit Jahren.
Literatur beim Verfasser
Dr. Karlheinz Bayer, Forsthausstraße 22, 77740 Bad Peterstal
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