VARIA: Schlusspunkt

zu Aktien: Prügelknaben

Dtsch Arztebl 2002; 99(28-29): [92]

Rombach, Reinhold

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Wenn sich am Neuen Markt Aktien an einem einzigen Tag um 30 Prozent nach oben oder unten bewegen, denkt sich kaum jemand was dabei – Zockerbude halt. Wenn Gleiches im Bereich renommierter DAX-Aktien oder Euro-STOXX-Titel geschieht, dann ist zumindest Verwunderung angesagt.
Gestern fielen Alcatel in einer Börsensitzung um 40 Prozent, Tage zuvor rauschten France Telecom um 20 Prozent nach unten, Vivendi Universal entsetzte die Anleger mit mehrfachen zweistelligen Tagesverlusten. Die Zahl der Prügelknaben ließe sich beliebig erweitern. Was geschieht da eigentlich derzeit?
Zwei Gründe gibt es für das derzeitige Phänomen eklatanter Kurssprünge. Zum einen ist die Verunsicherung der Marktteilnehmer riesengroß. Kaum jemand – das gilt auch für Manager großer Fonds – traut sich, einer Aktie die Treue zu halten und wirft den Titel beim geringsten Gerücht über etwaige Unregelmäßigkeiten weg. An dieser Malaise sind aber die Unternehmen zum Teil nicht schuldlos. Zu viele betreiben meines Erachtens eher eine Informationsverhinderungspolitik als alles andere (Deutsche Telekom, MLP, WCM, Siemens, SGL Carbon beispielsweise).
Auf der anderen Seite gewinnt mit den so genannten Hedge Fonds eine Anlegerclique an Gewicht und Einfluss, die durchaus als maßlos zu bezeichnen ist. Diese Fonds verfügen über Milliardenbeträge und unterliegen oft genug nur einer geringen Finanzaufsicht, weil sie in irgendeiner Steueroase domizilieren.
Wenn es ihnen gefällt, dann prügeln sie eine Aktie mit gewaltigem Kanonendonner nach unten. Das, weil sie den Wert vorher „leerverkauft“ haben, sich an fallenden Kursen also dumm und dusslig verdienen.
Wen es im Detail interessiert, Leerverkäufe und die „passende Story“ funktionieren so: Die Siemens-Aktie kostet zurzeit 55 Euro. Der Hedge Fonds verkauft die Aktie, die er nicht hat, heute (!) für 55 Euro, Liefertermin aber erst in vier Wochen. Jetzt wird über London das Gericht gestreut, Siemens habe bei den Pensionsverpflichtungen auch „Dreck am Stecken“, die Bilanz sei an der Stelle wohl geschönt.
Gewünschte Folge: Der Markt reagiert entsetzt, Siemens rauschen nach unten, etwa auf 35 Euro. Jetzt erst kauft der Hedge Fonds und zwar exakt zu diesem Kurs. Nach diesem einen Monat liefert der Hedge Fonds die Siemens-Aktien und streicht einen satten Gewinn von 20 Euro je Aktie ein.
Ähnlichkeiten mit lebenden börsennotierten Gesellschaften sind durchaus beabsichtigt und zur Nachahmung trotzdem nicht empfohlen.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema