ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2002Östrogenmonotherapie: Erhöhtes Risiko für Ovarialkarzinome

AKTUELL: Akut

Östrogenmonotherapie: Erhöhtes Risiko für Ovarialkarzinome

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Die Ergebnisse der abgebrochenen Women’s-Health-Initiative-(WHI-)Studie haben den Nutzen der langfristigen Hormonersatztherapie mit Östrogen-Gestagen-Kombinationen infrage gestellt (siehe „Medizinreport“). Jetzt gibt es Zweifel an der Sicherheit von Östrogenmonopräparaten. Eine Kohortenstudie (JAMA 2002; 288: 334–341) ergab ein erhöhtes Risiko von Ovarialkarzinomen. Da Östrogene das Risiko von Endometriumkarzinomen um das Sechs- bis Achtfache erhöhen, sind Monopräparate nur für hysterektomierte Patientinnen erlaubt. Eine Konsequenz der jetzt vorgelegten Studie könnte sein, dass in Zukunft auch eine Oophorektomie zur Voraussetzung wird. Denn die Analyse von James Lacey vom National Cancer Institute in Rockville zeigt, dass Östrogene je nach Dauer der Einnahme das Risiko von Ovarialkarzinomen erhöhen. Lacey hat die Daten der früheren Teilnehmerinnen des Breast Cancer Detection Demonstration Projects ausgewertet, eines Mammographie-Screeningprogramms, das zwischen 1973 und 1980 durchgeführt wurde. Die 44 241 Frauen waren damals 56,6 Jahre alt und wurden danach über etwa 20 Jahre nachbeobachtet. Hauptergebnis war ein Anstieg des Ovarialkarzinomrisikos bei einer Dauer der Hormonersatztherapie mit Östrogenmonopräparaten von zehn bis 19 Jahren um 80 Prozent. Wenn die Frauen die Hormone 20 Jahre oder länger eingenommen hatten, stieg das Risiko um 220 Prozent (relatives Risiko 3,2). Für die kombinierten Östrogen-Gestagen-Kombinationen, die durch die WHI diskreditiert wurden, war das Risiko hingegen nicht erhöht.

Dass die Monotherapie möglicherweise das Risiko von Ovarialkarzinomen erhöht, hatten kürzlich bereits zwei Studien ergeben. Eine große prospektive Studie aus dem letzten Jahr (JAMA 2001; 285: 1460–1465) kam zu dem Ergebnis, dass eine postmenopausale Östrogen-Einnahme über zehn Jahre oder länger mit einer erhöhten Ovarialkarzinomsterblichkeit assoziiert war. Kürzlich ergab eine schwedische Studie (J Natl Cancer Inst 2002; 94: 497–504), dass Östrogen allein und Sequenz-Präparate einer Östrogen-Progestin-Kombination (Progestin über etwa 10 Tage/Monat) das Risiko erhöhen könnten. Dagegen schien eine Östrogen-Progestin-Kombination mit kontinuierlicher Progestingabe (über 28 Tage/Monat) unbedenklich zu sein. Die vielen Varianten der Hormontherapie machen eine Risikoeinschätzung im Einzelfall schwierig.

Lacey sieht eine Reihe offener Fragen.
Unklar sei, ob Dauer oder Dosis der Östrogene wesentlich für das Risiko sind. Die Frage der optimalen Therapiedauer sei ebenso offen wie der Typ der Kombination. Schließlich könnte auch die Applikationsart (Pille oder Pflaster) durchaus einen Einfluss haben. Die Beratung der Frauen dürfte sich im Einzelfall als schwierig erweisen. Eine individuelle Abschätzung der Risiken sollte jedoch jeder Verordnung von Hormonpräparaten nach der Menopause vorausgehen, fordert der Editorialist Kenneth Noller von der Tufts-Universität in Boston (JAMA 2002; 288: 368–369). Die Zeiten, in denen Östrogene als „Panaceum“ betrachtet wurden, seien auf jeden Fall vorüber. Rüdiger Meyer
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