ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2002Kinderärzte: Gegen soziale Armut

POLITIK

Kinderärzte: Gegen soziale Armut

Dtsch Arztebl 2002; 99(30): A-2006 / B-1694 / C-1590

Kanders, Jo

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Plakataktion des Berufsverbandes der Kinderund Jugendärzte, vorgestellt in Würzburg
Plakataktion des Berufsverbandes der Kinderund Jugendärzte, vorgestellt in Würzburg
Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte
will die Politik zu mehr Engagement bewegen.

Mit einer Plakataktion hat der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands (BVKJ) eine Kampagne gegen Kinderarmut gestartet. Die Aktion, die auf der Jahrestagung des Verbandes in Würzburg vorgestellt wurde, sieht zunächst Plakate für alle Kinder- und Jugendarztpraxen vor. Sie appelliert an die Politik, Kinder in sozialer und materieller Armut nicht im Stich zu lassen. Nach Angaben des Präsidenten des BVKJ, Dr. med. Klaus Gritz, lebt etwa jedes sechste Kind in Deutschland unterhalb des Existenzminimums.
Nicht nur Absichtserklärungen
Auf einer Pressekonferenz beklagte Gritz die Vernachlässigung der Kinder im Rahmen der Familienpolitik: „Wir haben zwar aus Berlin viele Absichtserklärungen gehört. Aber das allein reicht uns nicht.“ Der Berufsverband fordert:
- unentgeltliche Kindertagesstätten- und Kindergartenplätze zumindest für alle sozial Schwachen,
- qualifizierte Angebote an Früh-, Bewegungs- und Sprachförderung besonders für diese gesellschaftliche Gruppe,
- eine kontinuierliche kinder- und jugendärztliche Begleitung durch einen Schularzt
- sowie Gesundheitslehre und -förderung als Schulpflichtfach.
Dazu sei auch ein gesellschaftspolitischer Umdenkungsprozess notwendig. Die Politiker trügen dem Egoismus von Singles mehr Rechnung als Familien mit Kindern, die dringend besser gefördert werden müssten, beklagte Gritz. Familien mit mehreren Kindern seien gesellschaftlich schlechter angesehen. Wer mehr als drei Kinder habe, werde bereits als asozial betrachtet. Gritz zitierte eine Aussage des Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, auf dem Deutschen Ärztetag: „Eine Gesellschaft, die sich so wenig um ihre Kinder kümmert, ist krank, degeneriert und verliert ihren humanistischen Anspruch.“
Der Berufsverband setzt sich verstärkt auch für einen Ausbau der gesundheitlichen Prävention im Kindes- und Jugendalter ein. „Nur wer sich in dieser Altersgruppe für gesundheitliche Vorsorge engagiert, kann Volks- und Zivilisationskrankheiten bei Erwachsenen verhindern“, sagte Gritz. Eine „Stiftung Prävention“ sei zwar eine löbliche Sache, aber nicht verlässlich. Nach Ansicht verschiedener Standesvertreter wäre eine Stiftung ein Ausweg aus dem Präventionsdilemma. Aus dieser Stiftung, so war vorgeschlagen worden, könnten auch niedergelassene Kinder- und Jugendärzte, die an Schulen Beratungsstunden abhalten, finanziert und somit mehr Kinder- und Jugendärzte für diese freiwillige Aufgabe gewonnen werden. Gritz wandte dagegen ein, dass Politiker sich damit aus der Verantwortung für Kinder und Jugendliche stehlen könnten. Jo Kanders
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