ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2002Arzneimittelausgaben: Die Therapie schlägt an

POLITIK

Arzneimittelausgaben: Die Therapie schlägt an

Dtsch Arztebl 2002; 99(30): A-2009 / B-1697 / C-1593

Rabbata, Samir

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LNSLNS Obwohl auch in diesem Jahr die Ausgaben für Arzneimittel steigen, scheinen die von Ärzten und
Krankenkassen vereinbarten Steuerungsinstrumente zu greifen.

Die Vertragsärzte sehen keine Möglichkeit, die Ausgaben für Arzneimittel unter das Niveau des Vorjahres zu drücken. Die mit den Krankenkassen ausgehandelten Zielvereinbarungen, wonach die Ausgaben für Arzneimittel in diesem Jahr um fünf Prozent gesenkt werden sollen, lassen sich nicht einhalten. Das gab die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) vergangene Woche in Berlin bekannt. Dr. med. Leonhard Hansen, Zweiter Vorsitzender der KBV, machte dennoch eine Trendwende bei den Arzneimittelausgaben aus. Im Mai 2002 seien die Apothekenumsätze im Rahmen der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung um 1,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Im Mai 2001 kam es dagegen zu einem Anstieg um 6,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum (Grafik). Dennoch, räumte Hansen ein, sei das mit den Kassen vereinbarte Ziel unrealistisch. Für den Anstieg sei vor allem die Entwicklung teurer Präparate für Schmerztherapien oder Krankheiten wie Alzheimer, Rheuma oder Depressionen verantwortlich. Eine Senkung der Arzneimittelausgaben unter das Vorjahresniveau sei ohne Rationierung nicht möglich, sagte Hansen. Mit einem erwarteten Anstieg der Ausgaben für Arzneimittel um unter fünf Prozent bleibe man aber deutlich unter den Werten des letzten Jahres.
Ausgepresste Zitrone
Die KBV sieht sich durch die vorliegenden Zahlen in ihrer Forderung nach mehr Eigenverantwortung für die Selbstverwaltung bestätigt. Mit dem Arzneimittelbudget-Ablösungsgesetz habe man den richtigen Weg eingeschlagen. Hansen betonte, dass der Wechsel weg von staatlichen Interventionen hin zu einer Verantwortungspartnerschaft zwischen Ärzten und Krankenkassen geglückt sei. Gäbe es diese Partnerschaft nicht, dann lägen die Arzneimittelausgaben allein in diesem Jahr um mehr als 1,1 Milliarden Euro höher. Die Zielvereinbarungen mit den Kassen hätten den Trend in die richtige Richtung in Gang gesetzt. Jetzt sei die Zitrone aber weitgehend ausgepresst, warnte Hansen.
Hart ins Gericht gingen die Kassenärzte mit der Wirtschaftspolitik der Bundesregierung. Was können Ärzte schon gegen preistreibende Marketingstrategien der Pharmaindustrie ausrichten, gibt Dr. jur. Rainer Hess, Hauptgeschäftsführer der KBV, zu bedenken. Es sei zwar zu befürworten, dass die Regierung beispielsweise im Pharmabereich Arbeitsplätze schaffen und erhalten wolle. Mittlerweile könne man aber beobachten, dass die Sozialversicherung die Zeche für einen wirtschaftlich starken Pharmasektor zahlen müsse. Dies werde schon daran deutlich, dass in Deutschland die Arzneimittelzulassung äußerst großzügig gehandhabt werde. Teure Me-too-Präparate führten zu steigenden Kosten. Dagegen seien die „Steuerungsmöglichkeiten der Ärzte“ eher bescheiden, so Hess.
Einsparungen erhoffen sich die Kassenärzte durch die Einführung eines so genannten Festzuschussprinzips im generikafähigen Markt. Nach dem Willen der KBV soll der Patient künftig die Möglichkeit bekommen, anstelle des vom Arzt verordneten Medikaments aus dem unteren Preisdrittel gegen eine Eigenbeteiligung auch ein Medikament aus dem mittleren oder oberen Preisdrittel zu wählen. „Die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung wird zwar solidarisch finanziert, aber unsolidarisch in Anspruch genommen“, sagte Hansen. Wer trotz vorhandener Alternativpräparate auf dem teureren Medikament bestehe, verhalte sich unsolidarisch und müsse deshalb den Differenzbetrag selbst zahlen.
Erwartungsgemäß stoßen in Wahlkampfzeiten derlei Vorschläge bei den Regierenden auf taube Ohren. Keinesfalls möchte die Koalition ihre Wähler mit der Androhung von Zuzahlungen für Arzneimittel verschrecken. Es verwundert deshalb nicht, dass Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt eilig in einer Pressemitteilung erklärte, dass der Ruf nach Zuzahlungen für Patienten keine Antwort auf die Probleme sei. Die Umsetzung der Zielvorgaben für 2002 „muss durch aktives zielgerichtetes Handeln der Selbstverwaltung erreicht werden“, so Schmidt. Insbesondere mit der Aut-idem-Regelung stehe den Ärzten ein wirkungsvolles Instrument zur Verfügung. „Wir erwarten, dass auch die Ärzteschaft ihren Beitrag zu den dringend erforderlichen Kostensenkungen im Arzneimittelbereich konsequent erbringt.“
Samir Rabbata
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