ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2002Krankenhaus: Kulturschock

POLITIK: Kommentar

Krankenhaus: Kulturschock

Dtsch Arztebl 2002; 99(30): A-2011 / B-1699 / C-1595

Clade, Harald

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LNSLNS Das Krankenhaus wird als Dauerarbeitsplatz für weitergebildete Klinikärzte immer unattraktiver: Immer mehr jüngere Ärztinnen und Ärzte, die nach einem zeitaufwendigen und kräftezehrenden Medizinstudium und nach Erlangung der Approbation in den ursprünglichen „Traumberuf Arzt“ streben wollten, wählen immer häufiger den „Durchlauferhitzer Krankenhaus“ als erste berufliche Pflichtanlaufstation für die Phase als Arzt im Praktikum ab. Die Gründe für den zu Recht titulierten „Kulturschock Krankenhaus“ – so der Vorsitzende des Marburger Bundes, Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Hamburg – sind sattsam bekannt. Sie sind das Gegenteil dessen, was sonst als Humanisierung der Arbeitswelt bezeichnet wird: eine inhumane Steigerung des Leistungs- und Arbeitsdruckes infolge der Leistungsverdichtung in der zentralen Institution Krankenhaus, die unzureichende finanzielle und personelle Ausstattung der Krankenhäuser, die dienstlich angeordneten Überstunden und inhumanen Marathonbereitschaftsdienste, das „miese Gehalt, gerade zu Beginn der beruflichen Tätigkeit“ (Montgomery) und vor allem die nicht mehr zeitgemäßen Arbeits- und Organisationsstrukturen in den durch überspitzte Führungshierarchien gekennzeichneten Krankenhausbetrieben. Hinzu kommen nicht mehr zeitgemäße tarifliche Bedingungen und immer mehr auf Individualverträge statt auf Flächentarife abgestellte Vertrags- und Entgeltbedingungen.
Die Klinikärztegewerkschaft Marburger Bund (MB) ist es leid, als gedulds- und belastungserprobte Vertretung der organisierten Krankenhausärzte sich noch länger vor den Karren der Politik und der Klinikarbeitgeber spannen zu lassen. Vor der Presse in Bonn kündigte Montgomery an, dass seine Organisation zusammen mit anderen verbündeten Gewerkschaften jetzt zur Tat schreiten werde: Als Erstes soll per 31. Oktober 2002 der Tarifvertrag zur Vergütung der Ärzte im Praktikum (AiP) gekündigt werden. Ein monatliches Einstiegssalär für AiP von knapp 1 000 Euro brutto (rund 700 Euro netto) sei ein Hungerlohn, ein Gehalt, das auch Ungelernte im öffentlichen Dienst beziehen. Das derzeitige AiP-Gehalt entspricht einem Drittel dessen, das Assistenzärzte beziehen. Der MB beruft sich auf die Feststellungen von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt, die im Mai vor dem Deutschen Ärztetag in Rostock postulierte: „Nirgendwo steht im Gesetz geschrieben, dass man Ärztinnen und Ärzte im Praktikum schlechter bezahlen muss als einen Assistenzarzt.“
Der MB fordert nicht nur, dass die Klinkarbeitgeber mit den Gewerkschaften die längst überfälligen Vertragsabmachungen über krankenhausspezifische Regelungen zur Arbeitszeit schleunigst unter Dach und Fach bringen, sondern auch AiP wie Assistenzärzte zu einem Einstiegsgehalt von BAT II a bezahlt werden. Dies entspräche einem Monatsgehalt von rund 2 500 bis 3 000 Euro brutto. Hochgerechnet auf alle 2 250 Krankenhäuser, entspräche dies einem Mehraufwand von 200 Millionen Euro pro Jahr – gemessen an einem Gesamtumsatz der Krankenhäuser zulasten der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung, ein Klacks. Der Betrag ist zwar nicht aus der Portokasse zu finanzieren, ist aber eine lohnende Investition. Ebenso wie die zusätzlich erforderlichen 15 000 Planstellen für Klinikärzte, wenn die zusätzlich zur Normalarbeitszeit geleisteten Bereitschaftsdienste zu 100 Prozent als Arbeitszeit gewertet werden. Dr. rer. pol. Harald Clade
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