ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2002Politik und Aids: Statt Lippenbekenntnissen werden Taten gefordert

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Politik und Aids: Statt Lippenbekenntnissen werden Taten gefordert

Dtsch Arztebl 2002; 99(30): A-2012 / B-1700 / C-1596

Zylka-Menhorn, Vera

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Die Welt-Aids-Konferenz in Barcelona verfolgte das Ziel,
medizinisches Wissen über Prävention und Therapie
der HIV-Infektion endlich in Engagement und Aktionen
für die Entwicklungsländer umzusetzen.

Während die Terroranschläge vom 11. September unter Politikern eine Welle der Solidarität ausgelöst haben und zur Folge hatten, dass für Sicherheitsmaßnahmen unverzüglich Milliarden Dollar bereitgestellt wurden, bleiben adäquate Reaktionen auf die dramatische Entwicklung der Infektionskrankheit Aids nach wie vor aus. „Dadurch werden die betroffenen Länder eine sozio-ökonomische Destabilisierung unvorstellbaren Ausmaßes erfahren, die einen erheblichen Einfluss auf die Weltpolitik haben wird“, fasste UNAIDS-Präsident Dr. Peter Piot die geballte Kritik der Delegierten der 14. Welt-Aids-Konferenz in Barcelona zusammen.
Grund zur Sorge bereiten die neuesten epidemiologischen Zahlen: Obwohl weltweit bereits 40 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert sind – die Hälfte davon sind Frauen –, befindet sich die Aids-Epidemie erst in den Anfängen. „Bis zum Jahr 2020 werden 68 Millionen Menschen an Aids verstorben sein. Und das ist eine eher konservative Schätzung“, erklärte Dr. Bernhard Schwartländer, Direktor der Aids-Abteilung der WHO. In sieben Ländern südlich der Sahara seien im Mittel bereits 20 Prozent der Bevölkerung HIV-infiziert. „In einigen Städten liegt die Infektionsrate damit zwischen 30 und 50 Prozent. Wenn Sie mir diese Daten vor zehn Jahren präsentiert hätten, dann hätte ich Sie für verrückt gehalten“, betonte Schwartländer.
Mit besonderer Sorge beobachtet die WHO die rasante Zunahme der Infektionszahlen in den bevölkerungsreichen Staaten China, Indien und Indonesien, aber auch in Osteuropa. Dass Südamerika dem Schicksal anderer Entwicklungsländer bis heute entgangen ist, sei auf seine konsequente Gesundheitspolitik zurückzuführen, hieß es in Barcelona. In Brasilien produzieren staatliche Institute Generika, die kostenlos an die 115 000 behandlungsbedürftigen Patienten ausgegeben werden. Dies hat nicht nur dazu beigetragen, dass die Zahl der Aidstoten seit 1997 halbiert werden konnte; auch das brasilianische Gesundheitssystem wurde entlastet.
Global betrachtet ist das Engagement der Industrienationen zur weltweiten Bekämpfung von Aids nach wie vor beschämend. Nach Berechnungen der UNGASS (UN-General Assembly Special Session on AIDS) sind zehn Milliarden Dollar notwendig, um die weltweit 5,7 Millionen behandlungsbedürftigen HIV-Infizierten zu therapieren. Das Geld dafür soll in erster Linie von den G-7-Staaten kommen, die bei ihrem letzten Gipfel den „Weltfonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose“ gegründet haben. Bisher ist es allerdings eher bei Lippenbekenntnissen geblieben: Es sind gerade mal 800 Millionen Dollar eingezahlt und zwei Milliarden fest zugesagt worden. Deutschland beteiligte sich am globalen Fonds mit nur 26,5 Millionen Dollar.
Laut Garca Machel (Südafrika) haben nur vier Staaten ihr Versprechen gehalten und 0,7 Prozent ihres Bruttosozialproduktes gespendet – nämlich Schweden, Norwegen, Dänemark und Holland. „Die USA haben zwar zahlenmäßig den größten Beitrag geleistet, doch ihre Pflicht noch lange nicht erfüllt“, meinte die Südafrikanerin. In Barcelona wurden die säumigen Zahler lautstark an ihre Versprechen erinnert. So wurde der US-Ge­sund­heits­mi­nis­ter Tommy Thompson bei seinem Vortrag 30 Minuten lang ausgebuht und der Stand der Europäischen Union von der Aktivisten-Gruppe „Act-up“ attackiert.
Die HIV-Infektion macht auch die mühsam erzielten Fortschritte der Entwicklungspolitik zunichte. Bis zum Ende dieses Jahrzehnts wird Aids die durchschnittliche Lebenserwartung in elf Staaten Afrikas unter 40 Jahre senken; das entspricht dem Niveau des 19. Jahrhunderts. Der volkswirtschaftliche Schaden ist derzeit kaum abzusehen. Da die meisten Aidskranken zwischen 20 und 40 Jahre alt sind, gehen der Wirtschaft in den betroffenen Ländern Arbeitskräfte in ihrer produktivsten Lebensphase verloren. So hat die Epidemie bereits ganze Berufszweige ausgelöscht.
Die Folgen sind in einigen Ländern Afrikas bereits spürbar: Obstplantagen veröden, Werkstätten stehen leer, und ganze Dörfer sind verlassen. Auch in den Städten kann das soziale System – wenn überhaupt – nur noch mit Mühe aufrechterhalten werden, da viele Lehrer, Ärzte, Pflegepersonal, Soldaten und Polizisten bereits an den Folgen der Infektionskrankheit verstorben sind. „In einigen afrikanischen Ländern wird die Arbeitskraft durch Aids bis zum Jahr 2020 um 25 Prozent vermindert sein“, so Schwartländer, der immer wieder betonte, dass mit umfassender und gezielter Vorbeugung bis 2010 rund 30 Millionen HIV-Infektionen verhindert werden. „Es gibt viele wirksame und kostengünstige präventive Strategien, wir müssen sie nur einsetzen“, bekräftigte auch Dr. Helen Gayle, die Vorsitzende der Bill and Melinda Gates Foundation. Als Beispiele nannte Gayle die kostenlose Verteilung von Kondomen und Behandlung von Geschlechtskrankheiten, die lediglich einen US-Dollar pro gewonnenes Lebensjahr koste.
Neue präventive Methoden, die derzeit in Interventionsstudien geprüft werden, sind die Zirkumzision und die Behandlung von Infektionen mit Herpes-simplex-Viren Typ 2. „Diese Maßnahmen verminderten in epidemiologischen Beobachtungen das Risiko einer HIV-Übertragung um 50 bis 70 Prozent“, so Gayle. Priorität im Rahmen der Prävention habe auch die Verminderung der Mutter-Kind-Übertragung. Bei langfristiger Einnahme von antiretroviralen Medikamenten kann das Risiko der HIV-Infektion des Kindes mittlerweile auf ein Prozent gesenkt werden. Für die meisten Frauen sind diese Medikamente jedoch zu teuer. Einen Kompromiss in dieser Situation stellt die kostengünstigere, verkürzte Gabe des Wirkstoffs Nevirapin dar (unter fünf Dollar pro Schwangere), wodurch die Übertragungswahrscheinlichkeit auf unter zehn Prozent verringert wird.
Doch das Thema Aids wird in vielen Ländern nach wie vor in Familien und in der Öffentlichkeit tabuisiert, sodass vor allem Heranwachsende nur unzureichende Kenntnisse über die Folgen einer HIV-Infektion besitzen. Aufgrund der massiven Benachteiligung von Mädchen beim Schulbesuch und beim Zugang zu Informationen ist das Wissensdefizit bei jungen Frauen größer als bei Jungen. Mehr als zwei Drittel aller Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren südlich der Sahara haben völlig falsche Vorstellungen über Aids.
So sind beispielsweise im Tschad und in Nigeria mehr als 80 Prozent der Mädchen der Ansicht, dass ein gesund aussehender Mensch nicht HIV-infiziert sein kann. 95 Prozent der nigerianischen Mädchen glauben, dass das Ansteckungsrisiko für sie minimal oder nicht vorhanden ist bei einer Infektionsrate der Gesamtbevölkerung von rund 20 Prozent. In Somalia wissen 99 Prozent der Mädchen nicht, wie man sich vor Aids schützen kann, fast drei Viertel haben noch nie von der Krankheit gehört.
Am größten ist das Aids-Risiko für Mädchen aus armen Familien, die von älteren Männern gegen „Vergünstigungen“ und „Belohnungen“ zu sexueller Gefügigkeit genötigt werden. Andere Männer suchen gezielt nach jungen Mädchen, weil sie glauben, dass das Infektionsrisiko bei ihnen geringer ist. Viele der ausgebeuteten Mädchen landen später in der Prostitution. Auch eine Heirat bedeutet für Frauen keinen Schutz vor Aids, da die meisten Ehemänner auch Bordelle besuchen.
Die Weichen sind gestellt
Wegen kultureller Unterschiede reichen Präventionsmaßnahmen nach Meinung der Experten nicht aus, um die HIV-Pandemie zu stoppen. Was darunter zu verstehen ist, wurde von Wissenschaftlern und Aktivisten in Barcelona klar formuliert: antiretrovirale Therapie für alle Betroffenen. Sie begründen ihre Forderung damit, dass die Möglichkeit der Therapie die Bereitschaft der Bevölkerung steigere, sich auf HIV testen zu lassen; letztendlich werde die geringere Viruslast innerhalb einer Population auch die Neuinfektionsrate senken.
Die Weichen für entsprechende Behandlungsprogramme sind schon gestellt. Zahlreiche, qualitative gute Arbeiten aus den am stärksten betroffenen Ländern (Südafrika, Malawi, Kenia, Kamerun, Kambodscha, Thailand und Guatemala) belegen, dass es trotz Mängeln in der medizinischen Infrastruktur auch in Entwicklungsländern möglich ist, Aidskranke kontinuierlich mit Medikamenten zu versorgen. Nach Untersuchungen der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ ist es bei einem Beobachtungszeitraum von sechs Monaten in drei Projekten gelungen, die Viruslast bei 82 Prozent der therapierten Personen unter die Nachweisgrenze zu senken. Ein globales Netzwerk zur Resistenzüberwachung ist ebenfalls bereits geknüpft.
Die gelungenen Pilotprojekte erhöhen auch den Druck auf die Pharmakonzerne. In den letzten Jahren haben die Hersteller antiretroviraler Medikamente zahlreiche Programme auf den Weg gebracht, mit denen ihre Präparate deutlich billiger an Patienten der Dritten Welt abgegeben werden können. Dennoch müssen sich die Firmen dem Vorwurf stellen, dass die gesenkten Preise immer noch höher liegen als die Preise für Generika. Außerdem blockierten die Firmen die Bestrebung einiger Länder, selbst Generika herstellen zu können.
„Die Zeit der Entschuldigungen für Versäumnisse ist endgültig vorbei“, so der Tenor des Kongresses. „Wir müssen jetzt handeln und die Erkenntnisse der vergangenen Jahre umsetzen.“
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn/RV
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