ArchivDeutsches Ärzteblatt30/20025. Via medici Kongress: Unter neuen Vorzeichen

THEMEN DER ZEIT

5. Via medici Kongress: Unter neuen Vorzeichen

Dtsch Arztebl 2002; 99(30): A-2016 / B-1704 / C-1600

Seger, Gabriele

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An zahlreichen Ständen gab es Infomaterial für die Kongressbesucher. Fotos: Jürgen Korber
An zahlreichen Ständen gab es Infomaterial für die Kongressbesucher. Fotos: Jürgen Korber
Mittlerweile müssen Anreize gesetzt werden, um
junge Ärztinnen und Ärzte für eine Tätigkeit im kurativen
Bereich zu gewinnen. Es droht ein akuter Ärztemangel.

Eigentlich sollte ich stolz sein, dass es gelungen ist, Arbeitslosigkeit zu vermeiden, aber die Gründe, wie es dazu gekommen ist, sind erschreckend.“ Mit diesen Worten begann Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, der Vorsitzende des Marburger Bundes (MB), sein Referat zum Auftakt des 5. Via medici Kongresses am 28. Juni in Mannheim. Während man sich beim Kongress mit dem Leitthema „Zukunftschancen für Mediziner“ vor fünf Jahren noch mit der Frage beschäftigte, ob deutschen Ärzten eine Massenarbeitslosigkeit drohe, berichten die Medien heute über die Furcht vor einem Ärztemangel und akuten Versorgungsengpässen.
Nach einer Ende März veröffentlichten Umfrage der Deutschen Krankenhausgesellschaft unter 510 Krankenhäusern konnten im letzten Jahr rund 2 000 offene Stellen nicht besetzt werden. Montgomery, der auch dem Vorstand der Bundes­ärzte­kammer angehört, führt den derzeitigen Ärztemangel nicht auf ein Desinteresse am Arztberuf, sondern auf einen „Verlust“ an Medizinstudenten im Verlauf des Studiums und beim Übergang vom Praktischen Jahr zum Arzt im Praktikum (AiP) zurück. Von den 12 000 Studenten, die ein Medizinstudium beginnen, erreichen circa 7 000 die Approbation. Das heißt: 30 bis 40 Prozent der Medizinstudenten brechen ihr Studium ab oder wechseln in einen anderen Studiengang. Zudem wendet sich rund ein Drittel der Absolventen alternativen Berufsfeldern zu.
Die angehenden Ärztinnen und Ärzte konnten sich bei Vorträgen und in Workshops über das breite Spektrum ärztlicher Tätigkeitsfelder informieren.
Die angehenden Ärztinnen und Ärzte konnten sich bei Vorträgen und in Workshops über das breite Spektrum ärztlicher Tätigkeitsfelder informieren.
Gründe für diese Entwicklung sieht Montgomery in den „miserablen“ Studienbedingungen und dem „Kulturschock“, den ein Medizinstudent im Praktischen Jahr im Krankenhaus erfahre. Durch das gängige Prüfungssystem werde man ungenügend auf den Arztberuf vorbereitet. Die Situation in der Klinik sei geprägt durch eine desolate Personalausstattung, Überforderung und überspitzte hierarchische Strukturen. Durch die Verminderung der Zahl der Krankenhäuser, weniger Betten und kürzere Verweildauer sei es in den letzten zehn Jahren zu einer Produktivitätssteigerung und Arbeitsverdichtung im Krankenhaus gekommen: Es müsse mehr Arbeit in weniger Zeit verrichtet werden. Dabei seien Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz an der Tagesordnung. Auch das Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom 3. Oktober 2000, wonach Bereitschaftsdienste der Arbeitszeit angerechnet werden müssen, werde bisher in Deutschland nicht umgesetzt.
Montgomery verwies auf die Gewerbeaufsicht Niedersachsen, die festgestellt habe, dass „die 10-Stunden-Grenze schon in der Regelarbeit überschritten und nach Normalarbeit und Bereitschaft regelhaft weitergearbeitet wird“. Eine 80-Stunden-Woche von heute sei jedoch deutlich arbeitsintensiver und daher nicht vergleichbar mit früheren Arbeitssituationen. Montgomery nannte ferner die schlechte Bezahlung der AiPler. Auch stimmten die Perspektiven nicht mehr: Es gebe keine Garantie für eine spätere Niederlassung oder Dauerbeschäftigung im Krankenhaus. „Ich habe vollstes Verständnis, dass niemand mehr bereit ist, den Buckeljob im Krankenhaus auf sich zu nehmen“, sagte der MB-Vorsitzende und erntete dafür starken Beifall bei den angehenden Ärzten.
„Wir erleben seit 20 Jahren eine Entwertung der ärztlichen Arbeit“, kritisierte Montgomery. Er fordert eine bessere Vergütung, mehr Arbeitsqualität sowie bessere Arbeitszeiten. Ebenso hält er einen Abbau der Bürokratie und eine Besinnung auf Kernkompetenzen für erforderlich und plädiert für die Einführung von flacheren Hierarchien in Krankenhäusern und für bessere Chancen im Hinblick auf die spätere Berufsausübung. Montgomery sprach sich zudem für die Verschiebung der Optionsregelung nach dem Fallpauschalengesetz aus, da diese Maßnahmen Arbeitskraft binden und den Engpass an Ärzten verstärken würden.
Die Vermittlung von Ärzten ins Ausland bewertete Montgomery trotz Ärztemangels auch weiterhin als sinnvoll. Es sei gut, auch einmal andere Arbeitsbedingungen kennen gelernt zu haben, und Auslandserfahrungen würden das deutsche Ärztesystem befruchten. Zurzeit arbeiten beispielsweise circa 3 000 deutsche Ärzte in Großbritannien. In der Einführung der Green Card in Deutschland sieht Montgomery „nichts weiter als Lohndumping durch Import billiger Arbeitssklaven“. Wer die Green Card fordere, wolle in Wirklichkeit an den Strukturproblemen nichts ändern.
Strukturelle Probleme hält auch der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, für die Ursache des derzeitigen Ärztemangels. Als überholt sieht Hoppe unter anderem die Lohnbezogenheit der Krankenkassenbeiträge, die ausschließliche Finanzierung durch das Umlagesystem, das umfassende Leistungsversprechen der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung sowie die sektorale Zementierung in ambulante und stationäre Versorgung an.
In den letzten Jahren galt die Aufmerksamkeit den alternativen Berufsfeldern, jetzt gibt es zur Freude des Nachwuchses (Foto links) auch wieder Perspektiven auf „klassischen“ Feldern.
In den letzten Jahren galt die Aufmerksamkeit den alternativen Berufsfeldern, jetzt gibt es zur Freude des Nachwuchses (Foto links) auch wieder Perspektiven auf „klassischen“ Feldern.
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Abschreckende Ausbildungsbedingungen
Die Ausbildungsbedingungen befand Hoppe als langwierig und abschrekkend. § 95 a SGB V regelt die Voraussetzungen für die Eintragung in das Arztregister für Vertragsärzte. Hierzu gehören die Approbation und eine abgeschlossene allgemeinmedizinische Weiterbildung oder eine Weiterbildung in einem anderen Fachgebiet. Der Patient könne also grundsätzlich den Standard eines Facharztes erwarten. So befand bereits der VI. Senat des Bundesfinanzhofs in einem Facharztstandard-Urteil vom 10. März 1992 (Az.: VI ZR 64/91). Die Folge, so Hoppe, sei eine Aus- und Weiterbildung, die bis zu 15 Jahren dauern könne. Als politisches Ziel für die ambulante ärztliche Versorgung formulierte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer eine Verteilung von 60 bis 70 Prozent an Hausärzten (mit eingeschränktem Leistungsspektrum) und 30 bis 40 Prozent an Fachärzten (beispielsweise Augenärzte, Gynäkologen, HNO-Ärzte, keine Subspezialisten). Die ambulante ärztliche Versorgung bestehe heute hingegen zu 30 bis 40 Prozent aus praktischen und Allgemeinärzten und zu 60 bis 70 Prozent aus Fachärzten (einschließlich Subspezialisten). Da derzeit ein Engpass bei Ärzten im Klinikbereich bestehe, sei das dem Nachwuchs bislang häufig angeratene Ausweichen in alternative Berufsfelder nicht mehr relevant. In der steigenden Nachfrage nach Ärzten sieht Hoppe große Chancen für die angehenden Ärzte.
Der sich abzeichnende Ärztemangel betrifft nicht nur die Krankenhäuser. Dr. med. Werner Baumgärtner, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nord-Württemberg, Stuttgart, zeigte für die ambulante Versorgung ähnliche Probleme auf. In seiner KV (rund 6 000 Mitglieder) könnten beispielsweise hundert Arztsitze aktuell nicht besetzt werden. Reglementierung, Budgetierung und Haftungsrechtsprechung führten zu einer zunehmenden Frustration unter den Vertragsärzten. Auch hier seien zum einen die Vergütung und zum anderen die Bürokratisierung zwei große Problemfelder, wobei Letztere durch die Einführung der Diagnosis Related Groups (DRGs) und Disease-Management-Programme noch verschärft werden.
Beklagenswert befand Baumgärtner die mangelhafte Verzahnung zwischen Hausarzt, Gebietsarzt und Krankenhausarzt. Der „Ärzteschwund“ in der ambulanten Versorgung verbessere allerdings die Position gegenüber den Krankenkassen. So sei der Vorwurf, die ambulante Versorgung kranke an Überkapazitäten, nicht mehr zu halten.
Neue Perspektiven durch Strukturänderungen
Baumgärtner stellte den Medi-Verbund, dessen Vorsitzender er ist, als alternative Organisationsform der Zukunft für die Vertragsärzte vor. Als gesundheitspolitische Ziele des Medi-Verbundes nannte er für den medizinischen Sektor die Schaffung eines effizienteren Gesundheitswesens in Deutschland und die Qualitätssicherung in der ambulanten Versorgung. Ökonomische Zielvorgaben seien unter anderem die Einführung leistungsgerechter Honorare und die Erschließung neuer Potenziale wie beispielsweise gemeinsamer Einkauf und Dienstleistungen für Externe.
Die stationäre Versorgung als einen Sektor anzupreisen, in dem künftig aufgrund eines Ärztemangels ein sicherer Arbeitsmarkt entstehe, davor warnte Prof. Dr. med. Dr. sc. Karl W. Lauterbach, Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie der Universität zu Köln. Der Ärzteschwund werde in der ambulanten Versorgung vermutlich ausgeprägter sein als im stationären Bereich. Derzeit kommen, so Lauterbach, in Deutschland auf 1 000 Einwohner 7 Betten (internationaler Vergleich: 4 Betten auf 1 000 Einwohner). Ein Wegfall von 1 410 Standorten (62 Prozent) und ein Abbau von 231 651 Betten (41 Prozent) wäre Lauterbach zufolge möglich, ohne den Sicherstellungsauftrag zu gefährden.
Die Einführung des DRG-Systems werde infolge Zentralisierung, Fusionierung von Krankenhäusern und kürzerer Verweildauer mittelfristig zu einem Rückgang des Bedarfs an Krankenhausärzten führen. Darüber hinaus verfüge Deutschland über die zweitgrößte Ärztedichte in Europa. Alternative Berufsfelder blieben daher weiterhin attraktiv und wichtig, um die Qualität zu verbessern.
Gute Aussichten trotz hoher Arztdichte
Das Gesundheitssystem stehe vor wichtigen Umstrukturierungen, und diese Strukturänderungen benötigten dringend Ärzte, ermutigte Lauterbach. Im Zuge der Globalisierung und einer dadurch zunehmenden Vernetzung von Inhalten, Management und Kommunikation betreffe dies Bereiche wie Medizinische Informatik, Journalismus, Betriebswirtschaft (Medizincontrolling, Krankenhausmanagement) und Epidemiologie (Mediziner bei nationalen und internationalen Organisationen wie zum Beispiel der WHO).
Die zunehmende Etablierung von wissenschaftlich gesicherten Empfehlungen für Ärzte und Patienten in der Versorgung erfordere die Erstellung von evidenzbasierten Leitlinien, Versorgungsstandards und patientenzentrierten Programmen bei ärztlicher Selbstverwaltung, Krankenkassen, staatlichen Institutionen und privaten Dienstleistern. Die zunehmende Öko­nomi­sierung des Gesundheitssystems erfordere Ärzte unter anderem im Bereich der Gesundheitsökonomie (Wissenschaft, Krankenkassen, Selbstverwaltung, Privatwirtschaft) und der Pharmaökonomie. Neue Prioritäten wie Prävention, chronische Erkrankungen und Integration der Versorgung (Disease Management) schüfen ebenfalls alternative und neue Berufsfelder. Gabriele Seger

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