ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2002Via medici Kongress – Stellenbörse: Werben um den Nachwuchs

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Via medici Kongress – Stellenbörse: Werben um den Nachwuchs

Dtsch Arztebl 2002; 99(30): A-2018 / B-1706 / C-1602

Anheier, Tanja

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LNSLNS Statt drohender Arbeitslosigkeit eröffnen sich angehenden Ärztinnen und Ärzten künftig wieder manche berufliche Alternativen.

Menschenmengen tummeln sich um zahlreiche Stände mit Gewinnspielen. Der Anblick frisch gemixter Cocktails und einladend deponierter Schokoriegel erinnert zusammen mit lautem Stimmengewirr und ein paar Musikfetzen an einen Jahrmarkt. Leuchtend bunte Informationstafeln und große Stapel von frisch gedruckten Prospekten präsentieren nahezu unbegrenzte Möglichkeiten – die Zukunfts-chancen für Mediziner. Schauplatz ist der 5. Via medici Kongress, der vom 28. bis 29. Juni 2002 in Mannheim stattfand.
Als der Kongress vor fünf Jahren ins Leben gerufen wurde, verfolgte man das Ziel, jungen Ärzten alternative Berufsfelder vorzustellen, um der drohenden Arbeitslosigkeit zu begegnen. Heute hingegen wollen die Veranstalter das „Interesse von jungen Medizinern steigern, als Arzt tätig zu werden“.
Schon letztes Jahr konnten mehr als 2 000 Stellen im ärztlichen Dienst nach einer Umfrage der Deutschen Krankenhausgesellschaft nicht besetzt werden. Prognosen zufolge wird die Nachfrage an qualifizierten Ärzten künftig weiter steigen.
Nicht länger „Arbeitssklaven“
„Junge Mediziner werden sich jedoch erst dann wieder für den Arztberuf entscheiden, wenn verbesserte Anreize geschaffen sind“, sagt Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, der Präsident der Bundes­ärzte­kammer. Die Kostendämpfungspolitik im Gesundheitswesen müsse gestoppt werden. Zudem seien tief greifende Veränderungen in der Aus- und Weiterbildung erforderlich, da diese heute häufig nur „marginale Bezugspunkte zum späteren Arztberuf“ aufweise.
Der Vorsitzende des Marburger Bundes, Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, forderte zur Bezahlung zusätzlicher Planstellen für Krankenhausärzte mindestens eine Milliarde Euro. Ärzte dürften nicht länger als „Arbeitssklaven“ missbraucht werden.
Erste Veränderungen zeigen sich indessen schon jetzt: So waren unter den knapp 80 Ausstellern auf dem Kongress auch verschiedene Kliniken vertreten, die mit besonders guten Arbeitsbedingungen und Zusatzvergütungen um neue Mitarbeiter warben. Als Ergänzung zur klassischen universitären Ausbildung boten verschiedene Weiterbildungsakademien ihre Kurse an. Das Spektrum reichte von Neuroendoskopie über Wirbelsäulenchirurgie bis hin zu Teamtraining zur Organisationsoptimierung im OP.
Viele Medizinstudenten, angereist aus allen Regionen Deutschlands, schlenderten zunächst offensichtlich ziellos an den Ständen entlang, nahmen Werbegeschenke entgegen und steckten Informationsbroschüren ein. Doch Dr. rer. pol. Uwe K. Preusker, der den Kongress schon seit drei Jahren als Referent begleitet, registrierte Unterschiede zu den Vorjahren: „Die Kongressteilnehmer kommen mit ganz konkreten Fragen.“ Außerdem seien erstaunlich viele Fachärzte anwesend, die über eine Zusatzausbildung oder einen Auslandsaufenthalt nachdächten. Es hatte sich offenbar herumgesprochen, dass Via medici eine wichtige Kontakt- und Stellenbörse ist – ein Kongress mit rund 150 Referenten und zahlreichen Vorträgen und Workshops.
Gut besucht waren auch die Stände der medizinischen Fachbuchverlage, wo Mitarbeiter über einen Einstieg in den Medizinjournalismus informierten. Zahlreiche Pharmaunternehmen stellten die Anforderungen an Ärzte in der Industrie dar. Als Schlüsselqualifikationen kristallisierten sich hier neben guten medizinischen Leistungen und Berufserfahrung insbesondere Englischkenntnisse, Flexibilität und Fähigkeit zu Teamarbeit heraus. Ein Auslandsaufenthalt, insbesondere im angloamerikanischen Raum, gilt als Vorteil.
Auch Dr. rer. pol. Magdalena Benemann von der Marburger Bund Stiftung, Köln, betonte, dass Auslandserfahrung – etwa in den USA – „einen Pluspunkt im Lebenslauf“ darstelle. Es sei jedoch nicht einfach, in das Aus- und Weiterbildungssystem der Vereinigten Staaten einzusteigen. Man müsse vorher neben dem „Toefl-Test“, dem klassischen englischen Sprachtest, drei amerikanische Examina durchlaufen. Zu dem persönlichen Einsatz für die Prüfungsvorbereitung und die Organisation des Aufenthalts käme noch ein finanzieller Aufwand von rund 5 000 Euro hinzu. Dennoch könne man in den USA besser als in Deutschland in kurzer Zeit eine Menge praktische Erfahrung sammeln.
Als finanziell lukrativ gilt eine praktische Tätigkeit in der Schweiz. Da es dort keinen Arzt im Praktikum (AiP) gibt, kann man als Deutscher nach dem Praktischen Jahr (PJ) direkt eine Assistenzarztstelle antreten und diese dann später als „Arzt im Praktikum“ anerkennen lassen. Ab 2003 wird zudem noch die „Inländervorrangigkeit“ in der Schweiz wegfallen. Schweizer werden dann nicht mehr grundsätzlich Vorrang vor Ausländern haben, wenn eine neue Stelle besetzt werden soll.
Möglichkeiten im Ausland
„Als Facharzt hat man besonders gute Chancen in Schweden“, sagt Preusker, der seit drei Jahren in Finnland lebt und über gute Kenntnisse über das skandinavische Gesundheitssystem verfügt: „Dort herrscht schon seit längerem Ärztemangel.“
„Auch in Frankreich könnte Ihre Zukunft liegen“, sagt Michel Leopold Jouvin, Saint Hospitalier de Rethel. Die gesamte Weiterbildung dort zu absolvieren ist für Deutsche relativ schwierig, weil der bestandene „concours d’internat“ dafür Voraussetzung ist. „Unproblematisch ist jedoch die Ableistung des PJ oder des AiP in Frankreich.“ Als Anlaufstellen für einen Auslandsaufenthalt präsentierten sich auf dem Kongress neben der Marburger Bund Stiftung unter anderem auch die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung und der Deutsche Famulantenaustausch. Tanja Anheier
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