ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2002Patientenverfügungen - Kein „Sterben in Würde“: Brückenschlag

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Patientenverfügungen - Kein „Sterben in Würde“: Brückenschlag

Dtsch Arztebl 2002; 99(30): A-2024 / B-1712 / C-1608

Strätling, M.; Schmucker, P.

zu dem Beitrag von Priv.-Doz. Dr. med. Andreas Zieger et al. in Heft 14/2002
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LNSLNS . . . Zutreffend weisen Zieger et al. darauf hin, dass es zu diesen Themenbereichen Erhebungen gibt, von denen allerdings etliche insofern tendenziös sind, als dass sie offenkundige, politisch-weltanschauliche Intentionen empirisch belegen und begründen sollen. Hier besteht Einigkeit, dass größte Vorsicht bei der Diskussion und Bewertung entsprechender Ergebnisse anzuraten ist.
Vor diesem Hintergrund überrascht es, wenn das Autorenteam dann jedoch auch selbst einige eindeutig weltanschaulich geprägte Studien eher unkritisch zitiert. Darüber hinaus müssen wir darauf hinweisen, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse unserer eigenen Arbeitsgruppe zur komplexen (betreuungs-)rechtstatsächlichen Lage in Deutschland in einem sachlich falschen Zusammenhang referiert und damit zur Belegung von Schlussfolgerungen herangezogen werden, von denen wir – auch aus interdisziplinärer Sicht – viele nicht bestätigen können.
Weiterhin fällt auf, dass die „beziehungsethische“ Analyse der Autoren Patientenverfügungen faktisch ausschließlich negativ interpretiert, also im Sinne der Schwächung und Unterminierung einer tragfähigen Beziehungsebene zwischen Arzt und Patient. Auch die Themen „Entscheidungen am Lebensende“, „medical futility“ und „Allokationsethik“ werden vorwiegend im Zusammenhang mit Forderungen nach „aktiver Euthanasie“ beziehungsweise der „Tötung auf Verlangen“ dargestellt. Angesichts der alleine schon medizinisch vielschichtigen und komplexen Probleme, die sich im Rahmen dieser Fragestellungen ergeben können, wäre hier eine differenziertere Erörterung zu begrüßen gewesen. So ist beispielsweise inzwischen weitgehend unstrittig, dass sich unter ethischen, grundrechtswissenschaftlichen, psychologischen, kommunikativ-relationalen und damit nicht zuletzt mitmenschlich-empathischen Gesichtspunkten auch vielfältige Chancen eröffnen können, wenn Patientenverfügungen im Rahmen der in diesen Fragen essenziellen Fürsorge und Kommunikation ernst genommen werden.
Schließlich erscheint uns im wissenschaftlichen Umgang mit diesen Fragen eine umsichtigere Wortwahl geboten: Eine wachsende Zahl von Beteiligten aus allen Bereichen (Ärzte, Pflegende, Patienten, Angehörige, Juristen, Ethiker, Politiker, Fachgesellschaften, Verbände) bemüht sich derzeit verstärkt sowie im intensiven interdisziplinären, auch wissenschaftlich hervorragend fundierten Diskurs um einen differenzierten, sachgerechten, verantwortungsbewussten, politisch transparenten und gesellschaftlich tragfähigen Umgang mit diesen Problemen. Hier wäre es begrüßenswert, wenn davon Abstand genommen würde, diese ernsten Fragen einfach nur mit einer wenig sachdienlichen „Tabuisierungsenergie“ zu belegen, indem man sie in oft wenig differenzierter und meist unzutreffender Weise mit dem Problemkomplex der „aktiven Euthanasie“ vermengt.
Viele der von Zieger et al. dargelegten Bedenken sind im Prinzip durchaus ernst zu nehmen und zweifellos wohlmeinend intendiert: Die Ausführungen der Autoren offenbaren eine weltanschauliche Prägung und Gesinnung, die ohne Abstriche als ehrenwert zu würdigen ist, obgleich sie – in unserer pluralistischen Gesellschaft – keinen allgemeinen Verbindlichkeitsanspruch (mehr) erheben kann . . .
Dr. med. M. Strätling, Prof. Dr. med. P. Schmucker,
Klinik für Anästhesiologie der Medizinischen Universität zu Lübeck, Ratzeburger Allee 160, 23538 Lübeck
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