ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2002Patientenverfügungen - Kein „Sterben in Würde“: Zu undifferenziert

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Patientenverfügungen - Kein „Sterben in Würde“: Zu undifferenziert

Dtsch Arztebl 2002; 99(30): A-2026 / B-1750 / C-1627

Bickhardt, Jürgen

zu dem Beitrag von Priv.-Doz. Dr. med. Andreas Zieger et al. in Heft 14/2002
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LNSLNS . . . In der Hospizbewegung gilt als Regel: Die Wünsche, Ängste, Hoffnungen und Einstellungen der Betroffenen in psychischer, physischer, sozialer und spiritueller Hinsicht sollen Maßstab für das Handeln der Helfer sein. Ist es denn wirklich verwerflich, wenn Menschen, nicht nur Gesunde, sondern auch Schwerstkranke, diese ihre Wünsche schriftlich für den Fall festlegen, dass sie sich nicht mehr äußern können? Darf der ALS-Kranke nicht festlegen, dass er keine maschinelle Beatmung wünscht oder der rüstige 90-Jährige, dass er keine Wiederbelebungsmaßnahmen möchte?
Die Realität an Akutkrankenhäusern sieht doch so aus: Auf den Intensivstationen werden auch hochbetagte Menschen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln am Leben erhalten, wenn sie vorher schon komplett pflegebedürftig, nicht entscheidungsfähig, hinfällig und kontrakt waren. Das Reanimationsteam ist in jedem Fall beim Todeseintritt auf „Normalstation“ zu beordern, wenn vorher nicht Gegenteiliges festgelegt worden ist. In diesem Kontext werden täglich ärztliche Entscheidungen getroffen, von denen nicht klar ist, ob sie den Vorstellungen des Betroffenen entsprechen. Und viele dieser Entscheidungen werden von allen Beteiligten als fragwürdig angesehen. Aber im Zweifel entscheiden wir uns für die Rolle, die wir gelernt haben: Leben zu retten. Das ist auch viel einfacher, erspart uns die Auseinandersetzung mit dem Sterben, korrespondiert mit unseren unbewussten Allmachts- und Unsterblichkeitsfantasien und wurde bislang strafrechtlich noch nie verfolgt, auch wenn sie rechtswidrig (wenn gegen den Willen des Patienten durchgeführt) waren.
Ich selbst habe bei vielen dieser Patienten, für die ich verantwortlich war und die ich vor Eintritt der Nichtentscheidungsfähigkeit nicht kannte, Patientenverfügungen schmerzlich vermisst. In den ohnehin zu führenden Gesprächen mit Hausarzt, Angehörigen, Freunden und Pflegenden der Betroffenen wären sie eine große Hilfe gewesen. Denn: Patientenverfügungen können den Behandelnden und Betreuenden dabei helfen, im Sinne der Sorge und Fürsorge das Beste für den Patienten herauszufinden und zu verwirklichen. Wie Udo Schlaudraff vor Jahren schon formulierte, wollen Patientenverfügungen alle Beteiligten von dem Druck entlasten, der von der Maximalmedizin ausgeht.
Der Umgang mit Patientenverfügungen kann ebenso missbraucht werden wie der Fürsorgebegriff oder das Gebot der Lebenserhaltung. Sorgfalt ist in jedem Fall geboten. Dass mit Patientenverfügungen verantwortlich umgegangen werden kann, zeigen viele Beispiele, bei denen gerade die ärztliche Beratung im Zusammenhang mit der Erstellung einer Verfügung eine wichtige Rolle spielt. In der neuesten Handreichung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern zu Vorsorgevollmacht, Betreuungsverfügung und Patientenverfügung (2002) kommt klar zum Ausdruck, dass gerade vor dem Hintergrund eines „methaphysisch und religiös begründeten Menschenbildes“ die Verwendung einer Patientenverfügung als Möglichkeit christlichen Handelns angesehen wird. Dabei verzichtet die Kirche auf eigene Formulare, sondern verweist auf die Vorsorgebroschüre des Bayerischen Staatsministeriums der Justiz (2001). Den Verfassern des Artikels seien beide Schriften zur Lektüre empfohlen.
Dr. med. Jürgen Bickhardt,
Uhlandstraße 19, 85435 Erding
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