ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2002Jobs im Ausland: Völlig in Ordnung

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Jobs im Ausland: Völlig in Ordnung

Dtsch Arztebl 2002; 99(30): A-2033 / B-1721 / C-1617

Münster, Tino; Münster, Birgit

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LNSLNS Per Leserbrief hat Dr. Stefan Simmel seinen Unmut über die Hamburger Ärztekammer beziehungsweise das Hamburger Arbeitsamt geäußert, weil diese sich darum bemühen, in Deutschland dringend benötigte Ärzte nach Schweden zu vermitteln. Auch mein Mann (Assistenzarzt) und ich (PJ) erwägen ernsthaft, in naher Zukunft mit unseren Kindern ins Ausland zu gehen, weil es – und das ist ja mittlerweile kein Geheimnis mehr – hier nahezu unmöglich ist, Familie und Arztberuf so wie in vielen anderen europäischen Ländern mit gutem Gewissen unter einen Hut zu bringen. Es mangelt nicht nur an Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder: Bezeichnenderweise hat letztes Jahr das Klinikum der Universität Erlangen trotz zahlreicher Unterschriftenaktionen seitens der Ärzte und Pflegekräfte die Trägerschaft für die Kinderkrippe an die Stadt Erlangen abgegeben (zu unrentabel?). Auch finanziell gesehen sollte ich wohl lieber mein Studium abbrechen und zu Hause auf die Kinder aufpassen, als sie in die Hände einer völlig unterbezahlten Tagesmutter (600 Euro im Monat für zwei Kinder, 30 Stunden pro Woche – was meine PJ-Arbeitszeiten bei weitem nicht abdeckt) zu geben, die für ihre Tätigkeit fast das Doppelte verlangen könnte. Schon deswegen hat es in unserem Wohnhaus die ersten Lacher gegeben, „der Herr Assistenzarzt kann wohl seine Familie geradeso durchbringen“. Ein völlig skurriles Abbild unserer Tätigkeit in der deutschen Gesellschaft, wo es einem wirklich verleidet wird, in einem doch so schönen Beruf zu arbeiten. Dies soll keineswegs heißen, dass Ärzte wegen Unterbezahlung hierzulande am Hungertuch nagen, nein, vielmehr fehlt unseren Politikern und unseren Arbeitgebern der nötige Druck, an den Arbeits- und Lebensbedingungen der Ärzte maßgeblich etwas zu ändern. An all diesen Problemen werden auch die Lippenbekenntnisse insbesondere unserer Politiker, aber auch die des 105. Deutschen Ärztetages so schnell nichts verbessern. Solange die Arbeitsbedingungen in Deutschland so sind, wie sie sind, finden wir es völlig in Ordnung, wenn es jungen und motivierten Ärzten frei nach dem Motto „Der Markt regelt sich durch Angebot und Nachfrage“ schmackhaft gemacht wird, dorthin zu gehen, wo man ihnen ein gutes Arbeitsumfeld bietet. Genau nach demselben Motto sind doch Ärzte in den letzten Jahren und Jahrzehnten nach Strich und Faden ausgebeutet worden – sollen die Verantwortlichen dafür doch sehen, was sie sich eingebrockt haben. Vielmehr sollten eigentlich noch mehr Ärzte abwandern, damit auch mal die Herren Schröder und Stoiber (und nicht nur der kleine Mann) auf eine OP warten müssen.
Tino und Birgit Münster, Schenkstraße 105, 91052 Erlangen
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