ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2002Depressive Störungen bei Patienten der Allgemeinmedizin: Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Depressive Störungen bei Patienten der Allgemeinmedizin: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2002; 99(30): A-2059 / B-1779 / C-1655

Ebel, Hermann

zu dem Beitrag Früherkennung und therapeutische Ansätze von Priv.-Doz. Dr. med. Hermann Ebel Dr. med. Karl Beichert in Heft 3/2002
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LNSLNS Für die Diskussionsbeiträge möchten wir uns bedanken. Zu der uns von Herrn Klimm und Herrn Jahn vorgehaltenen Polarisierung beziehungsweise Schelte an den Hausärzten möchten wir ausdrücklich feststellen, dass dies in keiner Weise unsere Absicht war. Bedauerlicherweise ist es schlicht und einfach eine Tatsache, wie die im Übrigen zitierten Studien zeigen, dass die Identifikation von depressiven Störungen im primärärztlichen Bereich nach wie vor unzureichend ist. Nach den Ergebnissen einer in ausgewählten Arztpraxen zweier Regionen (Mainz und Berlin) 1991 durchgeführten Multicenterstudie der WHO (2) wurde nur jeder zweite Patient mit Angst- und depressiven Störungen auch vom Arzt als solcher erkannt, was sich in der 1994 durchgeführten Europäischen Multicenterstudie bestätigte (1). In der international einzigartigen bundesrepublikanischen Studie wurden dann 1999 nahezu 700 Allgemeinarztpraxen aus dem Bundesgebiet untersucht (3). Nach dieser Studie wurden zwar von den ausgeprägten depressiven Störungen 75 Prozent erkannt, dennoch aber leichtere und schwellennahe Depressionen in 41 Prozent der Fälle nicht identifiziert. Dennoch ist von einem Zuwachs an diagnostischer Kompetenz auszugehen, der ebenso ermutigend ist wie das Ergebnis, dass depressive Patienten häufiger als in der Vergangenheit angemessene antidepressive Behandlungen (31 Prozent Verschreibung moderner Antidepressiva, nahezu 70 Prozent verstärkte Krisenintervention und Beratung) erhalten (3).
Ausgewählt wurden für die Studie im Übrigen primär Allgemein- und praktische Ärzte sowie zusätzliche internistische Praxen, sofern sie in der Region auch allgemeinärztliche Versorgungsaufgaben mit übernahmen. Bei der Stichprobe wurde darauf geachtet, dass eine hinsichtlich Hausarztfunktion, geographischer Verteilung sowie Praxisgröße möglichst repräsentative Auswahl getroffen wurde. Dies beantwortet vielleicht die kritische Frage von Herrn Knuth, auf welche an der hausärztlichen Versorgung teilnehmende Arztgruppen sich die Zahlen beziehen. Untersuchungen, die über die Erkennensrate von Depressionen bei Ärzten für Innere Medizin, Kinderärzten und Fachärzten für Psychiatrie Auskunft geben, sind uns nicht bekannt.
Wenngleich wir auch meinen, dass das Primärarztmodell weiterhin die relevante Betreuungsform für depressive Patienten darstellt, sehen wir, wie Herr Hegerl und Frau Henkel, noch großen Spielraum für Verbesserungen auf diagnostischem und therapeutischem Gebiet. Dies gilt umso mehr als Depressionen nicht nur Volkskrankheiten mit hohem Leidensdruck und immensen Gesundheitskosten sind, sondern auch die Hauptursache für Suizide darstellen! Zu danken ist den beiden Autoren für ihren Hinweis auf zwei weitere mit weniger Zeitaufwand verbundene Instrumente zur Depressionserfassung in der allgemeinärztlichen Praxis.
Herr Fischer weist mit seiner Kritik an den Wartezeiten für Psychotherapie, der mangelnden Compliance der Patienten und der schlechten Kommunikation zwischen Allgemeinarzt und Psychotherapeuten auf Defizite hin, denen unseres Erachtens nicht widersprochen werden kann. Dies unterstreicht unsere Ansicht, dass wir nicht einseitig den Allgemeinärzten Versorgungsmängel anlasten wollen, sondern uns in Kenntnis ihrer besonders schwierigen Rolle der weiteren, darüber hinausgehenden Schwierigkeiten (zum Beispiel ambulante beziehungsweise stationäre Überweisungen) sehr wohl bewusst sind.
Voll und ganz ist daher Herrn Lorenz zuzustimmen, dass nicht nur die psychiatrische Kompetenz in der allgemeinärztlichen Weiterbildung intensiviert werden sollte, sondern auch die klinische Kommunikation von somatisch und psychiatrisch tätigen Ärzten durch Einrichtung fächerübergreifender Konsil- und Liaisondienste an den Krankenhäusern. Unbestreitbar ist auch die von Herrn Lorenz angesprochene schwierige Rolle des Allgemeinarztes, der in seiner Praxis nicht nur mit unsicheren und untypischen Fällen konfrontiert wird, sondern oft auch mit dem besonderen Druck des psychiatrischen Notfalles fertig werden muss.
Gerne greifen wir den Hinweis von Herrn Schuck, Herrn Vogel und Herrn Steinbüchel auf, das sich als wirksam erwiesene Gesprächspsychotherapien oder die kognitive Verhaltenstherapie therapeutisch immer in Betracht gezogen werden sollten, insbesondere angesichts der deutlich mehr in den Blickpunkt geratenen Medikamentenwechselwirkungen, die auch bei Phytopharmaka wie dem Johanniskraut nicht unbeträchtlich sind.

Literatur
1. Lepine JP, Gastpar M, Mendlenitz T, Tylee A: Depression in the community: the first pan-European study DEPPRES (Depression research in European society). Int Clin Psychopharmacol 1997; 12: 19–29.
2. Sartorius N, Üstün TB, Lecrubier Y, Wittchen HU:
Depression comorbid with anxiety: results from the WHO study on psychological disorders in primary health care. Brit J Psychiatry 1996; 168 (Suppl. 30): 38–43.
3. Wittchen HU, Höfler M, Meister W: Depressionen in der Allgemeinarztpraxis. Die bundesweite Depressionsstudie. Stuttgart: Schattauer 2000.

Priv.-Doz. Dr. med. Hermann Ebel
Klinik für Psychiatrie und
Psychotherapie/Psychosomatik
Posilipostraße 4
71640 Ludwigsburg

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