ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2002Kunst und Psyche: Friedrich Schröder-Sonnenstern

VARIA: Feuilleton

Kunst und Psyche: Friedrich Schröder-Sonnenstern

Dtsch Arztebl 2002; 99(30): A-2064 / B-1748 / C-1644

Kraft, Hartmut

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„Der komische moralische Eseltreiber“, Farbstifte auf Papier, 95 cm x 66 cm, datiert 1959 Foto: Eberhard Hahne
„Der komische moralische Eseltreiber“, Farbstifte auf Papier, 95 cm x 66 cm, datiert 1959
Foto: Eberhard Hahne
Nach einem wechselvollen Leben mit Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken, Gründung einer Sekte, Tätigkeiten als Wahrsager und Magnetopath begann Friedrich Schröder-Sonnenstern mit 57 Jahren zu zeichnen. Innerhalb von drei Jahren entwickelte er einen unverwechselbaren Stil. „Ich produziere die schönsten, ekligsten Bilder der Welt.“ Dieses Zitat des Künstlers charakterisiert die ambivalent aufgenommenen Werke. Die Bilder provozierten wegen ihrer analen und sexuellen Thematik in den 50er- und Anfang der 60er-Jahre Skandale.
Nur mit Größenfantasien hat Schröder-Sonnenstern sein abenteuerliches Leben meistern können. „Dreifacher Weltmeister aller Künste“, so betitelte sich Friedrich Schröder gern selbst und fügte seinem Namen, damit er über allen leuchte, „Sonnenstern“ hinzu. Auf vielen Bildern hat er diesen hinzugezeichnet. Wie es für den Künstler typisch ist, so ist auch dieses Bild voller Gegensätze: Lachen und Weinen, oben und unten, Herr und Knecht, „Lebensrichtigkeit und Lebensnichtigkeit“.
Dies sind lebensgeschichtlich verankerte Themen. Entweder war Friedrich Schröder der verarmte, heruntergekommene Heimatlose, der mit Polizei und Gesellschaft in Konflikt geriet – oder er war der Größte, „Sonnenkönig Eliot I.“. Durch die Gestaltung seiner Lebensproblematik im Bild fand er Halt und auch eine sozial akzeptierte Identität als Künstler.
Auffällig sind die Darstellungen der Nase, des Kinns und des Ohrs: „Das sind Männergeschlechtsteile, das bedeutet: Er hat nur Sinnlichkeit im Kopf.“ Diese „Groteskkoppelungen“ und andere formale und inhaltliche Eigentümlichkeiten der mit sexuellen, analen und aggressiven Themen aufgeladenen Bilderfindungen haben lange Zeit die Diskussion um „Kunst und Schizophrenie“ in Leben und Werk entfacht. Vielen gilt er als herausragender Vertreter einer „Kunst der Geisteskranken“, anderen – wertfreier – als Vertreter einer „Art brut“ im Sinne von Jean Dubuffet. Als Außenseiter hat er einen unverwechselbaren Beitrag zur deutschen Nachkriegskunst geliefert. Hartmut Kraft
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