ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2002Erfahrungsbericht: Arbeiten in Schweden

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Erfahrungsbericht: Arbeiten in Schweden

Rissel, Frank

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Fotos: Frank Rissel
Fotos: Frank Rissel
Meinen festen Arbeitsplatz und die Hektik Berlins verließ ich im Mai 2001, um in der schwedischen Landschaft Östergötland, rund 150 Kilometer südwestlich von Stockholm, als Allgemeinarzt zu arbeiten. Auf den Ärztemangel in Schweden aufmerksam gemacht hatte mich eine Informationsveranstaltung Ende 2000 in der schwedischen Botschaft. Vertreter mehrerer schwedischer Verwaltungsämter hatten dort die Arbeitsbedingungen für Ärzte in Schweden vorgestellt und einen Umzug schmackhaft gemacht. Nachdem ich mein Interesse bekundet hatte, kamen im Januar 2001 die ersten Einladungen, und so bereiste ich die unterschiedlichsten Landschaften, um mir vor Ort ein Bild zu machen, ob ich mir eine berufliche Zukunft in diesem Land vorstellen konnte.
Östergötland mit seinen für schwedische Verhältnisse großen Städten Linköping und Norrköping zeichnete sich besonders durch die konkreten Arbeitsangebote und durch eine strukturierte Informationsveranstaltung aus, so- dass meine Wahl schnell getroffen war. In den vier Tagen, in denen wir in einem der besten Hotels der Stadt untergebracht waren, trafen wir Vertreter der Länderverwaltung, deutsche Ärzte, die bereits hier arbeiten, Studiendirektoren, die für die Ausbildung von Allgemeinmedizinern zuständig sind, sowie Sachbearbeiter, die die praktischen Fragen eines Umzuges in ein fremdes Land fachkundig erörterten. Jeder der 13 eingeladenen Ärzte wurde in unterschiedliche medizinische Behandlungszentren (vårdcentral) gefahren, wo wir uns ein Bild über die allgemeinmedizinische Versorgung machen konnten. Ich suchte mir die mittelalterliche Stadt Söderköping aus, die herrlich im Schärengebiet der Ostsee gelegen ist – 15 Kilometer von Norrköping entfernt.
Jedem der im medizinischen Behandlungszentrum Söderköping arbeitenden sechs Ärzte ist ein Gemeindegebiet mit durchschnittlich 1 500 Bewohnern zugeteilt. Der Arzt arbeitet mit einer Distriktskrankenschwester, zwei Unterkrankenschwestern und einer Sekretärin zusammen. Während die Unterkrankenschwestern bei der täglichen Versorgung der Patienten assistieren, arbeitet eine Distriktskrankenschwester weitgehend selbstständig, was die tägliche Arbeit erheblich vereinfacht. Dem Behandlungszentrum sind drei Krankengymnasten und drei Arbeitstherapeuten angegliedert, die die medizinische Rehabilitation sicherstellen. Eine Sozialarbeiterin ist ebenfalls täglich anwesend.
In Schweden ist der Allgemeinmediziner immer die erste Anlaufstelle für Patienten. Überweisungen zu Fachärzten sind selten, weil es wegen des Ärztemangels lange Wartezeiten gibt; teilweise dauert es bis zu drei Monate, bis ein Patient einen Orthopäden oder einen Hautarzt aufsuchen kann (Ausnahme: Notfälle). Die Arbeitszeit ist festgelegt, Mehrarbeit wird bezahlt oder in Freizeit abgegolten. Gewöhnungsbedürftig sind die fast täglichen Konferenzsitzungen. Bevor ein Entschluss gefasst wird, wird im großen Rahmen diskutiert und das Sitzungsergebnis schriftlich fixiert. Dies kostet Zeit, weil auch kleinste Veränderungen in einer vårdcentral peinlichst genau analysiert und besprochen werden.
Die schwedische Sprache ist leicht zu erlernen. Nach fünf Monaten Sprachkurs bei Lohnfortzahlung konnte ich mit meinen Patienten kommunizieren. Lebenspartner der angeworbenen Ärzte dürfen auch an dem Sprachkursus teilnehmen. Den Umzug nach Schweden habe ich noch nie bereut. Noch nie hatte ich so freundliche Patienten und nette Kollegen, und noch nie konnte ich meine berufliche Ausbildung so sehr beeinflussen wie hier. Der wesentliche Punkt, weswegen ich hierhin gezogen bin, ist jedoch, dass man als Arzt willkommen ist und wirklich gebraucht wird. Dies hatte ich in Deutschland vermisst. (Dazu auch Leserbrief in diesem Heft) Frank Rissel
E-Mail: rissel@home.se
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