ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2002Ambulante Pflege: Kein Geld für Menschlichkeit

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Ambulante Pflege: Kein Geld für Menschlichkeit

Rabbata, Samir

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Druckstellen,Austrocknungserscheinungen, aber auch Einsamkeit können Folgen von Vernachlässigung in der Pflege sein. Foto: epd
Druckstellen,Austrocknungserscheinungen, aber auch Einsamkeit können Folgen von Vernachlässigung in der Pflege sein. Foto: epd
Patienten fordern mehr Zuwendung und Pflegedienste eine bessere Bezahlung. Die Ursachen für Qualitätsdefizite in der Pflege sind vielfältig.

Sprechzeit ist werkstags zwischen zehn und zwölf. So lange konnte die alte Dame auf dem Anrufbeantworter nicht warten. „Ich habe Hunger“, beklagt sie sich. Das Abendessen der pflegebedürftigen Diabetikerin ist schon seit Stunden überfällig. Ihr Betreuer hat sie vermutlich versetzt. Der Anrufbeantworter steht im Büro von Gabriele Tammen-Parr. Die Sozialpädagogin ist Leiterin von „Pflege in Not“, einer Beratungsstelle des Diakonischen Werkes in Berlin, die Hilfe bei Problemen in der Pflege älterer Menschen anbietet. Es kommt nicht sehr oft vor, dass betroffene Patienten selbst zum Hörer greifen. Meistens sind es Familienangehörige, die über Missstände oder sogar über Gewaltanwendung bei der Pflege ihrer Verwandten klagen. Manchmal rufen auch Pfleger an, die mit ihrer Aufgabe überfordert sind und sich einfach einmal aussprechen wollen.
Spuren von Vernachlässigung
Berichte in den Medien über katastrophale Qualitätsmängel häufen sich und lassen die ambulante Pflege in einem schlechten Licht erscheinen. „Exitus durch Vernachlässigung“ titelte der „Spiegel“ bereits 1999 und schilderte den Fall einer vom Pflegedienst betreuten Seniorin, die abgemagert und mit Druckgeschwüren in die Klinik kam und wenig später starb. Der Fall löste eine heftige Debatte über Qualitätsdefizite in der häuslichen Pflege aus. Geändert hat sich seither wenig. Das bestätigt Prof. Dr. med. Klaus Püschel, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin an der Universitätsklinik Hamburg: „Immer wieder diagnostizieren Ärzte Spuren von Vernachlässigung bei älteren Menschen.“ Dazu zählten Druckstellen, Austrocknungserscheinungen, aber auch Einsamkeit und seelische Probleme. Die Schnittstelle zwischen Pflege und medizinischer Versorgung müsse dringend verbessert werden. Eine engere Zusammenarbeit beider Bereiche sei nötig, empfiehlt der Rechtsmediziner.
„Bei ‚Pflege in Not‘ gehen monatlich über 100 Anrufe ein – Tendenz steigend“, berichtet Frau Tammen-Parr. Kritisiert würden insbesondere unpersönliche Behandlung, schlechte Qualifizierung der Mitarbeiter, mangelnde personel-
le Kontinuität und unzureichende Deutschkenntnisse. Trotzdem warnt die Sozialpädagogin vor einer pauschalen „Kriminalisierung“ der Pflegedienste. Tammen-Parr: „Die Kritik spiegelt weitgehend strukturelle Probleme wider.“ Wirtschaftliche Zwänge führten zu einem enormen Zeitdruck für die Pfleger. Zudem seien die Dienste häufig hoffnungslos unterbesetzt. Dies bestätigt eine jetzt veröffentlichte Studie des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung (dip), wonach über
40 000 Stellen im gesamten Pflegebereich unbesetzt seien.
In der ambulanten Pflege sind schätzungsweise 16 000 Stellen offen. Auf dem Arbeitsmarkt sind arbeitssuchende Pflegefachkräfte selten geworden. Mit einer Arbeitslosenquote von nur 2,8 Prozent in diesem Sektor (bei fallender Tendenz) scheint auch künftig keine Besserung in Sicht. Deutschland steuere auf einen „Pflegekollaps“ zu, warnt deshalb Prof. Dr. Frank Weidner, Direktor des dip und Projektleiter der Studie. Schon jetzt würden Pflegeeinrichtungen eine schlechter werdende Qualifikation bei Bewerbern beklagen. In den letzten zwei Jahren sei der Anteil der Einrichtungen, die keine geeignete Bewerbung für die Besetzung einer Stelle ausmachen konnten, von 10,1 auf 21,1 Prozent gestiegen.
Andrea Kapp, gesundheitspolitische Sprecherin des Bundesverbands Ambulante Dienste, gibt sich trotz allem überzeugt, dass die überwiegende Zahl der Pflegedienste sorgfältig und gewissenhaft arbeitet. Regelmäßig kontrolliere der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) die Dienste. In ihrem Bereich habe der MDK in den letzten zwei Jahren keinen Pflegefehler nach Überprüfungen nachweisen können. Zwar gebe es Probleme – einseitige Schuldzuweisungen seien aber nicht angebracht, so Kapp. Vielmehr müsse in der Diskussion über die Qualität der häuslichen Pflege auch die unzureichende Finanzierung dieses Bereichs einbezogen werden. Wegen der gedeckelten Budgets reiche das Geld aus der Pflegeversicherung hinten und vorne nicht. Die Leistungen der häuslichen Krankenpflege (unter anderem Verbandwechsel, Injektionen, Dekubitusbehandlung) würden trotz ärztlich attestierter Notwendigkeit bürokratischen Prüfverfahren unterworfen und den Patienten immer häufiger verweigert. Infolgedessen seien die Ausgaben in der häuslichen Krankenpflege in den vergangenen Jahren ständig gesunken und befänden sich trotz steigender Leistungsfälle heute noch unter dem Niveau von 1995. Kapp: „Die Pfleger werden vor Ort mit den Problemen allein gelassen und erbringen immer wieder Leistungen, die ihnen nicht honoriert werden.“ Glaubt man den Krankenkassen, sieht die Realität anders aus: Oftmals würden Leistungen abgerechnet, die nie erbracht wurden, klagen sie.
Seit Einführung der Pflegeversicherung sind nicht nur zahlreiche Pflegedienste wie Pilze aus dem Boden geschossen. Seither häufen sich auch Meldungen über Abrechnungsbetrügereien.
Hausärzte sensibilisieren
Gabriele Tammen-Parr sind Beschwerden über angeblich fehlerhafte Abrechnungen nicht fremd. Alte Leute könnten oftmals gar nicht mehr nachvollziehen, was alles abgerechnet werde. Verallgemeinern will sie aber auch hier nicht. Schwarze Schafe gebe es in jeder Branche. Gleiches gelte für Qualitätsdefizite in der Pflege. Trotzdem – wenn es zu schwerwiegenden Versäumnissen in der Versorgung komme, müsse gehandelt werden. Hier seien auch Angehörige, Sozialarbeiter und Ärzte gefordert. Zu häufig würden blaue Flecken oder Verwahrlosungserscheinungen bei alten Menschen übersehen. Bisher hätten sie Ärzte nicht unterstützt. Hausärzte sollten stärker für diese Probleme sensibilisiert werden, fordert die Sozialapädagogin.
Andernfals bleibt Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen die Möglichkeit, sich an eine Beratungsstelle wie „Pflege in Not“ oder an ihre Krankenkasse zu wenden. Für die hungrige Seniorin auf dem Anrufbeantworter kann Tammen-Parr allerdings nichts tun.
In ihrer Aufregung hat die alte Dame vergessen, ihren Namen und ihre Telefonnummer auf dem Band zu hinterlassen. Samir Rabbata
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