ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2002Krankenhäuser/Entgeltsystem: Für Extras und Zusatzentgelte

POLITIK

Krankenhäuser/Entgeltsystem: Für Extras und Zusatzentgelte

Dtsch Arztebl 2002; 99(31-32): A-2085 / B-1767 / C-1663

Clade, Harald

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Rüdiger Strehl: „Ein Start nur mit den 661 australischen DRGs und den dortigen Vergütungstarifen ist nicht mit der deutschen Krankenhauspraxis vereinbar.“ Foto: privat
Rüdiger Strehl: „Ein Start nur mit den 661 australischen DRGs und den dortigen Vergütungstarifen ist nicht mit der deutschen Krankenhauspraxis vereinbar.“ Foto: privat
DRG-Forum der Bundes­ärzte­kammer: Unikliniken-Verband hat leistungsbedingte Ausnahmen angemahnt.

Nach der derzeitigen Konzeption zur Einführung von diagnosebezogenen Fallpauschalen auf der Basis der australischen Diagnosis Related Groups (DRGs) könnten vor allem die Universitätskliniken und Krankenhäuser der Maximalversorgungsstufe gegenüber Durchschnitts-Akutkrankenhäusern finanziell benachteiligt werden. Dadurch müssten die Forschung und Lehre in Universitätskrankenhäusern und akademischen Lehrkrankenhäusern leiden, rügt der Verband der Unversitätsklinika in Deutschland e.V. (VUD) in einer Eingabe an das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium. Rüdiger Strehl, der Vorsitzende des VUD, Kaufmännischer Vorstand des Klinikums der Universität Tübingen, hält ergänzende Entgelte, vor allem Zusatzentgelte für teure Medikamente und aufwendige diagnostische sowie therapeutische Verfahren, für unverzichtbar. Darüber hinaus müsse eine Minimalrevision der DRG-bezogenen Entgelte für die Intensivmedizin, Onkologie sowie geriatrische und chronische Erkrankungen erfolgen.
Wie Strehl vor einem DRG-Forum der Bundes­ärzte­kammer am 13. Juni in Köln erklärte, stehen die Universitätsklinika vor folgender Ausgangslage: Künftig sollen nahezu alle Krankenhausleistungen über DRG-orientierte Fallpauschalen in fast allen Kranken-hausbereichen (mit Ausnahme der Psychiatrie und der psychotherapeutischen Medizin) abgerechnet werden. Rund 400 Hauptdiagnosen werden zu 600 bis 800 DRGs aufgesplittet. Dies
erfordere sorgfältige und exakt abgrenzbare medizinische Klassifikationen, genaue, vertraglich abgesicherte Kodierrichtlinien und realistische Kalkulationen. In der Krankenhausrealität gäbe es leichtere und schwerere Fälle, die in den DRG-bezogenen Entgelten abgefangen werden. Solche Krankenhäuser, die überwiegend und in Routine schwerere Krankheitsfälle und Krankheitsbilder zu versorgen haben, sind nach Meinung des VUD gegenüber Durchschnittskrankenhäusern benachteiligt. Jedenfalls seien Universitätskliniken bei einem landesbezogenen Einheitspreissystem auf Diagnosebasis benachteiligt und kämen nicht mehr auf die in den Preisen enthaltenen Kosten. Zudem suggeriere das neue System den Eindruck einer scheinbaren Lückenlosigkeit. Seltene und neue Erkrankungen würden in jeder medizinischen Hauptgruppe einer Sammel-DRG mit zumeist einer niedrigeren Bewertung zugeordnet, moniert der VUD. Dadurch werde ein Kostenrisiko vor allem für die Hochleistungsmedizin heraufbeschworen. Höchstleistungen mit relativ hohen Kosten würden dann nur noch über Einheitspreise vergütet werden. Deshalb könnten die Universitätskliniken mit ihren bisherigen Leistungen sich künftig nicht mehr über die Preise stabilisieren. !
Revision der
Diagnosis Related Groups
Der Uniklinikenverband hält folgende Regelungen vor Einführung des DRG-Entgeltsystems für unabdingbar:
– eine Minimalrevision der 661 DRGs unter gesundheitsökonomischen Aspekten mit Änderungen, Aufteilungen, Zusammenfassungen, Streichungen und Ergänzungen auf der Basis klinischer Empfehlungen und entsprechender ökonomischer Daten;
– eine Bewertung des Abrechnungskatalogs mit deutschen Kostengewichten, die empirisch ermittelt worden sind (unter Einbeziehung der künftigen ersatzbedürftigen Kosten, insbesondere im Hinblick auf die geleisteten Überstunden und eine mögliche kurzfristige Änderung des Arbeitszeitgesetzes);
– Definition und Abgrenzung sowie exakte Kalkulation der im Fallpauschalengesetz verankerten Zu- und Abschläge bei bestimmten Leistungen;
– Festlegung eines Katalogs von Zusatzentgelten;
– Regelungen für die finanzielle Abgeltung von Mehrleistungen in der budgetneutralen Phase.
Der Unikliniken-Verband spricht sich auch gegen eine Festlegung von unteren und oberen Grenzverweildauern aus. Dies sei medizinisch und ökonomisch kontraindiziert. Selbst bei einer generellen regelhaften Festlegung von Grenzverweildauern müssten für chirurgische, konservative, neurologische und geriatrische Fachkomplexe unterschiedliche Regelungen Platz greifen. Zudem müssten klare Finanzierungs-regelungen für den Fall vorgesehen
werden, dass Grenzverweildauern überschritten werden. Als problematisch bezeichnet der VUD die Regelungen bei geordneten und ungeordneten, internen und externen Verlegungen von
Patienten (Behandlung der gleichen Hauptdiagnose). Kleinere Akutkrankenhäuser seien im Vorteil, wenn über die Hauptdiagnose gleiche DRGs ge-neriert werden, obwohl nur Teile der
Leistungskette durch das Krankenhaus
erbracht werden. Dagegen seien Krankenhäuser der Maximalversorgung benachteiligt, weil sie für das gleiche
Entgelt sämtliche Leistungen erbringen müssten.
Bei so genannten ungeordneten Verlegungen innerhalb des Krankenhauses sollten ausnahmsweise auch zwei oder mehrere Fallpauschalen für einen Krankenhausfall abgerechnet werden dürfen. Anderenfalls würden große Krankenhäuser mit relativ vielen Hauptabteilungen finanziell benachteiligt werden. Medizinisch und finanziell unsinnige Frühentlassungen und danach anschließende Wiederaufnahmen (Fallsplitting) würden geradezu provoziert, prognostiziert der Vorsitzende des Unikliniken-Verbandes Strehl. Gesonderte Prüfverfahren seien erforderlich, wenn stationäre Fälle aus Nicht-DRG-Bereichen (Psychiatrie, Rehabilitation, Krankenhausambulanzen) verlegt werden und Verlegungen zwischen Operations- und Nicht-Operationskrankenhäusern erfolgen. Tagesfälle sollten bei gleicher Hauptdiagnose wiederholt abrechenbar sein. Zusatzentgelte müssten auch für Tagesfälle abrechenbar sein; dies sei insbesondere im Hinblick auf die Krebstherapie relevant. Der VUD plädiert für einen exakt definierten Katalog der berechenbaren Zusatzentgelte, die kostengenau und „spitz“ berechnet werden müssten. Dies gelte insbesondere für besonders aufwendige Implantate für Knochen und Gelenke, in der Kardio- und Gefäßchirurgie und bei besonders teuren Medikamenten und Therapien, insbesondere Chemotherapien, Immuntherapien und Schmerztherapien. Davon betroffen seien auch Blutprodukte, Immunglobuline, Blutgerinnungsfaktoren und andere Medikamente.
Zusatzentgelte
Über Zusatzentgelte sollten auch spezielle teure Therapien abrechenbar sein. Dazu zählt der Verband Leberersatzverfahren, Immunapharese, Lipidapharese, Plasmaapharese sowie andere besonders teure Therapien. Insbesondere für die Knochenmarktransplantation sollten mindestens vier statt, wie vorgesehen, eine DRG sowie weitere Zusatzentgelte vorgesehen werden. Die Strahlentherapie müsse als stationäre und ambulante Krankenhausleistung berücksichtigt werden. Dr. rer. pol. Harald Clade
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