ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2002Hormonersatztherapie: Aufklärung mit freundlicher Unterstützung

POLITIK

Hormonersatztherapie: Aufklärung mit freundlicher Unterstützung

Dtsch Arztebl 2002; 99(31-32): A-2088 / B-1768 / C-1664

Koch, Klaus

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Eine Marketingkampagne irritiert die Frauenärzte.

Ausführlich erläuterte Scherings Pressesprecher, warum der Abbruch eines Studienarms der „Women’s Health Initiative“ für sein Unternehmen keine schlechte Nachricht sei. Immerhin hatten über 8 500 Frauen in der bislang weltgrößten Studie zur Hormonersatztherapie eine Östrogen-Gestagen-Kombination nach fünf Jahren absetzen müssen, weil der Schaden den Nutzen überwogen hatte (siehe DÄ 30/2002). Und der Sprecher bot an, ein Interview mit einem Schering-Experten zu vermitteln, der erklären sollte, warum ähnliche Präparate seiner Firma „sicher“ seien. Doch es kam anders. „Ein Interview können wir Ihnen leider nicht vermitteln“, wurde die Bitte tags darauf abgelehnt. Damit bleibt die Frage nach der „Sicherheit“ fürs Erste unbeantwortet.
Auch ohne zuverlässige Daten zur langfristigen Bilanz ihrer Präparate starten Hormonanbieter wie Schering, Jenapharm, Organon und Novo Nordisk derzeit massive Marketing-Kampagnen, um den eigenen Marktanteil zu schützen und möglicherweise sogar auszudehnen. Das Ziel lässt sich nur unter einer Voraussetzung erreichen: Ärzte und Frauen müssen davon überzeugt werden, dass die schlechte Bilanz der US-Studie nicht verallgemeinert werden kann. Die Verbreitung dieses zentralen Marketingarguments hat bereits begonnen.
Was die Frauenärzte angeht, haben sich Schering und das Schwesterunternehmen Jenapharm dabei auf dem deutschen Markt eine gute Startposition verschafft: Prof. Dr. med. Alexander Teichmann vom Klinikum Aschaffenburg hat als Vorsitzender des Arbeitskreises „Steroide in Kontrazeption und Substitution“ (SIKUS) des Berufsverbandes der Frauenärzte am 12. Juli „eine kritische Würdigung“ und ein „Patientinnen-Informationsblatt“ verfasst, die er dann per Fax an alle 11 000 Mitglieder des Berufsverbandes hat verschicken lassen. Auf den ersten Blick erscheint das sechsseitige Fax als ein aktueller Service, der vielen Frauenärzten sicherlich willkommen war. Doch für den Berufsverband der Frauenärzte (BvF) könnte Teichmanns Aktion zum Bumerang werden. Dr. Manfred Steiner, Vorsitzender des BvF, räumt ein, „dass es auch im Verband einige gibt, die das Papier kritisieren“. Ein Blick in die Stellungnahme zeigt, dass es für diese Kritik zahlreiche Gründe gibt. Wer etwa erwartet hatte, dass Teichmann zum Schutz seiner Patientinnen nun von den Hormonherstellern Beweise für die Sicherheit der Präparate verlangt, sieht sich getäuscht. Die US-Studie verändere „in keiner Weise die zurzeit gültige Bewertung der Hormonersatztherapie als einer wirksamen Behandlung von Beschwerden, die durch Hormonmangel ausgelöst werden, und deren Nutzen oft unter-, deren Risiko gemeinhin jedoch überschätzt wird“, schreibt Teichmann. Teichmanns Bilanz liegt damit auf der Argumentationslinie des Schering-Sprechers.
Ein Blick auf das Begleitschreiben, das Teichmann zusammen mit seiner Stellungnahme verfasst hat, legt nahe, dass eine solche Übereinstimmung kein Zufall ist. „Weitere Exemplare dieses Patientinnenaufklärungsbogens können sie über die Unternehmen Schering Deutschland GmbH beziehungsweise Jenapharm GmbH & Co KG, die freundlicherweise auch diese Faxaktion unterstützt haben, unter folgender Faxabrufnummer abfordern“, heißt es da. „Es ist nicht gut, dass die Stellungnahme den Verdacht aufkommen lässt, der Berufsverband wäre industrienah“, sagt Steiner, „das haben wir bereits gerügt.“ Doch es gibt auch inhaltliche Kritik an dem Papier, das Teichmann von den Pharmafirmen faxen lässt. Diesen zweiseitigen Text, der sich an die „Sehr verehrte Patientin“ richtet und mit „Ihre Frauenarztpraxis“ unterzeichnet ist, sollen Frauenärzte an ihre Patientinnen verteilen. „Ich habe den Brief nicht verwendet, weil er keine Informationen liefert, sondern die Frauen manipuliert“, sagt die Stuttgarter Frauenärztin Dr. med. Friederike Perl, Vorstandsmitglied im Deutschen Ärztinnenbund.
Teichmanns Wiedergabe der Studie ist in der Tat bizarr. So wurde die US-Studie abgebrochen, weil die Risiken den Nutzen der Therapie überwogen haben. Die von Teichmann aufgesetzte Patientinneninformation mit den „wichtigsten Ergebnissen“ erwähnt jedoch den Abbruch der Studie und die Begründung mit keinem Satz. Stattdessen fasst er unter der Überschrift „Was waren die wesentlichsten Ergebnisse dieser Studie?“ die Resultate zusammen (siehe Abbildung).
„Mit dieser Aufbereitung der Daten wird der Nutzen übertrieben und die klare Zunahme der Herzinfarkte verharmlost“, sagt der Kardiologe Prof. Dr. med. Clemens von Schacky von der Universität München. „Ich halte diese Darstellung für unlauter.“ Das wichtigste Ergebnis der Studie sei, so von Schacky, dass sie wegen zu hoher Risiken abgebrochen wurde: „Das muss man den Frauen ehrlich sagen.“
Auch Steiner distanziert sich: „Das Papier ist keine offizielle Stellungnahme des Berufsverbandes“, sagt er. Bei der Aufarbeitung der Affäre wird der Berufsverband auch zu klären haben, ob Kontakte zur „Hormonindustrie“ beim Abfassen der Stellungnahme eine Rolle gespielt haben. Teichmann verneint auf Anfrage des Deutschen Ärzteblattes, dass es eine Absprache gegeben habe. Kein Geheimnis ist aber, dass er – wie (andere) Meinungsbildner seines Faches – als Referent auf einschlägigen Veranstaltungen auftritt.
Solche Beziehungen sind der Grund, warum internationale Fachzeitschriften Autoren zwingen, potenzielle Interessenkonflikte offen zu legen, damit Leser sich ein Urteil über die Glaubwürdigkeit machen können. Teichmann verneint einen Interessenkonflikt: „Ich erhalte von Schering keine Benefizien.“ Dennoch gibt es offenbar ein enges Verhältnis. Auf die Frage, welchen Experten außerhalb seines Unternehmens er dem Deutschen Ärzteblatt empfehlen würde, nennt der Firmensprecher nur einen Namen: Teichmann. Klaus Koch
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