ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2002Beispielhafter Dekubitus: Handeln von Pflegenden und Ärzten besser verknüpfen

POLITIK: Kommentar

Beispielhafter Dekubitus: Handeln von Pflegenden und Ärzten besser verknüpfen

Dtsch Arztebl 2002; 99(31-32): A-2090 / B-1770 / C-1666

Wagener, Wolfgang

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Der Arzt muss nicht nur selbst bereit sein, das Erforderliche zu tun, sondern auch der Kranke, der Pfleger und die äußeren Umstände müssen dazu beitragen.“ Dieser „Disease Management“-Satz von Hippokrates trifft ins Schwarze. Alle müssen bestmöglich zusammenwirken, um den Therapieerfolg zu optimieren. Das ist nicht leicht, weil ein faktisches Gegenüber ärztliche Therapie und Pflege in Deutschland spaltet. Keine kriegerische Auseinandersetzung, aber eine von tiefen gegenseitigen Vorbehalten geprägte (Ko-?)Existenz. Diese Abschottung, eingeleitet durch Berufspolitik der letzten hundert Jahre, beeinträchtigt die stationäre und ambulante Versorgung. „Bescheidenheit, Würde, Urteilsfähigkeit und Ruhe, Entschiedenheit und Lauterkeit im Denken und Tun“ sind gerade im Gesundheitswesen gefordert, von Pflegekräften und Ärzten gleichermaßen. Diese zur Teamarbeit befähigenden Eigenschaften resultieren aus der im „hippokratischen Eid“ formulierten Selbstverpflichtung des Berufs, dessen wesentlichste Aufgaben bis heute nicht durch Gesetz und Recht abzudecken sind. Inhaltlich floss dies auch in die Berufsehre der Pflegeberufe und anderen Heilberufe.
Ein im Ausmaß unverständlicher Unterschied zwischen Ärzten und Pflegekräften ist die gravierende Diskrepanz der Verdienste. Ein Blick zurück zeigt, dass diese historisch unbegründet ist. Den ersten professionellen „Krankenschwestern“, Diakonissen aus Kaiserswerth, wurde in der Charité ein Jahresgehalt von 30 Talern bezahlt. Einschließlich freier Wohnung, freier Station und Kleidergeld bezogen sie 110 Taler im Jahr. Dies entsprach dem Existenzminimum einer vierköpfigen Arbeiterfamilie. Zur gleichen Zeit an der Charité als „Unterarzt“ tätig, bekam Rudolf Virchow 25 Taler. Davon zog die Verwaltung 16 Taler ab: für Wohnung, Essen, Geschirr, Arzneien. Ihm blieben neun Taler Monats- und 108 Taler Jahresgehalt. Finanzielle Gleichstellung von Ärzten und professionell Pflegenden: Für ungelernte Pflegekräfte gab es zwölf Taler im Jahr.
Damals, im 19. Jahrhundert, sollte professionelle Pflege erstmals etabliert werden. Angesichts des heutigen Mangels an Pflegekräften, gestiegenen Anforderungen und ungünstiger Arbeitszeit sind wieder deutliche Anreize zu schaffen. Eine Annäherung der Stellung von Pflegekräften und Ärzten ist anzustreben. Nur so wird auch eine durchgreifende Verzahnung von Therapie und Pflege möglich. Sich ergänzendes Handeln von Ärzten und Pflegekräften vom ersten Augenblick an ist Basis des Therapieerfolgs. Bei Rehabilitation verstärkt das SGB IX seit 1. Juli 2001 die Zusammenarbeit, nicht nur der professionellen Kräfte.
Praktizierter Brückenbau für mehr Gemeinsinn aller in beziehungsweise mit Kranken-, Behinderten- und Altenpflege Tätigen ist kaum erkennbar. Akademische Weihen der Pflege sind weithin unbekannt. Mehr Austausch und Anerkennung sind erforderlich. Die gesetzliche Pflegeversicherung rückte dies ins Blickfeld. Mängel, wie die Todesfälle durch Dekubitus in Hamburg, wurden publik.
Die Zusammenarbeit der Ärzte mit den Pflegenden muss intensiviert werden. (Standes-)Grenzen zu überwinden ist eine der Kardinalaufgaben. Die ärztliche Selbstverwaltung hat sich bewährt. Pflegekammern auf Landes- und Bundesebene zu etablieren wäre zumindest schon formal eine Annäherung.
Mit dem seit dem Jahr 2001 implementierten „Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege“ darf es nicht mehr vorkommen dass sich Patienten schwere offene Wunden holen. Hinweise Pflegender dürfen vom Arzt nicht abgetan, schon gar nicht obsolete Methoden angewandt, der Befund so verschleppt oder forciert werden. Die Oberlandesgerichte Oldenburg und Köln urteilten 1999, dass ein Dekubitus ein Pflegefehler ist. Pflegeheime mussten Schmerzensgeld zahlen. Pflegedokumentationen zeigen aber, dass Ärzte immer noch Abstruses verordnen. Dies ist nicht der Pflegekraft anzulasten, die die Wundversorgung nach ärztlicher Verordnung vornimmt. Die Untersuchungen in Hamburg haben das Problem Dekubitus bei alten, pflegebedürftigen Menschen drastisch publik gemacht. 500 000 Betroffene leiden weiter. 10 000 Menschen sterben jährlich in Deutschland an Dekubitus/-folgen. Ärzte behandeln dies, wie in Hamburg. Aber die Verzahnung von Therapie und Pflege fehlt.
Im April 2002 schrieb das Bundes-
gesundheitsministerium über den „Ex-pertenstandard Dekubitusprophylaxe“: „Im Sinne einer Machbarkeitsstudie . . . wurde der Beweis erbracht . . ., dass die Einführung des Expertenstandards . . . in der bundesdeutschen Pflege möglich ist . . . Es ist zu betonen, dass die beteiligten Einrichtungen die Einführung des Standards und die Durchführung des Audits aus eigenen Mitteln bestritten haben, also keine Sonderbedingungen geschaffen wurden.“
Das Beispiel Dekubitus offenbart, wie wichtig die Verknüpfung pflegerischen und ärztlichen Handelns ist. Dekubitus-Vermeidung steht im Vordergrund. Tritt ein Druckgeschwür auf, ist nach Expertenstandard zu behandeln. Der Arzt hat die Therapie – auch die (Wund-)Pflege – festzulegen. Diese Kompetenz muss er sich aneignen. Es geht um seine Patienten. Aber auch: 6 000 Euro je Dekubitus-Fall verursachen jährlich – vermeidbare – Kosten von gut zwei Milliarden Euro.

Dr. med. Wolfgang Wagener
Facharzt für Innere Medizin – Sozialmedizin –
Diabetologe (DDG), 40670 Meerbusch
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema