ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2002Telemedizin-Datenbank „medicstream“: Videos für die Fortbildung

THEMEN DER ZEIT

Telemedizin-Datenbank „medicstream“: Videos für die Fortbildung

Dtsch Arztebl 2002; 99(31-32): A-2097 / B-1778 / C-1673

Fuchs, Michael; Strauß, Gero; Werner, Tom; Bootz, Friedrich

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Ausschnitt der Website unter www.medicstream.de
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Das Datenbank-System ermöglicht, wissenschaftliche Kongresse, Workshops und Operationskurse zu übertragen und zu archivieren.

Mit der breiten Einführung der Informationstechnologie in der Medizin und insbesondere in der Chirurgie erhält auch die elektronische Informationsübertragung medizinischer Daten einen wachsenden Stellenwert. Als Teilaspekte der Telemedizin entwickelten sich in den letzten Jahren das Teleconsulting (Einholen von Expertenmeinungen), das Teleteaching (Übertragung von Lerninhalten) und die Telerobotik (Fernsteuerung von medizinischen Geräten und Instrumenten). Das Projekt „medicstream“ zählt zu den gesundheitstelematischen Anwendungen des Teleteachings und zielt besonders auf die Bereiche ärztliche Fortbildung und wissenschaftliche medizinische Recherche ab. Die Initiatoren konzentrierten sich zunächst auf die Fachgebiete Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde (insbesondere HNO-Chirurgie), Neurochirurgie, Phoniatrie und Pädaudiologie, Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgie sowie auf das Spezialgebiet der computerassistierten und informationsgestützten Chirurgie.
Das Prinzip besteht in einer für den Endverbraucher kostenfreien Bereitstellung von wissenschaftlich evaluierten Informationen unter Nutzung eines leistungsfähigen Datenbanksystems und der Integration audiovisueller Information. Durch die ubiquitäre Verfügbarkeit von ausbildungsrelevanten Daten soll ein Beitrag zur Steigerung der Effizienz und Attraktivität der ärztlichen Weiter- und Fortbildung geleistet werden.
Die wissenschaftliche Recherche im Bereich der Medizin hat sich in den letzten Jahren auf die Bereiche Printmedien (Bibliotheksverzeichnisse) und elektronische Datenbanken (zum Beispiel „Medline“) ausgerichtet. Im Bereich elektronischer Datenbanken kann der Nutzer sehr effektiv recherchieren, da er Suchbegriffe beliebig kombinieren und Querverbindungen erstellen kann. Softwarelösungen ermöglichen außerdem die automatisierte Integration in Textverarbeitungsprogramme, sodass auch Fehler bei der Übertragung minimiert werden.
Sowohl in der wissenschaftlichen als auch in der praktischen Ausbildung spielen neben dem ständigen Erwerben von klinischer Erfahrung unter Supervision die Aneignung wissenschaftlicher Kenntnisse auf Kongressen, Workshops und durch Lehrbücher eine übergeordnete Rolle. Gerade für die Ärzte in Weiterbildung und für niedergelassene Ärzte gilt es – sowohl unter inhaltlichen als auch unter ökonomischen und terminlichen Aspekten –, aus der nur schwer überschaubaren Vielfalt der Weiterbildungsangebote die effizientesten Veranstaltungen auszuwählen. Dabei können die finanziellen Aufwendungen insbesondere für junge Ärzte erheblich sein – so gibt ein Arzt in Weiterbildung für HNO-Heilkunde im Jahr durchschnittlich etwa 1 000 Euro für Kongress- und Kursgebühren sowie für Fachliteratur aus. Aufgrund der gestiegenen gesetzlichen Anforderungen, aber auch durch ein gesteigertes Öffentlichkeitsbewusstsein ist die operative Ausbildung an Kadaverpräparaten schwieriger geworden. Immer kompliziertere operative Zugänge unter Nutzung neuer Hilfsmittel, wie zum Beispiel Navigationssysteme, Laser, Neuromonitoring, tragen zu einem Bedarf an Erfahrungsaustausch und Workshops auch außerhalb der eigenen Klinik bei. Dies zeigt sich nicht zuletzt in der stark gestiegenen Zahl von chirurgischen Präparationskursen.
Aufzeichnungen von Veranstaltungen und Lehrvideos sind über die medicstream-Datenbank im Internet abrufbar. Fotos: medicstream
Aufzeichnungen von Veranstaltungen und Lehrvideos sind über die medicstream-Datenbank im Internet abrufbar. Fotos: medicstream
Auch zahlreiche Kongresse behandeln spezifische Themen des jeweiligen Fachgebietes. Allerdings werden nur wenige durch einen Tagungsband ergänzt, denn dies erhöht auch die Teilnahmegebühren erheblich. Dadurch sind die dargebotenen Vorträge oder Diskussionen retrospektiv oft nur schwer nachvollziehbar. Die zeitnahe audiovisuelle Übertragung und Archivierung von wissenschaftlichen Präsentationen und Diskussionen auf Kongressen im Internet ermöglicht Ärzten und wissenschaftlich interessierten Personen, die nicht an der Tagung teilnehmen können, diese live oder im Nachhinein am eigenen PC zu verfolgen. Bei Kongressen mit Parallelveranstaltungen können die versäumten Vorträge später abgerufen werden. Zudem kann eine kritische Bewertung der eigenen Präsentation insbesondere für junge Ärzte vorteilhaft sein.
Eine andere Nutzungsmöglichkeit der Leipziger Telemedizin-Datenbank „medicstream“ ist die Archivierung von Lehrvideos. Derzeit stehen Lehrvideos zu operativen Zugängen in der HNO-Heilkunde zur Verfügung. Die Aufnahme und Bereitstellung von Videotheken medizinischer Fachgesellschaften ist geplant.
Das Konzept für die Datenbank entstand nach der 8. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schädelbasischirurgie 2000, die erstmals in Deutschland als vollständiger Kongress mit 65 Vorträgen und einem Rundtischgespräch online in das Internet übertragen wurde. Die Nutzung moderner Kompressionsverfahren sicherte auch bei geringen Bandbreiten (64-kB-Modem) eine ausreichende Qualität in Bild und Ton. Die zur Verfügung stehenden Daten wurden dann in eine Datenbankstruktur eingebettet und kostenfrei zur weiteren Verwendung angeboten. Höhere Zugriffszahlen und eine Förderung des Freistaates Sachsen ermöglichten es, das Projekt schrittweise auszubauen.
Streaming-Technologie
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Medicstream setzt sowohl bei Live-Übertragungen wie auch bei der Ausstrahlung von Beiträgen der Videodatenbank auf neueste Streaming-Verfahren. Im Gegensatz zum herkömmlichen Download von Videodaten entfallen beim Streaming die langen Wartezeiten. Statt, wie bisher noch häufig üblich, die komplette Datei aus dem Internet zu laden, beginnt der Film bereits nach wenigen Sekunden zu spielen. Alle weiteren benötigten Dateiinformationen werden kontinuierlich im Hintergrund nachgeladen. Dies ermöglicht eine Handhabung auch sehr großer Dateimengen im Internet.
Diese Technologie steht erst am Anfang ihrer Entwicklung. So sind gegenwärtig noch Kompromisse zwischen Dateigröße, Datenübertragung und Qualität erforderlich. Mit einem Breitband-Internetanschluss (zum Beispiel T-DSL) sind bereits heute Beiträge in annähernder Fernsehqualität möglich. Der Nutzer benötigt zur Darstellung lediglich eine Anbindung ans Internet (möglichst ISDN-Standard oder höher) sowie den „RealPlayer“ oder den „Windows Media Player“. Beide können kostenfrei von der jeweiligen Homepage heruntergeladen werden.
Die Telemedizin-Datenbank wird bereits in der Testphase relativ gut genutzt. Bemerkenswert ist, dass neben der Abfrage von Kongressbeiträgen die Lehrfilme besonderes Interesse fanden, wie beispielsweise die Beiträge zur Mastoidektomie von Prof. Dr. Friedrich Bootz, HNO-Universitätsklinik Leipzig. Diese Filme lassen sich qualitativ sehr hochwertig aufarbeiten und durch sämtliche Möglichkeiten der digitalen Filmbearbeitung in ihrer Qualität steigern. So können wichtige Strukturen hervorgehoben oder weitergehende Informationen (benötigte Instrumente, Gefahrenpunkte und anderes) eingeblendet werden. Darüber hinaus wurden nach dem Votum des wissenschaftlichen Projektbeirates, der sich interdisziplinär und international zusammensetzt, folgende Jahrestagungen in die Datenbanken aufgenommen:
l 8. und 9. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schädelbasischirurgie, Leipzig (2000) und Hannover (2001);
l 52. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie, Bielefeld (2001);
l 1st International Symposium on Interoperative Imaging in Neurosurgery, Zürich ( 2002);
l 13. Interdisziplinäres Leipziger Phoniatrie-Symposium, Leipzig (2002).
Das Projekt medicstream hat in der Probephase die Erwartungen beim Fachpublikum erfüllt. Nutzer sind neben klinisch tätigen Ärzten in Klinik und Praxis auch Medizinstudenten und interessierte Laien. Durch die sprunghafte Entwicklung der Informationstechnologie und der Kompressionsverfahren ist eine weitere Verbreitung mit besserer Qualität möglich. Die nächsten Ziele bestehen in einer Erweiterung des wissenschaftlichen Beirates, um die paritätische Besetzung und qualitative Kontrolle zu gewährleisten.
Zusätzlich zu den bisher definierten Säulen des Konzeptes (Tagungsbeiträge und Lehrvideos) erhält die medicstream-Datenbank demnächst einen weiteren Bereich. Dabei handelt es sich um Online-Workshops, die in enger Zusammenarbeit mit den Lan­des­ärz­te­kam­mern zertifiziert und durch ein Authentifizierungsverfahren zur nachweisbaren Weiterbildung in Klinik und Praxis genutzt werden können. In Zusammenarbeit mit medizinischen Fachverlagen wird die Verknüpfung zwischen konventionellen Printmedien und den Möglichkeiten der Informationstechnologie künftig noch enger.
Die Mitarbeit an medicstream ist erwünscht. Interessenten wenden sich an medicstream c/o Universität Leipzig, Körnerstraße 56, 04107 Leipzig (Tom Werner), E-Mail: info@medicstream.de.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2002; 99: A 2097–2098 [Heft 31–32]

Anschrift für die Verfasser:
Dr. med. Michael Fuchs
Projekt medicstream
Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Bildgestützte Chirurgie und Navigation IGSN der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig
Liebigstraße 18 a, 04103 Leipzig
E-Mail: info@medicstream.de

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