ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2002Polynesien: Klinik unter Palmen

THEMEN DER ZEIT

Polynesien: Klinik unter Palmen

Dtsch Arztebl 2002; 99(31-32): A-2099 / B-1780 / C-1675

Küppers, Frank

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Ein halbes Jahr als Arzt auf einem Südseeatoll

Dr. Frank, können Sie ans Telefon kommen – auf Nukunonu ist jemand vom Hai gebissen worden!“ Die Stimme reißt mich aus dem Schlaf. Morgens um fünf suche ich den Weg über den knirschenden Korallenboden von unserer Hütte zum Lomaloma Hospital. Maina, die Nachtschwester, leuchtet mit der Taschenlampe, denn Strom gibt es erst ab neun Uhr morgens.
Ich bin der Inselarzt auf Atafu, dem nördlichsten der drei Tokelau-Atolle. Sie bilden einen polynesischen Zwergstaat mitten in der Südsee. Der Hai hat glücklicherweise nur oberflächlich den Fuß eines Fischers erwischt, sodass es sich um einen kleineren Notfall handelt. Am Telefon lässt sich bis auf gute Wünsche und Tetanusempfehlung nicht viel machen. In Sachen Wundversorgung sind die Schwestern der drei Krankenhäuser, die oft ohne Arzt auskommen müssen, Experten. Größere Verletzungen sind hier schnell lebensbedrohlich, denn ohne Wasserflugzeug- oder Hubschrauberverbindung ist Tokelau schwerer zu erreichen als die Antarktis. Nur alle drei bis vier Wochen erreicht ein Versorgungsschiff nach dreitägiger Fahrt aus Samoa die Inseln.
Touristen, Autos, Straßen, Hunde oder Waffen gibt es hier nicht. Dafür Kokosnüsse, Brotfrucht und Fische in allen Farben und Größen. So abgeschnitten von der restlichen Welt, findet man auf Tokelau eine ursprüngliche polynesische Gesellschaft. Erst seit fünf Jahren verfügen die Atolle über Satellitenverbindung und damit über Telefon und E-Mail. Wer auf Luxus verzichten kann, findet ein kleines Paradies vor.
Als Arzt vor Ort hat man bei nur 500 Bewohnern pro Atoll nicht viel zu tun. Organisatorische Defizite führen dazu, dass ich per Telefon auch für die beiden anderen Atolle Nukunonu und Fakaofo zuständig bin, obwohl die Finanzen für drei Ärzte vorhanden wären. Eigentlich bin ich Urologe in einer Art „Sabbatical“ und gönne mir den Gegenpol zur 70-Stunden-Woche als Oberarzt in der Kieler Universitätsklinik. Idealerweise wird auf Tokelau ein gynäkologischer Allgemeinarzt mit pädiatrischem Schwerpunkt und chirurgischer Erfahrung gebraucht. Meine Vorbereitung bestand in viel Lektüre und einem sechswöchigen Einsatz auf den Philippinen mit den „Ärzten für die Dritte Welt“. Auf Samoa erhielt ich in dem beeindruckend modernen Medcen Hospital vom gynäkologischen Kollegen noch einen Kaiserschnitt-Crashkurs. Der erste Notfall auf Atafu ist eine vier Zentimeter lange Gräte im Hals eines röchelnden 150-Kilogramm-Polynesiers. Mit Intubationszange, Laryngoskop und viel Respekt dafür, was hier ohne Narkosen und Wimpernzucken weggesteckt wird, kann das Corpus Delicti entfernt werden.
Als letzte neuseeländische Kolonie sind die 1 400 Tokelauer im Vergleich zu ihren unabhängigen Nachbarn finanziell gut gestellt. Die Ausstattung der „Klinik“ lässt dennoch zu wünschen übrig. Das Lomaloma-Hospital hat vier Schwestern, drei Schwesternhelferinnen, einen OP, viele verrostete Instrumente, zwei in der Regel leere Stationen, einen kaputten Autoclaven, aber dafür den schönsten Ausblick, den ein Krankenhaus haben kann. Angesichts von Palmen und Papayabäumen ärgert man sich etwas weniger, wenn man beim Anschalten des Computers einen Stromschlag bekommt. Das Labor besteht aus Hb- und Glocometer, das nächste Röntgengerät steht auf dem Nachbaratoll, das aber auch nur mit dem Schiff aus Samoa alle drei Wochen erreicht werden kann und damit ungefähr so nützlich ist, als wäre es am Südpol. Prinzipiell können alle in Neuseeland vorrätigen Medikamente bestellt werden, eine Inventur der Apotheke gleicht aber einem pharmazeutischen Museumsbesuch. Ernsthafte Diagnostik ist in Samoa begrenzt und sonst nur in Neuseeland möglich. Eine Überweisung dorthin ist aber aufgrund der hohen Kosten nur in dringenden Fällen möglich. So wird es zum Ritual, dass mich der Laienprediger Olive montags konsultiert und über seine Arthrose klagt. Seit drei Jahren ist er auf der Überweisungsliste, und immer wenn er beinahe nach Neuseeland zum Orthopäden darf, drängelt sich wieder ein Notfall vor.
Hodentorsion, polynesisch Fotos: Frank Küppers
Hodentorsion, polynesisch Fotos: Frank Küppers
Bei fünf bis zehn Patienten pro Tag bleibt viel Zeit für Patientengespräche – fast jeder hier spricht Englisch. Vor allem bleibt Muße, um tief in das polynesische Leben einzutauchen. Und das wird der fremden Familie sehr einfach gemacht, unser vierjähriger Sohn spricht nach drei Monaten fließend Tokelauisch, und das Gefühl der Geborgenheit in dieser fürsorglichen Gemeinschaft ist für uns einzigartig. Wenn Wind, Wellen und Gezeiten gute Thunfischfänge verheißen, ziehen zwei Teams aus dem Dorf in den traditionellen Outrigger-Kanus vor das Riff – der Doktor gehört dazu, das Krankenhaus wird geschlossen. Technisiertes Angelgerät gibt es nicht, eine Leine wird auf ein Stück Schaumstoff gewickelt, 70 bis 100 Meter versenkt und wenn ein Thunfisch beißt, von Hand eingeholt. Das dauert, kostet Kraft und beschert mir schrecklichen Muskelkater.
Thunfisch ist das Hauptnahrungsmittel, gefolgt von Brotfrucht, Kokosnuss, Taro, ab und zu Kürbis, Bananen und Papaya, und an Sonn- und Feiertagen fettes Schwein und sehr zähe Hühner. Obwohl die Isolation beste Voraussetzung für eine gesunde Ernährung wäre, gelangen per Boot vor allem Softdrinks, Zucker, Chips und Junkfood auf die Insel – Gemüse und Obst dagegen so gut wie nie. Besonders das minderwertige Corned Beef, das in dieser Fettstufe wohl nur im Südpazifik verkauft werden darf, ist bei den Insulanern beliebt und beschert ihnen die entsprechenden Zivilisationskrankheiten. Zusätzlich ist Gicht endemisch, sodass das tägliche Brot des Doktors aus Bluthochdruck und Gelenkbeschwerden besteht. Bis auf gelegentliches Denguefieber gibt es keine Tropenkrankheiten, Helminthosen haben es ebenfalls nicht bis auf die Insel geschafft. Generell ist es aber um die Gesundheit der Tokelauer nicht schlecht bestellt. Lediglich Diabetes scheint die Zukunft der drei Atolle mehr als der Treibhauseffekt zu bedrohen. Auf Nachbarinseln, die schon längeren und intensiveren Kontakt mit der westlichen Welt haben, liegt die Inzidenz bei 40 Prozent der Bevölkerung. Die unsichere Bootverbindung und der tokelauische Fatalismus erschweren die regelmäßige Versorgung mit Insulin. Ein enormer Zuckerkonsum erledigt den Rest. Diabetische Gangräne sind keine Seltenheit. Die Fähigkeit, den Zucker aus der Nahrung optimal auszuwerten, ist der Wissenschaft zufolge ein Evolutionsvorsprung der Polynesier gewesen, als die Nahrungszufuhr unsicherer war. Jetzt hat er sich in das Gegenteil verwandelt.
In der Pause kommen die Schüler zum Verbandwechsel.
In der Pause kommen die Schüler zum Verbandwechsel.
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Geld spielt im polynesischen „Inati-System“, einer Art Urkommunismus, eine untergeordnete Rolle. Das Leben wird von Tradition, Kirche und dem Ältestenrat bestimmt. Im Gegensatz zu anderen Inseln im Pazifik, auf denen sich Missionare verschiedenster Kirchen die Gläubigen und vor allem die damit verbundene Kollekte abjagen, ist auf Atafu nur die protestantische Kirche zugelassen. Die Sonntage dort sind gewöhnungsbedürftig. Neben zwei Gottesdiensten ist keine weitere Aktivität erlaubt. Musik, Schwimmen oder Spaziergänge sind verboten. Bei so viel Kirche ist der eher prüde Lebenswandel nicht verwunderlich. Sexualerziehung wird kaum gelehrt. Kontrazeptiva, die im Krankenhaus erhältlich sind, werden wegen der mangelnden Verschwiegenheit der Schwestern nicht genutzt. So erfahre ich ausgerechnet bei der Verhütungskampagne von der verheimlichten Schwangerschaft einer 14-Jährigen. Trotz etlicher Abtreibungsversuche durch Kräuter und Freundinnen, die auf ihren Bauch gesprungen sind, befindet sich das Mädchen im sechsten bis siebten Monat. Wegen möglicher Komplikationen und vor allem, um den psychischen Druck zu mindern, wird das Mädchen in Neuseeland bei Verwandten gebären.
Als Arzt genießt man hohes Ansehen in der Gemeinschaft. Unser Haus liegt direkt an der türkisen Lagune, mit großer Veranda und ohne direkte Nachbarn, sodass ein wenig Privatsphäre besteht. Die ist komplett untypisch für das Leben auf dem kleinen Atoll.
Das Dorf erstreckt sich über eine Länge von einem Kilometer, die hufeisenförmige Hauptinsel ist gerade einmal 150 Meter breit. Die Familien bewohnen große Einraumhäuser, in denen sich bis zu 20 Familienmitglieder zum Schlafen versammeln. Das Gemeinschaftsleben ist allgegenwärtig – positiv wie negativ. Probleme werden von den anderen aufgefangen, niemand ist einsam, und besonders alte Menschen genießen höchsten Respekt. Andererseits ist in solch beengten Verhältnissen kaum Platz für Individualismus, was vor allem für die Jugendlichen, die mit Hollywood per Video groß geworden sind, ein Problem ist. Auf Samoa ist Selbstmord eine der wesentlichen Todesursachen von Teenagern, auch auf Tokelau hat es einige Fälle gegeben. Abgesehen davon, dass Prügel zu den beliebtesten Erziehungsmethoden gehören, ist das Atollleben für Kinder paradiesisch. Sie toben nach der Schule über die Insel, füttern die Schweine und plantschen in der Lagune, bis es dunkel wird. Weder von Straßenverkehr noch von Fremden droht ihnen Gefahr. Und die uns prophezeite Schädelfraktur durch herabfallende Kokosnüsse ist bisher nicht vorgekommen. Dr. med. Frank Küppers

Plätze frei im Paradies – Tokelau sucht Ärzte: In der Regel werden Verträge für sechs Monate vergeben. Wer Familie mitbringt oder zu zweit ist, wird bevorzugt. Gehalt: 2 000 NZ-Dollar (circa 900 Euro). Die Unterkunft ist umsonst, das Leben vor Ort sehr billig. Die Anreise aus Neuseeland wird bezahlt. Tokelau ist malariafrei. Das deutsche Examen reicht. Anfragen an: peter.adam@xtra.co.nz und direktor.health@clear.net.nz, Tokelau im Internet: www.tokelau.org.nz

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