ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2002Politik: Von Anfang bis Ende

BRIEFE

Politik: Von Anfang bis Ende

Dtsch Arztebl 2002; 99(31-32): A-2102 / B-1783 / C-1678

Petschow, Dieter

Zur Berichterstattung in Heft 20/2002:
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LNSLNS Hätte die Zeit einen Pulsschlag, er wäre im DÄ zu palpieren als Tachyarrhythmia absoluta. Die gesetzliche Pflegeversicherung ist eine Katastrophe, sie begünstigt Reiche, die nie eingezahlt haben, und benachteiligt Normalverdiener durch Pflichtbeiträge und Arme durch Leistungsverweigerung. Auch in einem Industriestaat lässt sich die „Lohnstückzahl“ bei Altenpflege nicht erhöhen, jede Mehrarbeit geht zulasten der „Fertigungstiefe“. Ist das gewollt? Muss Altenpflege deshalb so billig sein? Vor der Systemfrage (Kassenärztliche Vereinigungen) stehe ich jeden Tag. Ich bin kein Broker, der daran gemessen werden will, wie viel abgezockt wird. Hohe Rentabilität finden wir im amerikanischen Gesundheits-system, es ist das teuerste der Welt, weil eben hochrentabel, obwohl 35 % der US-Bürger gar keine Kran­ken­ver­siche­rung haben. Da wollen wir doch hin, oder? Bislang sorgten die KVen (die ich nicht nur liebe) für den Ausgleich verschiedener Arzt-Typen, dem Business-Typ und dem leisen Vertreter der Zunft. Soll das jetzt anders werden? Dass das Sozialgericht jetzt Geld kostet, wen wundert es? Zu viele Ärzte in der Republik haben sich ungerecht behandelt gefühlt und geklagt. Hier hilft nur noch eins für die seelische Gesundheit, liebe Kollegen: Bedanken Sie sich regelmäßig für die „gedeckelte“ Spende in Punkten, und zahlen Sie pünktlich ihre Rechnungen in Euro, die Reichen der Versichertengemeinschaft freuen sich derweil – ihre Kapitaleinkünfte werden immer noch nicht zur Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung herangezogen. Wenn sie schon gedeckelte Honorare bekommen, dann sollten sie wenigstens steigende Arbeitgeberbeiträge zur GKV ihres Personals akzeptieren, schließlich sind sie steuerlich absetzbar. Noch Fragen? Wer will sich da noch beschimpfen lassen als Kostentreiber der Nation? Der Arbeitsertrag wächst volkswirtschaftlich um 0,7 %, Kapitalerträge um 3,5 % pro anno. Arzt-Sein? Arbeiten? Manchen leitenden Kollegen der MH Hannover schwebt eine 70-Stunden-Woche vor. Welch schöne mitmenschliche Aufgabe! Die Republik verscherbelt ja nicht nur Kliniken – ganze Mannschaften werden zum Rendite-Anschaffen abkommandiert, und wenn’s den Kassen nicht passt, dann zahlen sie einfach einige Wochen nicht mehr, der Insolvenzverwalter wird’s schon richten, aber erst nachdem die Klinik zur GmbH privatisiert wurde. Anspruch auf Vergütung für Arbeit? In der Klinik fraglich, in der Praxis fehlt die Berechnungsgrundlage, oder doch nicht? Ein Hausarzt bekommt hier bei uns 45 Euro pro Fall. Er hat 60 Prozent Unkosten, arbeitet also selbst für circa 18 Euro pro Quartal und Patient – wie lange? Bei 1 000 „Krankenscheinen“ à 18 Euro sind das circa 450 Stunden in 13 Wochen. Bei 35 Stunden pro Woche inklusive aller Bürokratie ist Schluss für Kassenpatienten, weil dann entweder Mehrvergütung oder Freizeitausgleich dran sind. Aber wer versorgt dann die Kranken? Nicht nur der angestellte Arzt hat Anspruch auf Vergütung, der Kollege in „freier Praxis“ auch – oder er macht mehrfach „Urlaub“. Seine Helferinnen gehen derweil einer Nebenbeschäftigung nach, schwarz, versteht sich. Die Früchte dieser Politik schmecken mittlerweile bitter – Arzt-Sein in Deutschland? Nein, danke!!! Auch nicht mit DRG und DMP – und schon gar nicht mit einer Weiterbildung unter einem Konkurrenzmodell, wo den Letzten wirtschaftlich sowieso der Teufel holt, weil er die Rendite nicht zusammenkriegt – 450 Milliarden Euro jährlich in der gesamten Arbeitswelt, alle Steuern noch einmal, zusammengetragen für Mitmenschen ohne Arbeit, deren üppige Einnahmen jede Sozialbindung verloren haben. Art. 14 Abs. 2 Grundgesetz lässt grüßen. Am 22. September ist Bundestagswahl. Kann mir in Deutschland ein vernünftiger Mensch erklären, warum und wo zwischen ich da noch wählen soll?
Dr. Dieter Petschow,
Am Kielenkamp 35, 30855 Langenhagen
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