ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2002Landärzte: Viel Gleichgültigkeit

BRIEFE

Landärzte: Viel Gleichgültigkeit

Sieber, Petra E.

Zu der mangelnden Solidarität unter Ärzten:
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LNSLNS Man sollte meinen, dass ein besonderes Engagement zumindest von Kollegen gewürdigt wird, aber wie mir bereits früher aufiel, ist die Schar der Mediziner nur zu einer sehr begrenzten Solidarität fähig, und es entwickelt sich eher Einzelkämpfertum in Zeiten der Einkommenseinbußen, Budgets und Diffamierungen des Berufsstandes insgesamt.
Ein Beispiel hierfür ist der Stand der Hausärzte in ländlichen Gebieten, die von jeher Nachwuchsprobleme hatten und haben, und dies aus gutem Grund. Als ich mich vor drei Jahren entschieden habe, von Frankfurt nach Kleinschmalkalden am Thüringer Rennsteig zu ziehen, um dort eine Landarztpraxis zu übernehmen – selbstverständlich mit dem Wissen, dass meine Klientel drastisch überaltert ist (kombiniert mit einer generell höheren Morbidität in Thüringen im Vergleich zum Bundesgebiet), meine Arbeitszeiten nicht in irgendeinem Tarifvertrag zu finden sind und ich mich auf den ewigen Eiertanz zwischen wirtschaftlicher Versorgung und meinen eigenen Ansprüchen an mich als Hausarzt einlasse – da hoffte ich zumindest auf eine Art freundschaftliche Aufnahme in den Kreis meiner umliegenden Kollegen. Weit gefehlt. Von Skepsis und Distanziertheit über altkluge und ungeschickte Belehrungen bis hin zu offener Ablehnung und Feindseligkeit reicht das Repertoire der Verhaltensweisen meiner Mitstreiter. Ob hierfür die Angst vor Konkurrenz, die Abneigung gegen alles Neue und Veränderungen jeder Art oder Vorurteile verantwortlich sind, bleibt offen. Die Geister schieden sich endgültig, als es um die Organisation des ärztlichen Notfalldienstes in unserem Gebiet ging. Seit zehn Jahren decken vier Ärzte ein Gebiet mit acht Dörfern ab, was eine monatliche Belastung von mindestens einer Woche Bereitschaftsdienst am Stück bedeutet. Diese Belastung erweitert sich noch, da es in Schulferienzeiten, durch Fortbildung oder andere freie Tage zur wesentlich höheren Anzahl von Diensten kommt. Nun ist die Situation im benachbarten Städtchen, das durchaus noch im Einzugsgebiet liegt, wesentlich entspannter, da hier selbstverständlich Ärzte anderer Fachgruppen mitbeteiligt sind. Unser Antrag auf Integration in diesen Notdienstbezirk wurde harsch zurückgewiesen, mit dem (inoffiziellen) Argument, dass die Facharztkollegen sowieso schon lange nicht mehr einsehen, Notdienste zu machen, da sie die Betreuung der Patienten am Wochenende seit der Facharzt-Hausarzt-Trennung nicht mehr als ihre Aufgabe ansehen. Außerdem will man mit den infrastrukturellen Problemen (enge Straßen mit schlechter Beleuchtung, Schnee und Glatteis auf Seitenstraßen, abgelegene Häuser etc.) der ländlichen Gebiete nichts zu tun haben. Ich musste lernen, dass man als Landarzt nicht nur durch eine erheblich höhere Arbeitsbelastung benachteiligt ist, sondern dass die Kollegen nach dem Motto „bist ja selbst schuld, wenn du aufs Land gehst“ keinerlei Solidarität, sondern im Gegenteil eher Ablehnung entgegenbringen. Durch die Schwangerschaft einer Kollegin sind wir so in Bedrängnis geraten, dass die KV eine übergangsweise Mitbeteiligung der Stadtärzte an unseren Notdiensten beschließen musste. Aber auch dort ist die Integration unseres Gebietes abgelehnt worden, obwohl die Sinnhaftigkeit dieser Kleinstnotdienstgruppe längerfristig angezweifelt werden muss.
Ich bin enttäuscht darüber, dass man auch vonseiten der Kassenärztlichen Vereinigung das Problem der Landärzte verleugnet, obwohl man weiß, dass diese Gruppe der Hausärzte besonders belastet und in vielerlei Hinsicht benachteiligt ist. Die Tätigkeit wird umso unattraktiver, je weniger Anerkennung und Unterstützung gewährt wird. Darüber, dass die (wohnortnahe) Versorgung der Landbevölkerung in Zukunft gefährdet ist, braucht man sich nicht zu wundern, wenn es unter den Ärzten selbst so viel Gleichgültigkeit gibt.
Petra E. Sieber, Hauptstraße 8,
98593 Kleinschmalkalden
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