ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2002Verschluckte Münzen im Magen: Wie gefährlich ist das Euro-Geld?

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Verschluckte Münzen im Magen: Wie gefährlich ist das Euro-Geld?

Dtsch Arztebl 2002; 99(31-32): A-2106 / B-1786 / C-1681

Muensterer, Oliver J.; Wallner, Claus-Peter

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LNSLNS Zusammenfassung
Münzen sind die am häufigsten verschluckten Fremdkörper bei Kindern. Mit der Einführung des Euros für über 300 Millionen Menschen stellt sich die Frage, ob im Magen retinierte Euro-Münzen durch Korrosion eine Gefahr für den Patienten darstellen können und frühzeitig endoskopisch geborgen werden sollten. Euro-Münzen wurden über sieben Tage in 0,15 molarer Salzsäure gelegt, am Anfang und Ende des Versuches gewogen und täglich über den Versuchszeitraum radiologisch und fotogra-
fisch dokumentiert. Veränderungen, wie sie
bei amerikanischen US-Cents beschrieben sind, konnten bei Euro-Münzen nicht beobachtet werden. Es bildeten sich keine scharfen Kanten, und es gingen keine wesentlichen Mengen an toxischen Metallverbindungen in Lösung. Falls sich keine weiteren Komplikationen ergeben, kann verschlucktes Euro-Kleingeld über sieben Tage im Magen beobachtet werden, ehe eine endoskopische Bergung angebracht ist.

Schlüsselwörter: Fremdkörperingestion, Euro, Magensäure, Münzen, Röntgendiagnostik

Summary
Accidentaly Swallowed Coins: How Safe
is the New Euro Currency
Coins are the most frequently swallowed foreign bodies in children. With the introduction of the Euro for over 300 million people, the question arises whether swallowed Euro coins undergo corrosive changes that may represent a danger for the patient, mandating early endoscopic retrieval. Euro coins were submerged in postprandial concentrations of hydrochloric acid for 7 days, weighed before and after the experiment, and documented daily on X-ray and photograph. Changes as described previously for US cents were not seen in Euro coins. No scalloped, sharp edges developed and no significant quantities of toxic metal compounds were formed. If no other complications arise, Euro coins can be observed in the stomach for 7 days before endoscopic removal is warranted.

Key words: foreign body ingestion, Euro, stomach acid, coins, diagnostic radiology


Münzen machen bei pädiatrischen Patienten bis zu 80 Prozent der verschluckten Fremdkörper aus. Die überragende Mehr-
heit davon passiert problemlos den Gastrointestinaltrakt. In Einzelfällen kann es jedoch zu einer Retention in einem Abschnitt des Verdauungstraktes kommen: Im Kindesalter bleiben Münzen am häufigsten im Ösophagus oder Magen hängen. Während Fremdkörper in der Speiseröhre so bald wie möglich entfernt werden müssen, können Münzen im Magen im Allgemeinen beobachtet werden. Allerdings zeigten O'Hara und Donnelly in einer experimentellen Studie, dass nach 1982 geprägte amerikanische 1-Cent-Münzen durch Korrosion in der Magensäure innerhalb von wenigen Tagen scharfe Kanten entwickeln können und bis zu 8 Prozent ihres Gewichtes als toxisches Zinkchlorid herausgelöst wird (9). Nach Ansicht der Autoren sollten solche Münzen innerhalb von ein bis zwei Tagen endoskopisch entfernt werden.
Nach Einführung des Euro-Bargeldes Anfang des Jahres 2002 ergibt sich die Frage, ob diese Münzen unter Säureexposition ähnliche Veränderungen aufweisen oder gefahrlos im Magen beobachtet werden dürfen.
Material und Methodik
Nach Ausgabe der so genannten
„Starterkits“ in der Bundesrepublik Deutschland wurden insgesamt 14 Euro-Münzen über sieben Tage 0,15 molarer Salzsäure (HCl) ausgesetzt (Abbildung 1), um die Einwirkung der postprandialen Magensäure zu simulieren.
Evaluiert wurden je eine Münze zu 1 Cent, 2 Cent, 5 Cent, 1 Euro und 2 Euro, sowie je drei Münzen zu 10 Cent, 20 Cent und 50 Cent (Kupfer-Aluminium-Zinn-Zink-Legierung). Die Münzen wurden vor Beginn des Experiments und nach sieben Tagen HCl-Exposition zur Quantifizierung des herausgelösten Metalls gewogen.
Eine mit den Geldstücken bestückte Petrischale wurde mit 50 ml HCl gefüllt und mit einem Plexiglasdeckel verschlossen. Einmal täglich erfolgte die Röntgenkontrolle der Münzen (Abbildung 2), die Inspektion auf visuelle Veränderungen und die Erneuerung der Säure.
Ergebnisse
Nur Kupfermünzen mit Stahlkern wiesen im Beobachtungszeitraum radiologische Veränderungen auf. Bereits am zweiten Tag der Säureexposi-
tion fanden sich im Röntgenbild Aufhellungen des 1-Cent-Stücks (Abbildung 3).
Diese Erosionen waren am dritten Tag auch bei der 2-Cent-, ab dem fünften Tag schließlich bei der 5-Cent-Münze zu beobachten (Abbildung 4). Weder die Münzen aus der Kupfer-Aluminium-Zink-Zinn-Verbindung (10-, 20-, 50-Cent) noch die bimetallfarbenen Münzen aus Kupfer-Nickel-Messing (1-,2-Euro) zeigten radiologisch nachweisbare Korrosionsfolgen.
Auch nach sieben Tagen in HCl waren alle Münzen makroskopisch intakt, es fanden sich keine scharfen Kanten und keine durchgehenden Erosionen. Die Korrosion führte bei allen Münzen zu einer grünlich-grauen Verfärbung, wobei lediglich im Bereich der tieferen Erosionen bei den Kupfermünzen die ursprüngliche Farbe noch erhalten blieb (Abbildung 5).
Die Gewichtsabnahme lag zwischen 0,1 und 2,3 Prozent, wobei sich tendenziell die größte Veränderung bei den Kupfer-Stahl-Münzen zeigte (Tabelle 2). Der durchschnittliche Gewichtsverlust belief sich auf etwa ein Prozent des Ausgangsgewichtes.
Aufgrund der charakteristischen Rändelung sind einige der Münzen im Röntgenbild bei orthogradem Strahlengang leicht zu identifizieren. Bei großen geriffelten Münzen handelt es sich um 50-Cent-Stücke, kleine geriffelte Münzen sind 10-Cent-Stücke. Die 20-Cent-Münzen haben sieben Einkerbungen am Rand. Die feine unterbrochene Riffelung des 2-Euro- Stücks ist dagegen im Röntgenbild nicht erkennbar (Abbildung 1). Eine Differenzierung der Doppelkontur von äußerem und innerem Metall der 1- und 2-Euro-Stücke ist erst mit einer härteren Röntgenstrahlung ab etwa 80 kV möglich.
Diskussion
Münzen sind die am häufigsten verschluckten Fremdkörper bei Kindern und finden sich bei der ärztlichen Erstvorstellung meist im Magen des Patienten (10). Üblicherweise passiert die Münze problemlos den Gastrointestinaltrakt und wird nach einigen Tagen mit dem Stuhl ausgeschieden. In einigen Fällen jedoch kann das Geldstück den Pylorus nicht überwinden und bleibt im Magen liegen.
Aus Kostengründen wurde in den Vereinigten Staaten von Amerika ab 1982 bei der Prägung der 1-Cent- Münzen statt einer Massivkupferlegierung (95 Prozent Kupfer) ein Zinkkern mit 98 Prozent Gewichtsanteil und dünner Kupferschale verwendet (4). Bei der Korrosion dieser Münzen in der Magensäure kann es aufgrund der Bildung von scharfkantigen Rändern und des Herauslösens von toxischem Zinkchlorid zu Komplikationen wie einer Schleimhauterosion und einer Zinkchloridvergiftung kommen (1, 5). Es wird daher empfohlen, solche Münzen so bald wie möglich endoskopisch zu bergen (9).
Durch Einführung des Euro-Geldes Anfang 2002 sind die neuen Münzen Zahlungsmittel für über 300 Millionen Menschen. Bekannt ist bereits, dass die Euromünzen im Vergleich mit DM, Pfennig und den US-Münzen bei der Materialtestung deutlich härter ausfallen (6). Von medizinischem Interesse ist, ob sich das neue Kleingeld wie nach 1982 geprägte US-Cents verhalten und frühzeitig aus dem Magen entfernt werden sollten, oder ob eine Pyloruspassage in Ruhe abgewartet werden kann.
Die spezifischen Eigenschaften, Größen und Zusammensetzungen der Euro-Münzen sind bei der Deutschen Bundesbank abrufbar (Tabelle 1). Trotz der unterschiedlichen Prägung auf der Rückseite ist die Zusammensetzung europaweit gleich, sodass die Ergebnisse dieser Studie auch auf das restliche europäische Ausland übertragen werden können.
Im Gegensatz zum hauptsächlich aus Zink bestehenden amerikanischen 1-Cent-Stück besitzen die kupferfarbenen 1-Cent-, 2-Cent- und 5-Cent-Münzen des Euro-Geldes einen Stahlkern mit Kupfermantel. Nur bei diesen zeigten sich radiologisch nachweisbare Veränderungen. Die Säureexposition führt vorrangig bei den kleineren Münzen zu punktuellen Erosionen des Kernes, wobei durch den elektrogalvanischen Effekt an diesen Stellen das edlere Kupfer geschont wurde und damit die ursprüngliche Farbe erhalten blieb.
Im Zeitraum von einer Woche löste sich aus den Kupfer-Alu-Zink-Zinn- Münzen zwischen 0,01 und 0,13 g Metall. Da Zink in der Redoxreihe der betreffenden Metalle (Tabelle 3) vornehmlich oxidiert wird, wird es den größten Anteil des herausgelösten
Metalls ausmachen. Obwohl sich genaue pharmako-toxikologische Aussagen aufgrund der unbekannten Anteile des herausgelösten Metalls und der unkonstanten Absorption nicht treffen lassen, kann aus den Literaturangaben extrapoliert werden, dass viele dieser Münzen über eine Woche lang im Magen liegen müssen, um bei Mensch oder Tier möglicherweise toxikologisch bedeutende Serumkonzentrationen für Zink zu erreichen (2, 8).
Im Falle der Kupfermünzen mit Stahlkern wurden in diesem Experiment über sieben Tage maximal 90 mg Eisen herausgelöst (13 mg/d), was bei einem Säugling in der Größenordnung der empfohlenen täglichen Substitutionsmenge von 2 mg/Kg Körpergewicht liegt (7). Gefährliche Mengen an Eisen werden jedenfalls nicht freigesetzt.
Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse dieser Studie, dass verschluckte Euromünzen problemlos über eine Zeit von bis zu einer
Woche im Magen beobachtet werden können, wenn sich keine anderen Komplikationen ergeben. Im Gegensatz zu amerikanischen 1-Cent-Münzen bleiben die Kanten des neuen Kleingeldes bei der Korrosion in der Magensäure stumpf, und die Menge an herausgelöstem Metall ist auch für Kinder aus toxikologischer Sicht unbedenklich, falls wie üblich nur wenige Münzen verschluckt werden. Auch aus medizinischer Sicht gibt es also gute Gründe für den Euro.

Wir möchten den RTAs des Dr. von Haunerschen Kinderspitals für das Röntgen der Münzen – auch über die Feiertage – danken. Danke auch an Dr. Alfred Heger, Kinderchirurgische Klinik, für die Anfertigung der Fotos.

Manuskript eingereicht: 21. 1. 2002, revidierte Fassung angenommen: 6. 5. 2002

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2002; 99: A 2106–2110 [Heft 31–32]

Literatur
 1. Bennett DR, Baird CJ, Chan KM, Crookes PF, Bremner CG, Gottlieb MM, Naritoku WY: Zinc toxicity following massive coin ingestion. Am J Forensic Med Pathol 1997;18:148–153.
 2. Broun ER, Greist A, Tricot G, Hoffman R: Excessive zinc ingestion. A reversible cause of sideroblastic anemia and bone marrow depression. JAMA 1990; 264: 1441–1443.
 3. Deutsche Bundesbank: Zusammenstellung über die technischen Merkmale der Euro-Münzen. http://www. bundesbank.de/de/presse/banknoten/euro/merkmale. htm
 4. Federal Reserve Bank of Boston: Penny Points (Broschüre). Auflage 1997. Zu erhalten bei: Federal Reserve Bank of Boston, 600 Atlantic Avenue, Boston, MA 02106. http://www.bos.frb.org.
 5. Fernbach SK, Tucker GF: Coin ingestion: unusual appearance of the penny in a child. Radiology 1986; 158: 512.
 6. Heeg T: Der Euro – härter als Mark und Pfennig. FAZ 30.12.2001,Seite 37.
 7. Johns Hopkins: Harriet Lane Handbook, 15th ed., St. Louis: Mosby Inc. 2000, 472.
 8. Murray S, Tell LA, Bush M: Zinc toxicosis in a celebes ape (Macaca nigra) following ingestion of pennies. J Zoo Wildl Med 1997; 28: 101–104.
 9. O'Hara SM, Donnelly LF, Chuang E, Briner WH, Bisset GS: Gastric retention of zinc-based pennies: Radiographic appearance and hazards. Radiology 1999; 213: 113–117.
10. Schunk JE, Corneli H, Bolte R: Pediatric coin ingestions. A prospective study of coin location and symptoms. Am J Dis Child 1989; 143: 546–548.

Anschrift für die Verfasser:
Dr. med. Oliver J. Muensterer
Kinderchirurgische Klinik der Universität München
Dr. von Haunersches Kinderspital
Lindwurmstraße 4
80337 München
E-Mail: oliver.muensterer@kk-i.med.uni-muenchen.de

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