ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2002Praxisgründungen: Teurer Goodwill

VARIA: Wirtschaft

Praxisgründungen: Teurer Goodwill

Dtsch Arztebl 2002; 99(31-32): A-2127 / B-1804 / C-1579

Flintrop, Jens

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Seit Einführung der Zulassungsbeschränkung steigt der immaterielle Wert der Arztpraxis bei Übernahme.

Neu gründen, übernehmen oder eintreten – diese Optionen gibt es für Ärztinnen und Ärzte, die sich alleine oder mit einem Partner niederlassen wollen. Mit In-Kraft-Treten des Gesundheitsstrukturgesetzes im Jahr 1993 können jedoch Planungsbereiche mit Überversorgung gesperrt werden, sodass vielen Ärzten de facto nur die Wahl bleibt, eine Praxis zu übernehmen oder in eine solche einzutreten. Eine Analyse von 1 800 in den Jahren 2000/2001 von der Apo-Bank durchgeführten Finanzierungen von Praxisgründungen belegt dies: In den alten Ländern entfielen in diesem Zeitraum nur 20,4 Prozent aller Finanzierungen auf Praxisneugründungen; in den neuen Ländern waren es immerhin 25,8 Prozent.
Von den in die Auswertung einbezogenen Analysebogen entfielen 64,5 Prozent auf Einzelpraxisneugründungen oder -übernahmen, 33,1 Prozent der Finanzierungen bezogen sich auf Gründungen von Gemeinschaftspraxen, Praxisgemeinschaften oder Praxisbeitritten und 2,4 Prozent der Finanzierungen wurden für sonstige Gründungsformen durchgeführt. Die gemeinsame Auswertung der Apo-Bank und des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung über das Investitionsverhalten von Ärztinnen und Ärzten in den Jahren 2000/2001* konzentriert sich auf die Finanzierungen von Einzelpraxen.
Eine Einzelpraxisneugründung ist deutlich preiswerter als die Übernahme einer Einzelpraxis. Denn bei der Übernahme zahlt der Arzt nicht nur einen Substanzwert für die übernommenen Geräte und die Ausstattung, sondern auch einen Preis für den immateriellen Wert der Praxis („Goodwill“). Dieser wird frei ausgehandelt. Der mittlere ideelle Wert bei der Praxisübernahme betrug in Westdeutschland in den Jahren 2000/2001 163 857 DM, wobei Psychotherapeuten/Psychiater im Mittel 91 000 DM bezahlten und Orthopäden 263 552 DM. Für den Substanzwert der übernommenen Praxis waren im Mittel 73 318 DM zu bezahlen. Während der durchschnittlich gezahlte Substanzwert bei Praxisübernahme von 1988/1989 bis 2000/2001 moderat um 4,4 Prozent stieg (von 70 213 DM auf 73 318 DM), erhöhte sich der durchschnittlich gezahlte immaterielle Praxiswert im gleichen Zeitraum um 88,6 Prozent (von 86 878 DM auf 163 857 DM). Offensichtlich hat die vom damaligen Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Horst Seehofer mit dem Gesundheitsstrukturgesetz eingeführte Zulassungsbeschränkung zu einer Verteuerung bereits bestehender Praxen geführt, die sich im Goodwill niederschlägt.
Das mittlere Finanzierungsvolumen einer Einzelpraxis lag im Westen in den Jahren 2000/2001 bei 371 845 DM (Osten: 240 948 DM), wobei die Ärzte bei Neugründungen durchschnittlich 274 356 DM (203 182 DM) aufnahmen und bei Übernahmen 407 131 DM (257 096 DM). Bei der Praxisneugründung entfielen durchschnittlich 60,4 Prozent (66,5 Prozent) auf die Investitionen für die Praxisausstattung und die medizinischen Geräte. 25,5 Prozent (24,8 Prozent) wurden für den Betriebsmittelkredit benötigt. 10,2 Prozent (4,9 Prozent) mussten für die Finanzierung von Bau- und Umbaukosten aufgebracht werden. Rund 3,9 Prozent (3,8 Prozent) entfielen auf die anteilige Finanzierung des PKW sowie sonstige Gründungskosten.
Bei der Praxisübernahme machte das Übernahmeentgelt 55,8 Prozent (51,3 Prozent) des Finanzierungsvolumens aus. Dieser Betrag setzt sich aus dem ideellen Praxiswert sowie dem Substanzwert zusammen. Für die Neuanschaffung medizinischer Geräte und Ausstattung wurden durchschnittlich 17,2 Prozent (22,2 Prozent) aufgewendet. Auf den Betriebsmittelkredit entfielen 19,7 Prozent (20,3 Prozent) und auf die Finanzierung von Bau- und Umbaukosten 4,4 Prozent (3,3 Prozent).
Bei den Finanzierungen zeigte sich ein Schwerpunkt der Einzelpraxisgründungen in Ballungsräumen: 52,6 Prozent (37,2 Prozent) aller finanzierten Praxen lagen in einer Großstadt, 27,6 Prozent (29 Prozent) in Mittelstädten und 16,1 Prozent (22,2 Prozent) in Kleinstädten. Lediglich 3,7 Prozent (11,6 Prozent) aller Finanzierungen wurden in ländlichen Gebieten durchgeführt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass 71,8 Prozent (71,5 Prozent) der Finanzierungen auf Spezialisten entfielen, deren Niederlassung eher im städtischen Bereich erfolgt. Jens Flintrop

* Die vollständige Publikation ist im Internet unter www.aerzteblatt.de abrufbar.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema