ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2002Ärzte im Dienst der Staatssicherheit – „Zwischen Feigheit und Gewinnsucht“

POLITIK

Ärzte im Dienst der Staatssicherheit – „Zwischen Feigheit und Gewinnsucht“

Dtsch Arztebl 2002; 99(31-32): A-2081 / B-1763 / C-1659

Richter, Eva A.

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Etwa jeder sechzigste Bürger der DDR arbeitete für das MfS. Foto: dta
Etwa jeder sechzigste Bürger der DDR arbeitete für das MfS. Foto: dta
Das Stasiunterlagen-Gesetz wird noch in dieser Legislaturperiode geändert. Die Einsicht in die Akten von „Personen der Zeitgeschichte“ wird danach zu Forschungszwecken wieder ungehindert möglich sein.

Als Bürger der DDR, Arzt, leitender Mitarbeiter in einem Forschungsinstitut und Reisekader für das nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet war ich . . . berichtspflichtig. Darüber hinaus hatte ich mich dem Ministerium für Staatssicherheit als Inoffizieller Mitarbeiter verpflichtet. Eine Verpflichtung, der . . . damals nichts Ehrenrühriges oder Kriminelles anhaftete“, schreibt Dr. med. Hans Meier*. Das Zitat stammt aus einer Genugtuungserklärung, die ein Landgericht während eines gerichtlichen Ausgleichsversuchs mit dem Kläger Dr. med. Gerd Schmitz* vor zwei Jahren von Meier verlangte.
Im Auftrag der Staatssicherheit hatte Meier seinen westdeutschen Kollegen Schmitz bei gegenseitigen Besuchen in der DDR und auch in der Bundesrepublik bespitzelt und „abgeschöpft“. Nach seiner angeblichen Flucht 1989 aus der DDR empfing ihn die Familie Schmitz freundlich in Westdeutschland, nahm ihn vertrauensvoll bei sich auf und half ihm bei den ersten Schritten in das neue ärztliche Berufsleben. Erst zu spät bemerkte Schmitz, dass sich Freund Meier schließlich seiner Praxis bemächtigte. Die IM-Tätigkeit seines Freundes sei ihm sogar erst durch Einsicht in seine Stasiunterlagen bekannt geworden.
Wie Schmitz erfuhren die meisten Stasi-Opfer in Ost und West erst nach der Wende, wie viel persönliches oder dienstliches Material beim Ministerium für Staatssicherheit (MfS) über sie gesammelt wurde und welche Konsequenz so manche vertrauliche Äußerung gegenüber „Freunden“ hatte. Die Aufarbeitung der DDR-Geschichte ist noch längst nicht beendet. Beinahe hätte sie allerdings einen empfindlichen Rückschlag erlitten. Mit dem „Kohl-Urteil“ des Bundesverwaltungsgerichts vom März dieses Jahres drohten viele Fälle für immer ungeklärt zu bleiben. Bundestag und Bundesrat entschieden jedoch anders: Die Stasiunterlagen-Behörde darf wieder Akten über Personen der Zeitgeschichte herausgeben – auch wenn diese nicht ausdrücklich eingewilligt haben. Das Stasiunterlagen-Gesetz wird noch in dieser Legislaturperiode geändert (dazu „Einsicht in Stasi-Unterlagen wieder ungehindert möglich“).
In den vergangenen Wochen und Monaten hatte das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts großen Unmut unter Betroffenen, DDR-Bürgerrechtlern und Stasiforschern hervorgerufen. Zwölf Jahre nach der friedlichen Revolution hatten sich diejenigen als Verlierer gesehen, die sich einst gegen das SED-Regime gewehrt hatten und mit harten Sanktionen bestraft wurden. Denn auch Amtsträger der SED, Stasi-Funktionäre und Mauerschützen zählen zu den „Personen der Zeitgeschichte“ und konnten sich durch das Urteil vom März aus der Affäre ziehen. Ab 2003 hätten sie ihre Stasiakten vernichten lassen können.
Die Stasi war in der ehemaligen DDR prinzipiell flächendeckend vertreten. Sie war hierarchisch aufgebaut. Die meisten Interaktionen zwischen SED, staatlichen Institutionen und MfS gehorchten strengen Determinationen und Rechtsvorschriften. Die Struktur des MfS sah ab 1955 im Referat 1 der Hauptabteilung V ein „Hauptsachgebiet Gesundheitswesen“ vor. 1959 gab der Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, dann die Anweisung, in jedem Bezirk der DDR „je nach Größe und Umfang der medizinischen Einrichtungen ein bis zwei Mitarbeiter der Abteilung V“ einzusetzen. Die „Verortung“ erfolgte durch Objekt- und Sicherheitsbeauftragte. Das wichtigste personelle Mittel bildete der Einsatz verdeckt arbeitender hauptamtlicher Mitarbeiter, vorzugsweise von Offizieren im besonderen Einsatz sowie von Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) in Schlüsselpositionen. 1989 arbeiteten für das MfS etwa 85 500 hauptamtliche und 174 200 Inoffizielle Mitarbeiter.
Unterschiedlich war allerdings die Stasi-Durchdringung in einzelnen Forschungsbereichen, an den Instituten und Kliniken. „Die Medizin rangierte am Ende, weniger durchdrungen durch den Staatssicherheitsdienst war nur noch die Landwirtschaft“, berichtet Reinhard Buthmann. Der Referent der Abteilung Bildung und Forschung der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes beschäftigt sich seit Jahren vor allem mit den MfS-Verflechtungen im Wissenschaftsbereich. Einige Bereiche der Medizin wären jedoch extrem gut überwacht gewesen: beispielsweise die Medikamentenversorgung und das Doping sowie Forschungsbereiche mit Kriegsdimension, wie die Biomedizin (Kampfgase), erläutert er. Ausschlaggebend für den Grad der sicherheitspolitischen Relevanz war das potenzielle „Feindinteresse“ an den betreffenden Einrichtungen, Themen und Personen sowie der politische Stellenwert einzelner Staats- oder sonstiger Planaufgaben. Den medizinischen Fakultäten wandte sich das MfS stärker zu als dem allgemeinen Gesundheitswesen. Sie galten als „politisch besonders konservativ“. Die Ärzte besuchten vergleichweise häufig Tagungen im nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet. 1985 entfielen von 6 700 Tagen Westaufenthalt von DDR-Wissenschaftlern 3 200 Tage allein auf den Forschungsbereich Biowissenschaften und Medizin.
Bürgerrechtler protestierten in den vergangenen Wochen vor dem ehemaligen Stasi-Gebäude in Leipzig, der „Runden Ecke“. Foto: ddp
Bürgerrechtler protestierten in den vergangenen Wochen vor dem ehemaligen Stasi-Gebäude in Leipzig, der „Runden Ecke“. Foto: ddp
„Die Stasi zog die geheimen Fäden in der Wissenschaftsorganisation, zumindest aber kontrollierte sie sie“, konstatiert Buthmann. Dazu besetzte die Stasi bevorzugt die leitenden Positionen mit IM oder vergewisserte sich der betreffenden Personen. „Der Prorektor der Medizinischen Fakultät war in den Jahren vor der Wende immer ein Spitzel“, berichtet Prof. Dr. med. Siegfried Waurick, Vorsitzender der Personalkommission der Universität Leipzig. Die Kommission untersucht seit 1990 – wie ähnliche Kommissionen an anderen ostdeutschen Hochschulen – die Vergangenheit von Hochschullehrern auf Stasimitarbeit. Dabei stützt sie sich auf die Ehrenerklärungen der Betroffenen, die Personalbögen der Hochschullehrer der DDR sowie auf das Material der Stasi-Unterlagen-Behörde („Gauck-Behörde“).
Fast alle Mitarbeiter an den Universitäten füllten die Erhebungsbögen aus – mehr oder minder wahrheitsgemäß. „Einige IM stellten sich als unbelastet dar oder verwendeten Halblügen“, berichtet Waurick. Viele hätten angegeben, dass sie die Weitergabe von Informationen nicht als „wirkliche Stasi-Tätigkeit“ betrachtet hätten. „Sie fühlten sich sicher, weil sie noch nicht wussten, wie genau die Stasi Buch geführt hat“, meint Waurick. Andere hätten hingegen die Flucht nach vorn angetreten und ihre IM-Tätigkeit offen zugegeben. Nach der bisherigen Auswertung habe der Anteil von IM zum Beispiel an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig unter zehn Prozent gelegen. Je nach Position wurde ihnen nach der Wende gekündigt, oder es wurden ihnen Brücken für die eigene Kündigung gebaut. Bei geringfügigen Vorkommnissen konnten nach Einzelfallprüfung einige Mitarbeiter an der Fakultät bleiben, allerdings in niedrigerer Position. Sonja Süß, Psychiaterin und ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU), geht von einem IM-Anteil innerhalb der Ärzteschaft von 5,5 Prozent und im Kreis-Gesundheitswesen von 1,2 Prozent aus.
„Zu DDR-Zeiten waren die IM gut getarnt, machten sogar politische Witze“, erzählt Waurick. „Diejenigen, die am sympathischsten und kulantesten erschienen, waren oftmals IM.“ Gezielt hätten diese „Vertrauensleute“ den Verrat angestrebt. Die Bespitzelten erfuhren in der Regel nicht, dass gegen sie etwas vorlag oder dass über sie berichtet wurde. Sie konnten es erst dann vermuten, wenn die Karriere trotz herausragender Leistung stoppte oder Reisen ins westliche Ausland nicht genehmigt wurden. Nicht nur IM hätten über Kollegen und Mitarbeiter berichtet, ergänzt Prof. Dr. med. Wolfgang Reuter, Internist am Universitätsklinikum Leipzig und Mitglied der Personalkommission. Gerade in höheren Positionen hätte die Staatssicherheit oftmals auf eine „Vereidigung“ als IM verzichtet. Auch SED-Mitglieder seien anzapfbar gewesen, verlockt durch lukrative Angebote, wie die Beschaffung eines Autos, einer Wohnung oder eines Telefons oder die Genehmigung einer Reise in den „Westen“. 86 Prozent der Klinikdirektoren am Universitätsklinikum Leipzig waren zum Zeitpunkt der Wende Mitglied der SED.
Trabis ohne jahrelange Wartezeit, Telefonanschluss oder Devisen – das waren Dinge, mit denen das MfS versuchte, seine Inoffiziellen Mitarbeiter an „das Organ“ zu binden. „Es war viel Charakterschwäche dabei, wenn sich Ärzte der Stasi verpflichteten“, meint Reuter. Eine Verweigerung der Spitzeltätigkeit wäre meist ohne Konsequenzen geblieben. Bereits angelegte „Vorlaufakten“ für einen potenziellen neuen IM wären in solchen Fällen einfach wieder geschlossen worden. „Die Gründe für die Tätigkeit als IM lagen zwischen Feigheit und Gewinnsucht“, erklärt der Internist. Auch wie viel sie berichteten, lag in ihrem Ermessen. Es hätte wenige IM gegeben, die mit Begeisterung der Stasi dienten und mehrere Tausend Seiten über ihre Opfer verfassten. Die Berichte beinhalteten charakterliche und familiäre Einschätzungen der Bespitzelten, außereheliche Beziehungen sowie politische und religiöse Einstellungen. Die Berichterstattung konzentrierte sich hauptsächlich auf Kollegen, in einigen Fällen wurde aber auch die Schweigepflicht gegenüber Patienten verletzt. In den wenigsten Fällen jedoch war die IM-Tätigkeit ausschließlich geheimdienstlicher Natur.
Ein Ziel erreichte das MfS nicht: „effizienz- und leistungssteigernde Maßnahmen für die Volkswirtschaft“ zu erbringen. Auch eine „offensive Westarbeit“ (Wissenschaftsspionage) der Stasi im Wissenschaftsbereich brachte nicht den gewünschten Erfolg. Im Gegenteil: „Das MfS zerstörte die Wissenschaft“, urteilt Buthmann. „Das allmähliche, aber stringente Hineinwachsen des Staatssicherheitsdienstes in weite Felder des Wissenschaftsbetriebes, seine destruktive Pseudoperfektion und Allgegenwärtigkeit sowie seine ,Schild-und-Schwert-Funktion‘ als Exekutive des SED-Willens waren nicht von dieser Welt“, beschreibt der Stasi-Forscher den Geheimdienst der ehemaligen DDR. „Die politisch-operative Arbeit des MfS im Wissenschaftsbereich verstand sich nicht nur als schwerpunktorientierte ,Verortung‘ zur Informationsbeschaffung und als Spionageabwehr“, erklärt Buthmann. Vielmehr wirkten Stasi-Mitarbeiter aktiv auf personal- und wissenschaftspolitische Belange ein. „Viele hervorragende Wissenschaftler sind auf diese Weise vom MfS behindert, ja geradezu planmäßig vernichtet worden.“ Ihnen blieb nur die Wahl zwischen Flucht, Ausreiseantrag und Karrierestopp, Anpassung an das System oder der Suche nach einer Nische.
Rund 185 Kilometer Stasiakten lagern im Archiv der Bundesbeauftragten. Foto: epd
Rund 185 Kilometer Stasiakten lagern im Archiv der Bundesbeauftragten. Foto: epd
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„Als bürgerliche Ärzte haben wir hier keine Zukunft“, schrieb ein frustrierter Arzt bereits in den Fünfziger- jahren. Bevor die deutsch-deutsche Grenze durch den Bau der Berliner Mauer 1961 endgültig dichtgemacht wurde, flüchteten viele Akademiker in den Westen. Besonders sie trafen die Repressionen der DDR gegen den bürgerlichen Mittelstand, Intelligenz und Kirche. Von 1958 bis 1962 flüchteten mindestens 1 676 Wissenschaftler. Zunächst hatte das MfS die Intelligenz noch nicht besonders im Blick. Doch Anfang der Sechzigerjahre entwickelte sich gerade das Gesundheitswesen aufgrund eines Ärztemangels zu einem „Schwerpunktbereich“. 1975 definierte der MfS-Befehl „zur Verhinderung ungesetzlichen Verlassens“ der DDR die „Angehörigen der wissenschaftlichen, wissenschaftlich-technischen und medizinischen Intelligenz“ sogar als Hauptzielgruppe. Allen Bemühungen des MfS zum Trotz – die Überwachung der „politisch un-sicheren medizinischen Intelligenz“ stellte während des gesamten 40-jährigen Bestehens des „Arbeiter- und Bauernstaates“ ein besonderes Problem dar. Dr. med. Eva A. Richter

Literatur
Süß S: Politisch missbraucht?: Psychiatrie und Staatssicherheit in der DDR. Ch. Links Verlag, Berlin 1998.

Buthmann R: Hochtechnologien und Staatssicherheit: Die strukturelle Verankerung des MfS in Wissenschaft und Forschung der DDR. Schriftenreihe des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Reihe B: Analysen und Berichte 1/2000.

Scholz D und E: Staatssicherheitsdienst der DDR: Beispiel: Das Gesundheitswesen im Raum Frankfurt/Oder
1962–1989. Dtsch Arztebl 1999; 96: A-2727–2729 [Heft 43].

Opitz B: Arzt-Patienten-Verhältnis in der DDR: Zahlreiche Verletzungen der Schweigepflicht. Dtsch Arztebl 1997; 94: A-2183–2190 [Heft 34–35].

Müller KD: Zwischen Hippokrates und Lenin: Gespräche mit ost- und westdeutschen Ärzten über ihre Zeit in der SBZ und DDR. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln 1994.

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