ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2002Deutsche Brustkrebs-Studie: Besser spät als nie

AKTUELL: Akut

Deutsche Brustkrebs-Studie: Besser spät als nie

Dtsch Arztebl 2002; 99(33): A-2141 / B-1817 / C-1709

Koch, Klaus

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LNSLNS Prof. Greiser vom Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin hatte vor knapp zwei Jahren heftigen Widerspruch in der Frauenärzteschaft ausgelöst. Zusammen mit dem Wissenschaftlichen Institut der AOK hatte er eine Abschätzung vorgestellt, nach der einige Tausend der 46 000 Brustkrebsfälle, die es 1998 in Deutschland gegeben hatte, auf die Hormonersatztherapie zurückzuführen sein könnten (DÄ 33/2000). Jetzt will eine Gruppe um Prof. Wilhelm Braendle (Universitätsklinik Hamburg) und Dr. Jenny Chang-Claude (Deutsches Krebsforschungszentrum, Heidelberg) dem Zusammenhang zwischen Hormoneinnahme nach den Wechseljahren und Brustkrebs näher auf den Grund gehen. Während Studien im Ausland seit mehr als zehn Jahren versuchen, gezielte Antworten zu finden, beginnt in Hamburg und im Raum Heidelberg diesen Monat eine von der Deutschen Krebshilfe mit 1,5 Millionen Euro geförderte Fall-Kontroll-Studie an anfangs 2 000 Brustkrebspatientinnen und 4 000 gleich alten, aber nicht an Brustkrebs erkrankten Frauen. „Das ist die erste Studie dieser Art in Deutschland“, sagt Braendle, „bislang ist umstritten, ob Ergebnisse ausländischer Studien auf Deutschland übertragen werden können.“ Die Studie soll nicht die einzige bleiben: Auch das Bun­des­for­schungs­minis­terium hatte 2001 vier Millionen Euro für ähnliche Projekte reserviert. Über die Vergabe dieser Gelder ist noch nicht entschieden.

Braendle und Chang-Claude planen, sich bei Patientinnen und Kontrollen durch ausführliche Interviews ein möglichst vollständiges Bild der Risikofaktoren für Brustkrebs zu machen: Einzelheiten der Lebensweise, der Ernährung, anderer Erkrankungen, sportlicher Aktivitäten und Schwangerschaften sollen erfragt werden. Besonderes Augenmerk bekommt die Frage, ob die Brustkrebspatientinnen vor ihrer Erkrankung Hormone genommen haben – und, wenn ja, welches Präparat. Voruntersuchungen in Hamburg hätten ergeben, dass Frauen im Alter von 50 bis 74 Jahren zwischen 20 und 60 Prozent Hormone nehmen, sagt Braendle. Chang-Claude geht davon aus, dass die Zahl der Teilnehmerinnen groß genug ist, um auch Aussagen über die Risiken verschiedener Östrogen- und Gestagen-Varianten zu machen.

Wie wichtig dieser Vergleich ist, zeigt die aktuelle Diskussion um die Women’s Health Initiative (DÄ 30/2002). Die US-Studie musste abgebrochen werden, weil unter einer Östrogen-Gestagen-Kombination das Brustkrebsrisiko deutlich zugenommen hatte. Umstritten ist nun, ob die Ergebnisse auf Deutschland übertragbar sind, da hierzulande überwiegend andere Hormonvarianten verwendet werden. Doch das Potenzial der Hamburg-Heidelberger Studie, Antworten auf diese Fragen zu geben, darf nicht überschätzt werden. Selbst eine fehlerfrei organisierte und betreute Fall-Kontroll-Studie ist nicht in der Lage, zuverlässige Antworten zu geben. Gleichgültig, was die Ergebnisse des Projekts in zwei bis drei Jahren sein werden, die Studie wird den Streit um die Bilanz der Hormonersatztherapie nicht beenden.
Klaus Koch
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