ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2002Katastrophenmedizin: Verbesserungen gefordert

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Katastrophenmedizin: Verbesserungen gefordert

Sefrin, Peter

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Foto: dpa
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Die Rücknahme der Bevorratung und die Kürzung der Finanzhilfen für
den Katastrophenschutz bedürfen nach Ansicht der Notfallmediziner
einer dringenden Korrektur.

Die Terroranschläge der Vergangenheit haben die Verletzlichkeit unserer Umgebungsstrukturen deutlich gemacht. Die Vorbereitungen zur Beherrschung von Katastrophen gingen bisher von begrenzten Schadensereignissen aus, die vornehmlich durch die existierenden Hilfsorganisationen und Feuerwehren beherrschbar seien. Die Rücknahme der Bevorratung und die Kürzung der Finanzhilfen für den Katastrophenschutz sind nicht berechtigt und bedürfen einer dringenden Korrektur. Die Ausstattung der Hilfsorganisationen und der Feuerwehren muss noch stärker auf eine fachübergreifende Verwendbarkeit zugeschnitten werden.
Die bisherige Trennung in die Zuständigkeit des Katastrophenschutzes mit der Zuständigkeit des Bundes im Rahmen der Verteidigung und der Länder bei zivilen Gefahrenlagen muss neu überdacht werden. Aus Sicht der Deutschen Gesellschaft für Katastrophenmedizin (DGKM) ist eine Neuorganisation des Zivil- und Katastrophenschutzes dringend erforderlich. Für diese Neuordnung sind konkrete Forderungen zu erheben, die nur im Konsens mit allen Beteiligten zu realisieren sind:
1. Selbstschutz intensivieren: Die Erste-Hilfe-Ausbildung muss in die berufliche Qualifikation des Bürgers integriert werden. Daher sollte die Erste-Hilfe-Ausbildung bereits in die schulische Ausbildung integriert werden. Ziel muss es sein, mindestens 50 Prozent der Bevölkerung im Bereich der Ersten Hilfe zu qualifizieren.
2. Bundesweites Warnsystem schaffen: Es muss ein (wie auch immer gestaltetes) effektives Warnsystem für die gesamte Bevölkerung geschaffen werden. Es reicht nicht, ein satellitengestütztes Kommunikationssystem für die Lagezentren der Länder zu schaffen.
3. Bedarfsadaptierte Ausstattung sichern: Die Ausstattung für den Katastrophenschutz muss adaptiert werden an denkbare Gefahrenlagen, und die Einsatzbereitschaft der dafür erforderlichen Materialien muss sichergestellt werden.
4. Medizinische Versorgung sicherstellen: Zur Sicherstellung der medizinischen Versorgung von radioaktiv, biologisch und chemisch kontaminierten Personen müssen praktikable Versorgungskonzepte in Zusammenarbeit mit den entsprechenden wissenschaftlichen Fachgesellschaften erarbeitet und ihre Anwendbarkeit geübt werden. Die Qualifizierung des Einsatzpersonals einschließlich der Ärzte muss intensiviert und die Einsatzbereitschaft durch Fortbildung gesichert werden.
5. Sanitätsmaterial und Arzneimittel bevorraten: Die Bevorratung von Sanitätsmaterial und katastrophenmedizinisch relevanten Medikamenten bedarf eines Konzeptes der jederzeitigen Verfügbarkeit.
6. Krankenhauskapazitäten erweitern: Die Krankenhäuser werden über die Katastrophenschutzgesetze der Länder verpflichtet, entsprechende Alarmpläne aufzustellen. Bettenreserven sind bereitzuhalten.
7. ABC-Schutz garantieren: Es bedarf nicht nur der speziellen Fortbildung für die Erkennung einer derartigen Gefährdung, sondern auch der Schaffung von Möglichkeiten zur Detektion sowie von Hochsicherheitslabors (L-4-Labors). ABC-Schutz muss flächendeckend garantiert werden.
8. Sicherung der Trinkwasserversorgung veranlassen: Es ist eine Trinkwassernotversorgung zur Unterhaltung bestehender und in Bau befindlicher Brunnenanlagen notwendig.
9. Kooperation und Koordination zwischen Bund und Ländern optimieren: Es bedarf der Einrichtung und Inbetriebnahme einer zentral angesiedelten, kommunikationstechnisch und personell gut ausgestatteten Koordinationszentrale, die unter anderem als Informations-, Medien-, Melde-, Lage- und Alarmzentrale fungiert und die mit dem im Aufbau begriffenen deutschen Notfallinformationssystem DeNIS vernetzt ist.
10. Task-Force-Konzept: Für besondere Gefahren und Schadenslagen benötigt der Zivil- und Katastrophenschutz in Deutschland ein Ergänzungskonzept, das in der Einrichtung von wenigen speziell organisierten Task Forces besteht. Die DGKM fordert alle staatlichen Stellen auf der Ebene des Bundes und der Länder auf, hierfür unter Einbeziehung der medizinischen Fach- und Sachkompetenz und unter Berücksichtigung des Gefahrenberichtes der Schutzkommission beim Bundesinnenministerium ein verbindliches Konzept zu erstellen.
Prof. Dr. med. Peter Sefrin
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