ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2002Qualitätssicherung: Herkulesaufgabe bewältigt

THEMEN DER ZEIT

Qualitätssicherung: Herkulesaufgabe bewältigt

Dtsch Arztebl 2002; 99(33): A-2158 / B-1832 / C-1724

Mohr, Volker D.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung liefert valide
Grundlage für Benchmarking im Krankenhaus.

Die Krankenhäuser stehen unter dem Druck von Politik und Kran-kenkassen. Verunsichert suchen sie Zuflucht bei teuren Unternehmens-beratern. Doch der Rat der Ökonomen greift zu kurz. Denn: Medizinische Daten, um ein Krankenhaus zu beurteilen, besitzen sie nicht.
Die wird es aber geben. Nach anderthalb Jahren Pionierarbeit der Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung gGmbH (BQS), Düsseldorf, haben 2 250 Krankenhäuser jetzt die Möglichkeit, valide Daten über ihre Kernkompetenz zu sammeln: Sie können darstellen, wo ihre Stärken liegen und wo sie noch dazulernen müssen. Medizinisches Benchmarking wird durch die BQS nach einheitlichen Standards möglich.
Der Anfang war allerdings nicht ohne Probleme. Vom Tag der Gründung an stand die BQS zwischen den Fronten. Wenn die Interessen der Selbstverwaltung im Streit um die Qualitätssicherung aufeinander prallten, dann wurde die BQS immer wieder zum Prellbock.
Verzögerungen wegen OPS-301
So war es im vergangenen Jahr, so war es jetzt wieder: Die BQS musste mit der Botschaft an die Öffentlichkeit treten, dass auch 2003 die Qualitätssicherung in den Krankenhäusern zu spät starten wird. Schuld daran ist nicht die BQS, sondern die um fünf Monate verzögerte Auslieferung des Operationsschlüssels (OPS-301). Nach dem Plan der Selbstverwaltung wird die Klassifikation anstatt im April kaum vor September 2002 fertig sein. Kataloge, Entgeltregeln, Qualitätssicherung und Krankenhaus-Software sind aber wie kommunizierende Röhren: Wer das eine verzögert, verhindert die Fertigstellung des anderen. Daher gerät die Zeitplanung für die Krankenhäuser jetzt ins Schlingern.
Die BQS hat sich von Anfang an für die Krankenhäuser stark gemacht. Das Bundeskuratorium Qualitätssicherung, zentrales Beratungs- und Beschlussgremium für die Qualitätssicherung, hat kürzlich die Empfehlung an die Vertragspartner der Selbstverwaltung aus-gesprochen, die Sanktionen für das Jahr 2002 zu modifizieren. Die Krankenhäuser sollen zwar verpflichtet bleiben, alle Daten zu erheben. Technische Probleme, offene Fragen zum Leistungskatalog oder andere Abweichungen sollen bei den örtlichen Pflegesatzverhandlungen aber berücksichtigt werden. Furcht vor unverschuldeten Geldstrafen ist also unbegründet. Für das Jahr 2003 wurde empfohlen, die Sanktionen auszusetzen. Diese Empfehlung gibt den Krankenhäusern 18 Monate Zeit für die Gestaltung ihrer internen Abläufe und EDV-Strukturen. Die bisher problematische Datenerfassung kann so ab 2004 ohne Schwierigkeiten erfolgen.
Als die Qualitätssicherung im Januar 2001 startete, konnte niemand erwarten, dass sie sofort reibungslos arbeiten wird. Zu ehrgeizig waren die Ziele des Gesetzgebers und der Selbstverwaltung. § 137 SGB V verpflichtet die Selbstverwaltung, die Qualitätssicherung für alle deutschen Krankenhäuser zu entwickeln. Dazu musste die BQS ihre Arbeitsstrukturen aufbauen und in möglichst kurzer Frist alle Leistungsbereiche medizinisch aktualisieren – eine Herkulesaufgabe, die nach kaum anderthalb Jahren abgeschlossen ist.
In knapp 30 Leistungsbereichen vom Aortenklappenersatz bis zur Varizenchirurgie wurden in den letzten zwölf Monaten die Messinstrumente inhaltlich überprüft, überarbeitet oder neu gestaltet. Neuesten medizinischen Entwicklungen wurde Rechnung getragen. Ohne das Engagement der Fach- und Expertengruppen sowie der Fachgesellschaften wäre dieses Ergebnis unmöglich gewesen. Den Krankenhäusern stehen jetzt etwa 370 aktuelle Qualitätsindikatoren zur Verfügung. Mit diesem Werkzeug können sie ihre Qualität darstellen.
Nicht mehr zeitgemäß sind Datenerfassung auf Papier oder EDV-Insellösungen. Die Mehrfacherfassung von Daten muss, wo immer möglich, ausgeschlossen werden. Deswegen liefert die BQS ihre Anforderungen an die Datenerfassung weder als Papierbögen noch als EDV-Programm, sondern nur noch als Datenbank. Darin enthalten sind Fragen und Antwortmöglichkeiten aller Datensätze, Prüfregeln für die Plausibilität der Daten und die Form, in der die Datensätze elektronisch exportiert werden sollen.
Diese BQS-Spezifikation hat in kurzer Zeit große Anerkennung erfahren. Es gibt Software-Anbieter, die die BQS-Anforderungen binnen weniger Stunden in ihre Software-Programme einarbeiten. „Die Dokumentation zur Qualitätssicherung funktioniert jetzt ganz reibungslos“, lobte kürzlich ein Krankenhaus-Mitarbeiter. Einige Zeit zuvor hatte er die BQS noch heftig kritisiert.
Nach erfolgreicher Integration der Krankenhaus-Informationsprozesse wird der Aufwand für die Datenerfassung geringer sein als befürchtet. „Die 53 Informationen, die für die Qualitätssicherung nötig sind, werden bis auf drei Daten jetzt schon in der klinischen Routine erfasst“, berichtete kürzlich ein Chefarzt der Urologie. Das Problem: Die Daten aus der klinischen Dokumentation, der Verwaltung, der Abrechnung und der Qualitätssicherung werden bisher nicht zusammengeführt.
Das wird sich ändern, wenn die BQS-Spezifikation in die klinischen Abläufe eingebunden wird. Sie liefert die Grundlage für eine integrierte Datenerfassung. Die Mehrfacherfassung identischer Daten für die Qualitätssicherung wird damit nicht mehr erforderlich sein. Die Krankenhäuser müssen lediglich den Ball „BQS-Spezifikation“ aufnehmen und weiterspielen. Weitere Perspektiven der Qualitätssicherung wird die BQS bis zum Jahresende aufzeigen. Bundesweit erhalten die Krankenhäuser ihre Auswertungen der Daten aus 2001 in diesen Wochen. Die Bundesauswertung folgt im vierten Quartal. Die Vorgaben für die Qualitätssicherung im DRG-System werden zur Zeit entwickelt. Sie werden im Frühjahr 2003 vorliegen.

Anschrift des Verfassers:
Dr. med. Volker D. Mohr
Geschäftsführer der BQS
Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung gGmbH
Tersteegenstraße 12
40474 Düsseldorf
E-Mail: info@bqs-online.de

Kontakt:
Felix Höfele
Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung gGmbH
Telefon: 02 11/28 07 29-22
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema