ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2002Bedrohliche Konsequenzen in den chirurgischen Fächern: Endlich angekommen?
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LNSLNS Wann Sie „abgeflogen“ sind, geehrte Kollegen der akademischen, universitären Chirurgie der MHH Hannover, bleibt unklar. Dass Sie „angekommen“ sind, beweist Ihr Beitrag im DÄ, in dem viel Richtiges steht, zu dem aber etliches klarzustellen bleibt; möglicherweise sind Sie mit einem Piloten geflogen, der seine höchstzulässige tägliche Flugzeit längst überschritten hat und darum sein Flugziel ziemlich deutlich verfehlt und eine möglicherweise desaströse „Bruchlandung“ nur knapp verhindert hat. Seit 1996, als das Arbeitszeitgesetz (AZG) für die Krankenhäuser Gültigkeit erlangte, mühten sich viele Ärzte, zahlreiche Ärztetage und auch der Marburger Bund, auf die „bedrohlichen Konsequenzen“, allerdings für alle Klinischen Fächer, hinweisend. Nicht die „rigorose und unkritische Umsetzung des AZG (wo fand dies denn überhaupt statt?) erzeugt einen . . . Ausbeutungsmechanismus mit zahlreichen Implikationen . . .“, sondern die Tatsache, dass der Gesetzgeber nahezu zeitgleich mit dem AZG die Budgetierung der Ausgaben für die Krankenhäuser gesetzlich und auf dem Weg der Verordnung festschrieb und damit allen Kliniken die (personal-)wirtschaftlichen Grundlagen zur Umsetzung des AZG entzog. Die Situation in den Versorgungskrankenhäusern zeigte sich dabei als noch viel bedrohlicher, da für sie kaum Möglichkeiten bestanden wie in universitären Einrichtungen, durch Drittmittelstellen oder Forschungsmittel personelle Engpässe auszugleichen.
Ihre Erklärung, mehr als 48 Stunden pro Woche arbeiten zu wollen und den permanenten Gesetzesverstoß auch noch vergütet haben zu wollen, erinnert an den Slogan: „Freie Fahrt für freie Bürger mit Autos ab 250 PS aufwärts“. Wie schlecht müssen die Arbeitsbedingungen eigentlich noch werden, wie hoch kann der Druck auf ärztliche Mitarbeiter eigentlich noch ansteigen, bis unisono alle Krankenhausärzte der Politik, den Kostenträgern und den Krankenhausträgern ein klares „Stopp“, „Nein“ oder „Halt“ entgegensetzen?
Alle Appelle mit Hinweisen auf das ärztliche Ethos (manchmal missbräuchlich verwandt, da geht’s nur um Karriere und Geld), auf Motivation, auf die Qualität der Weiter- und Fortbildung, auf entmenschlichte, „entseelte“ Medizin, auf den „Tod auf der Warteliste“ haben nichts gebracht, sind vielmehr oft dazu missbraucht worden, unzumutbare Arbeitsbedingungen, die sich nicht nur am AZG festmachen lassen, zu zementieren. Diese zynisch anmutende Ausbeutung ärztlicher Arbeitskraft (Sie bezeichnen es als „Leistungsbereitschaft und Motivation“) ist längst bekannt und setzt sich bis in jüngste Zeit fort, wie die Einführung von DRG und des Fallpauschalengesetzes beweist. Was bedeuten denn in Ihrer Klinik die gesetzlich zugesagten 0,2 Prozent Budgetsteigerungen für 2002/2003, die nur dann beansprucht werden können, wenn das AZG vor Ort völlig umgesetzt und weitere Einsparungen in 2003 erzielt werden?
Natürlich haben Sie Recht mit Ihrer Befürchtung, dass die „Patientenversorgung beeinträchtigt“ wird, oder wenn Sie vom „Gefühl des Verlassenseins beim Patienten“ sprechen, nur ist das alles nicht gerade neu. Wer von uns hat andererseits denn schon mal Patienten beim Einsatz für bessere Arbeitsbedingungen, Arbeitszeiten für ihre Ärzte erlebt? Machen wir es doch anderen Berufsgruppen nach: Nehmen wir doch einmal unseren „Altruismus“, unser ärztliches Ethos zurück, den uns viele eh schon nicht mehr so recht abnehmen (wir brauchen’s ja nicht völlig beiseite zu legen), und fordern wir ganz einfach für uns, im eigenen Interesse, mit Rücksicht auf unsere Familien bessere Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten, bessere Vergütungen und Weiterbildungsmöglichkeiten usw.
Wir sind uns in vielem einig, um nur einige Punkte aufzuzählen: Unser Beruf muss wieder Freude machen, Leistungsbereitschaft und Motivation müssen wieder gefördert werden, die Patienten müssen sich wieder auf uns und unsere Qualifikation „verlassen“ können, die Vergütung muss im gesellschaftlichen Kontext angemessen sein, und wir brauchen Rahmenbedingungen, in denen wir Arbeitsbedingungen selbst gestalten und Arbeitszeiten unseren Bedürfnissen und den lokalen Anforderungen entsprechend gestalten können. Was wir nicht wollen können, ist, dass wir uns (freiwillig?) außerhalb des gesetzlichen Rahmens stellen; denn damit werden wir erpressbar. Aber wir können versuchen, durch unsere Einflussnahme die gesetzlichen Rahmenbedingungen in unserem Sinne zu verbessern.
In diesem Sinne freut sich der Marburger Bund bis hin zum Landesverband Bayern künftig auf Ihre aktive Mitarbeit.
Dr. Christoph Emminger,
Vorsitzender des Marburger Bundes, Landesverband Bayern, Bavariaring 42, 80336 München
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