ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2002Bedrohliche Konsequenzen in den chirurgischen Fächern: Haarsträubender Unsinn

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Bedrohliche Konsequenzen in den chirurgischen Fächern: Haarsträubender Unsinn

Dtsch Arztebl 2002; 99(33): A-2171 / B-1878 / C-1753

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LNSLNS Durch die Reduzierung der Arbeitszeit auf die gesetzlich zulässigen 48 Stunden steigt die Arbeitbelastung der Ärzte ins Unermessliche, weil Sie die bisher in 70 bis 80 Stunden geleistete Arbeit zukünftig in etwa der halben Zeit erledigen müssen. Diese Meinung vertritt Herr Dr. med. Harald Schrem in seinem Artikel. Welch ein haarsträubender Unsinn! Wenn es möglich wäre, die gleiche Arbeit in diesem Bruchteil der Zeit zu erledigen, so hätten die Ärzte dieses sicherlich getan und die gewonnenen 22 bis 32 Stunden pro Woche lieber mit ihrer Familie verbracht. Die konsequente Umsetzung des Arbeitsschutzgesetzes bringt sicher keine weitere Konzentration der Arbeit (denn die ist gar nicht mehr möglich), sondern eine längst überfällige Entlastung der Ärzte von unmenschlichen Arbeitsbedingungen und einen Schutz der Patienten vor den Fehlern völlig übermüdeter Chirurgen.
Wie kann es aber sein, dass sich die gewählten Assistentenvertreter der MHH laut Dr. Schrem für längere Arbeitszeiten einsetzen? Wer die „normale“ Arbeitsbelastung der Assistenzärzte kennt, für den muss diese Feststellung mehr als absurd klingen. Auch für solch unverständliches Verhalten gibt es natürlich plausible Erklärungen. Was derzeit durch den Kampf um bessere Arbeitsbedingungen und durch das Arbeitszeit-Urteil des Europäischen Gerichtshofes passiert, wird gravierende Umwälzungen zur Folge haben, die zum Teil schon angefangen haben.
Bei solch umfangreichen Veränderungen gibt es natürlich neben den Gewinnern (den bisher ausgebeuteten Ärzten) auch Verlierer. Das werden vor allem wohl die Krankenhausträger und Chefärzte sein, die sich wohl von der lieb gewonnenen Gewohnheit verabschieden müssen, Assistenzärzte und AiPler als eine moderne Art von Sklaven auszubeuten. Schon jetzt ist die Trendwende in der Marktsituation deutlich zu spüren.
Vor drei oder vier Jahren wäre ein AiP, der bei seinem Einstellungsgespräch mehr als die üblichen rund 2 000 DM gefordert hätte, sicher ausgelacht worden. Vor einigen Monaten hörte ich dagegen zum ersten Mal von einem AiP, der in Deutschland nach drei Monaten ein volles Assistentengehalt bekommen hat. Mittlerweile sind schon viele Stellenangebote zu sehen, die übertarifliche Bezahlung anbieten. Dieser Trend wird sich mit der zunehmenden Umsetzung der gesetzlichen Arbeitsschutzbestimmungen rasant verstärken, da immer weniger Ärzte für die erforderlichen Neueinstellungen bereitstehen. Trotzdem besteht kein Grund zur Panik, dass die neuen Stellen nun gar nicht mehr besetzt werden können. Wenn wieder menschenwürdige Arbeitsbedingungen für junge Mediziner geschaffen werden, wird der hohe Prozentsatz derer, die wie ich nach erfolgreichem Studium der deutschen Medizin den Rücken zugekehrt haben, wieder zurückgehen . . .
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