ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2002Bedrohliche Konsequenzen in den chirurgischen Fächern: Bemerkenswerte Kreativität
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LNSLNS Die Kreativität, mit welcher in Hannover versucht wird, eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen an Chirurgischen Universitätskliniken zu erwirken, ist bemerkenswert. Die Ansätze sind durchaus interessant und diskussionswürdig. Warum nennen sie aber das Kind nicht beim Namen? Dieses Gedruckse, dass durch eine Umsetzung des Arbeitszeitgesetzes die Forschungsleistung abnehme und die Identifikation mit den beruflichen Erwartungen aufgegeben werde, entbehrt doch jeder Realität. So ist es doch beispielsweise kaum glaubwürdig, dass die Mitarbeiter der Chirurgischen Kliniken der MHH nach 70 oder 80 Stunden nach Hause gehen und sich anschließend voller Kraft und Tatendrang der Wissenschaft widmen, während Kollegen, die 48 Stunden arbeiten, zu Hause keine Zeit mehr für die Forschung finden.
Es geht um etwas anderes! Es ist die schlechte Bezahlung der ärztlichen Tätigkeit, die gerade in den Kliniken ja fast ausnahmslos durch die Zahl der geleisteten Überstunden beziehungsweise Dienststunden aufgewertet wird. Hier besteht dringend Handlungsbedarf. Hier haben die ärztlichen Standesvertreter in den zurückliegenden Jahren vollständig versagt! Gerade im universitären Bereich mit den zusätzlichen hohen Anforderungen an die Forschungsleistung ist ein Umdenken unumgänglich. Es ist nicht mehr zeitgemäß, nach anstrengenden 12-Stunden-Tagen zu Hause vor dem Computer irgendwelche Statistiken hin und her zu drehen, bis sich irgendwelche nichtigen Signifikanzen ergeben. Die Neuregelung der ärztlichen Arbeitszeit, die zweifellos früher oder später kommen wird, bietet gerade an den Universitäten die einzigartige Chance, endlich auch die wissenschaftliche Tätigkeit zeitlich zu erfassen und adäquat zu vergüten. Gerade mit einer klaren und auch vom zeitlichen Arbeitsrahmen vertretbaren Lösung zur Forschungstätigkeit könnten viele Ärzte und hier besonders wohl auch Ärztinnen gewonnen werden, welche sich angesichts der unzumutbaren Arbeitszeitbelastung trotz Interesses bislang nicht an die Universitäten trauten. Denn wer kennt sie nicht, die Kommilitoninnen, die immer alles wussten und sich schließlich nach Studienabschluss, trotz wissenschaftlichen Talents und Interesses, in die Kreiskrankenhäuser verzogen? Die Einrichtung von Arbeitszeitkorridoren, welche ausschließlich für die wissenschaftliche Tätigkeit genutzt werden dürfen, wäre eine denkbare Lösung . . .
Dr. med. Joachim Oertel,
Klinik für Neurochirurgie, Ernst-Moritz-Arndt-Universität, Ferdinand-Sauerbruch-Straße 8, 17487 Greifswald
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