ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2002Bedrohliche Konsequenzen in den chirurgischen Fächern: Cui bono?
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Äußerung der vier Assistenzärzte der MHH verdiente es wenigstens, den Leitern der Staatlichen Ämter für Arbeitsschutz in allen Bundeländern zur Kenntnis gebracht zu werden. Hinter der Fassade einer scheinbar sachlich-kritischen Auseinandersetzung blitzt hier eine merkwürdige Mischung aus Larmoyanz (wir dürfen nicht so viel arbeiten, wie wir wollen; „Mehrarbeit“ wird „kriminalisiert“; in der Forschung können wir nicht mehr konkurrieren), pharisäischem Altruismus (wer Patienten helfen will, darf keine festgelegte Arbeitszeit haben), Realitätsblindheit (wer gezwungen wird, nur 48 Stunden zu arbeiten, wird ausgebeutet, wer hingegen 80 Wochenstunden arbeiten muss, wird nicht ausgebeutet) und Horrorszenarios auf (wenn Chirurgen nur 48 Stunden arbeiten, wächst der „Tod auf der Warteliste“).
Es ist ein Skandal, dass die Verwaltung der MHH – und in dieser Verwaltung sind außer Nicht-Medizinern, die gewinnorientiert wirtschaften, auch Mediziner tätig – von dem zuständigen Staatlichen Amt für Arbeitsschutz unter Androhung von Bußgeldern gezwungen werden muss, das Arbeitszeitgesetz endlich umzusetzen. Dass das Urteil des Europäischen Gerichtshofes, der Prozess vor dem Bundesarbeitsgericht in Erfurt und die vielen Urteile von Arbeitsgerichten, die sich gegen eine zum Teil nicht bezahlte Arbeitszeit von 70 bis 80 Wochenstunden (das nämlich ist „Ausbeutung“) ausgesprochen und Klinikverwaltungen gezwungen haben, „humane“ Arbeitszeiten einzuhalten, zur Abwanderung von Patientenströmen ins Ausland führen werde, ist eine absurde Behauptung. In Anbetracht einer solch undifferenzierten oder nur an falscher Stelle differenzierenden Initiative stellt sich laut und offen die Frage „Cui bono?“. Die eigentliche Lösung, von der alle sprechen, nämlich die Einstellung weiterer Ärzte, wird in nur einem kurzen Satz erwähnt, gleichzeitig aber als „unrealistisch“ verworfen – und zwar wegen der Arbeitsmarktsituation, die aber wohl primär durch die in der Vergangenheit entstandenen Ausbeutungsmechanismen beeinflusst worden ist.
Dr. H. Scholz,
Viktoriastraße 7, 44575 Castrop-Rauxel
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.