ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2002Bedrohliche Konsequenzen in den chirurgischen Fächern: Gratulation
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LNSLNS Als Leiter einer universitären Abteilung für Herz-, Thorax-, Gefäßchirurgie in den neuen Bundesländern kann ich den Autoren des Artikels nur herzlich gratulieren, dass sie im Umfeld der zunehmenden Diskussion um das Arbeitszeitgesetz auf ein schwieriges Problem in der universitären Medizin, und zwar insbesondere in den chirurgischen Fä-
chern aufmerksam gemacht haben.
Wir unterstützen den aus Hannover gemachten Vorstoß nachhaltig, da nur durch ihn eine Basis geschaffen wird, das Problem ansatzweise zu lösen. Sollte der Gesetzgeber keine Sonderregelung im Sinne des vorgestellten Vorschlages für die Universitätskliniken schaffen, so wird es zu einer nachhaltigen Verschlechterung der Patientenversorgung kommen, der Qualität in der Forschung als auch der Stellung von Deutschland im Rahmen der Spitzenmedizin, wie der Transplantationschirurgie.
Kein anderes Berufsumfeld, in dem Höchstleistungen erbracht werden, ist derart limitiert, wie es die engagierten jungen Ärzte und Oberärzte in einer Universitätsklinik sind, die in der Grauzone von inadäquater Bezahlung und Fehlverhalten gemäß den gängigen gegebenen gesetzlichen Auflagen arbeiten müssen. Hoch qualifizierte Medizin, so wie sie derzeit an den Universitätskliniken erbracht wird, hat ihren Preis, kostet personengebundene Zeit und bedingt einen weiten Hintergrund von Rahmenbedingungen, wie sie in dem Artikel beschrieben werden. In diesem Sinne kann man es dem Gesetzgeber nur dringend anraten, dass eine Sonderregelung geschaffen wird, oder man verabschiedet sich in der Bundesrepublik von einer hochleistungsfähigen Medizin, so wie sie derzeit unter kaschierten Bedingungen noch aufrechterhalten wird.
Diese Situation ist gerade in den neuen Bundesländern noch dadurch aggraviert, dass hier nur 90 % der Westbezahlung für Ärzte gezahlt wird, obwohl 40 Stunden Basis-Wochenarbeitszeit erbracht werden müssen. Somit ist die Situation eines Arztes in den neuen Bundesländern sowohl unter Zeitgesichtspunkten als auch unter finanziellen Gesichtspunkten deutlich schlechter. Der Gesundheitsstatus der Patienten ist aber oftmals reduzierter und erfordert hiermit einen deutlich höheren Einsatz der Ärzteschaft, um eine gleichwertige Versorgungssituation zu erzielen.
Dies wird belegt durch Untersuchungen von Herrn Dr. Bruckenberger (Konferenz der Leitenden Ministerialbeamten), dass gerade die Situation in den neuen Bundesländern dahingehend charakterisiert ist, dass die Patientenklientel im Vergleich zu den westlichen Bundesländern ausgeprägter krank ist. Nachweislich besteht eine höhere Inzidenz von koronarer Herzkrankheit, Myokardinfarkten sowie Nebenerkrankungen, gerade bei den zu operierenden Patienten in der Herz-, Thorax-, Gefäßchirurgie.
Ein weiterer Punkt, der in der Arbeitszeitdiskussion außer Acht gelassen wird, ist der der patientenbezogenen Verantwortlichkeit, der gerade in der Chirurgie eine besondere Bedeutung hat. Jeder, der schon einmal Patient gewesen ist, weiß, dass man in der Situation seiner Krankheit – und gerade auch einer Herzkrankheit – seinen Arzt am Krankenbett haben möchte, so lange, bis man wieder gesund ist. Darüber hinaus möchte man von einem hoch qualifizierten Operateur versorgt werden, der diese Operation mit einem hohen Erfahrungsrückhalt durchführt. Verkoppelt ist dies mit dem Wunsch, dass die Operationstechnik dem internationalen Standard entspricht und zeitgerecht durchgeführt wird. Die operateursbezogene Verantwortlichkeit, so wie wir sie als chirurgische Lehrer noch erfahren haben, kann und wird es in Zukunft nicht mehr geben. Das Arbeitszeitgesetz konterkariert den Ansatz der individualisierten Betreuung in allen Aspekten, denn die auch in meiner Abteilung willigen und engagierten Ärzte dürfen nicht arbeiten. Außerdem wird ihr Berufsbild durch die limitierte Bezahlung, die gerade in den östlichen Bundesländern nur durch Überstunden und Dienste finanziell gegenkompensiert werden kann, in seiner Perspektive der gesellschaftlichen Anerkennung relativiert.
Damit sind leistungsbereite Ärzte und Oberärzte gerade an Universitätskliniken besonders benachteiligt, und zwar im Vergleich zu engagierten jungen Menschen in anderen Berufsfeldern, in denen ein gesetzlich unlimitierter Einsatz möglich ist, wie dem Management, der Wirtschaft, Ärzte in der Niederlassung etc.
Zusammenfassend müssen wir als Gesellschaft definieren, ob wir unseren Anspruch an Versorgung durch Universitätskliniken zurücknehmen wollen und ob wir durch die derzeit gegebenen Limitationen in die – international gesehen – akademische Mittelmäßigkeit abrutschen wollen oder Sonderregelungen schaffen für Ausnahmebereiche, in denen Ausnahmeleistungen erbracht werden.
Prof. Dr. Th. Wahlers,
Klinik für Chirurgie, Klinikum der Friedrich-Schiller-Universität, Bachstraße 18, 07740 Jena
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