ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2002Medizinische Lernprogramme im Internet: Vielfältig, aber lückenhaft

THEMEN DER ZEIT

Medizinische Lernprogramme im Internet: Vielfältig, aber lückenhaft

Rosendahl, Jenny; Tittelbach, Jörg

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LNSLNS Das Angebot medizinischer Online-Lernprogramme ist inzwischen zwar groß. Systeme mit einem hohen Interaktionsgrad sind jedoch selten.

Lernangebote im World Wide Web (WWW) ergänzen zunehmend die medizinische Aus- und Weiterbildung. Gegenüber herkömmlichen Ausbildungsangeboten bieten sie die Möglichkeit, komplexe medizinische Sachverhalte durch Verbindung von Text, Bild, Ton, Video und Animation besonders gut zu veranschaulichen und interaktive Elemente in den Lernprozess zu integrieren. Neben elektronischen Lehrbüchern, das heißt illustrierten, zum Teil mit Videos angereicherten Hypertext-Tutorials, gibt es eine Vielzahl grafischer Lernprogramme, Bilddatenbanken und interaktiver Atlanten, die vor allem in visuell orientierten Disziplinen, wie beispielsweise der Histologie, Dermatologie oder Radiologie, zu einer Verbesserung der diagnostischen Fertigkeiten beitragen sollen. Zur Vorbereitung auf praktisch-ärztliche Situationen lassen sich mit interaktiven Lernprogrammen ärztliche Prozeduren und Patientenbegegnungen simulieren.
Entsprechend dem Grad an Interaktivität mit dem Anwender können verschiedene Programmtypen unterschieden werden: Präsentations- und Browsingsysteme, tutorielle Systeme und Simulationssysteme (1, 2). Präsentations- und Browsing-systeme sind passive Systeme, in denen Informationseinheiten (statischer Text und Multimedia-Elemente) in einem semantischen Netz verbunden und multimedial präsentiert werden können. Tutorielle Systeme haben einen höheren Interaktivitätsgrad. Sie reagieren auf Aktionen des Lernenden helfend und beurteilend und streben einen dem Lernfortschritt angepassten „Unterricht“ an. Simulationssysteme bilden typische Szenarien der ärztlichen Routine ab und geben den Nutzern die Möglichkeit, diagnostische und therapeutische Maßnahmen ohne Leistungs- und Zeitdruck zu üben, bevor sie ihre Kenntnisse am Krankenbett anwenden.
Die Vielfalt der Angebote an medizinischen Lernprogrammen im WWW ist inzwischen groß. Eine Unterscheidung zwischen didaktisch gut aufbereiteten Lernprogrammen und bloßen Textinformationen ohne zusätzliche Funktionalität ist allerdings für den Lernenden schwierig und aufwendig. Eine Lösung bieten Datenbanken oder Informationsseiten im WWW, die einen Überblick über vorhandene Online-Lernangebote geben und per Verknüpfung (Link) direkt auf die Programme verweisen. Die meisten Datenbanken/Informationsseiten gliedern die Lernangebote nach Fachgebieten und enthalten kurze Beschreibungen der Inhalte der aufgeführten Lernprogramme.
Im Rahmen einer von den Verfassern durchgeführten Untersuchung wurden 262 Lernangebote aus neun deutschen Datenbanken (Textkasten) nach bestimmten Kriterien analysiert und ausgewertet.
Die Lernprogramme wurden nach folgenden Kriterien/Eigenschaften systematisiert (Stand: März 2002):
- Sprache,
- Fachgebiet(e),
- Medieneinsatz (Texte, Fotos, Grafiken, Videos, Animationen, Geräusche, Sprachwiedergabe),
- Zielgruppe (vorklinischer/klinischer Abschnitt der Ausbildung, PJ, AiP, Ärzte in Weiterbildung),
- Interaktionstyp (Präsentations- und Browsingsystem, tutorielles System, Simulationssystem).
Sprachliche Ausrichtung: Von den 262 analysierten Lernprogrammen sind 42 Prozent deutschsprachig, 55,3 Prozent englischsprachig und 2,7 Prozent sowohl deutsch- als auch englischsprachig.
Fachgebiete: Rund 18 Prozent der Lernprogramme bieten interdisziplinäre Inhalte an. Die übrigen Programme konzentrieren sich ausschließlich auf die Vermittlung von Inhalten eines Stoffgebiets. Circa ein Drittel dieser Lernangebote bezieht sich auf stark visuell orientierte Fächer, wie beispielsweise Anatomie, Radiologie, Histologie, Dermatologie und Ophthalmologie (Tabelle). Die restlichen zwei Drittel der Lernangebote stammen aus 26 weiteren Fachgebieten.
Zielgruppen: Etwa ein Drittel (93) der Angebote eignet sich für mehrere Abschnitte der studentischen beziehungsweise ärztlichen Aus- und Weiterbildung. Dabei liegt der Schwerpunkt bei Angeboten für Studierende im klinischen Abschnitt der Ausbildung. Hierfür stellen circa drei Viertel der Programme Inhalte bereit (Grafik 1).
Eingesetzte Medien: Untersucht wurden nur Online-Lernprogramme, das heißt Angebote, die keine Installation von Dateien auf dem Rechner des Benutzers erfordern. Daher sind alle Angebote mit Standard-Browsern, wie MS-Internet Explorer, Netscape oder Opera, darstellbar. Lediglich bestimmte Lernprogramme erfordern zur Darstellung spezieller Medien, wie Videos oder Animationen, die Installation von Plug-Ins (zum Beispiel Apple Quicktime, Macromedia Flash). Dies sind kleine, frei verfügbare Zusatzmodule für die Browser.
Die Analyse des Medieneinsatzes ergab, dass nahezu 90 Prozent der Programme Textinformationen verwenden, um grundlegende Inhalte darzustellen. Rund 65 Prozent der Systeme nutzen Bilder und rund 42 Prozent Grafiken zur Wissensvermittlung. Seltener wurden dagegen Animationen, Videos, Sprache und Geräusche eingesetzt (Grafik 2).
Interaktionstyp: Ordnet man die Internet-Lernprogramme einem methodischen Grundtypus zu (1), lässt sich ein Großteil der Lernangebote als Präsentations- und Browsingsystem klassifizieren. Tutorielle Systeme und Simulationssysteme, die dem Nutzer einen höheren Grad an Interaktivität bieten, sind dagegen selten (Grafik 3).
Das Angebot an medizinischen Lernprogrammen im Internet ist vielfältig und bietet Studierenden umfassende Möglichkeiten, auf Informationen aus verschiedenen medizinischen Fachgebieten zuzugreifen, um das eigene Wissen zu vertiefen oder anzuwenden. Da rund die Hälfte der verzeichneten Lernprogramme in englischer Sprache vorliegt, sind entsprechende Sprachkenntnisse erforderlich, um aus der Vielfalt der angebotenen Lernmedien auswählen zu können. Mangelhafte Sprachkenntnisse könnten mit dazu beitragen, „dass die Nutzung auch qualitativ guter bis sehr guter fremdsprachiger Programme weit hinter der Nutzung qualitativ eher schlechterer Programme liegt, die in der eigenen Sprache gehalten sind“ (3). Im Hinblick darauf, welche medizinischen Fachrichtungen durch Online-Lernangebote abgedeckt werden, fällt die große Vielfalt an Themen- und Fachgebieten bei einer Dominanz visuell orientierter Fächer auf. Dennoch beruht nur jedes sechste Angebot auf einem interdisziplinären Ansatz. Oft beschränken sich die Inhalte auf die Vermittlung einer spezifischen Untersuchungsmethode oder Krankheitsgruppe eines Fachgebietes. Vor allem unter dem Aspekt der Lehre nach dem Muster des Problemorientierten Lernens (POL) ist dies zu bemängeln. Eine Verbesserung bringt möglicherweise das Programm des Bun­des­for­schungs­minis­teriums „Neue Medien in der Bildung“, das eine Vielzahl fachübergreifender integrativer Projekte fördert.
Die Untersuchung der Zielgruppen ergab, dass sich die Lernangebote überwiegend am klinischen Abschnitt der Ausbildung orientieren. Rund ein Drittel der Angebote eignet sich nicht nur für einen Abschnitt der Ausbildung (von der Vorklinik bis zur Facharztweiterbildung). Bei diesen Angeboten kann der Nutzer eine Lernumgebung wählen, die seinen Wünschen und Vorstellungen entspricht, und diese auch über einen längeren Zeitraum seiner medizinischen Aus- und Weiterbildung nutzen.
Die Medienauswahl der Lernangebote bringt nicht immer die Vorteile von Online-Lehrmaterialien im Vergleich zu herkömmlichen Angeboten (zum Beispiel Lehrbüchern) zum Ausdruck. So werden nur in einem Fünftel der Programme Animationen, Videos, Sprache oder Geräusche verwendet. Der „Vorteil“ dieser Betonung von Text- und Bildinformationen ist die hohe Kompatibilität dieser Medien mit gängigen Browsern unter allen Betriebssystemen.
Beim Vergleich von Print- und Online-Angeboten spielen die Interaktionsmöglichkeiten zwischen Programm und Nutzer eine entscheidende Rolle. Dabei können auch textbasierte Lernprogramme einen hohen Grad an Interaktivität gewährleisten, so zum Beispiel in tutoriellen oder Simulationssystemen. Jedoch bietet nur jedes achte Angebot einen Interaktivitätsgrad, der vorteilhafter gegenüber dem Lernen mit einem Lehrbuch ist. Die übrigen Angebote unterscheiden sich von herkömmlichen Lernmedien vor allem durch die Möglichkeit der schnellen Navigation, die durch die Verknüpfung der Inhalte mittels Querverweisen (Hyperlinks) gewährleistet ist.
Zurzeit gibt es noch keine Untersuchungen darüber, in welchem Umfang Online-Lernangebote von Studierenden tatsächlich genutzt werden oder diesen bekannt sind. Eine deutschlandweite Befragung von Medizinstudenten, die an der Universität Jena durchgeführt wird (4), soll klären, über welchen Informationsstand die Studierenden bezüglich dieser Programme verfügen und in welchem Umfang sie diese im Lernprozess einsetzen.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2002; 99: A 2167–2169 [Heft 33]

Literatur
1. Blumstengel A: Entwicklung hypermedialer Lernsysteme. Berlin: Wissenschaftlicher Verlag 1998.
2. Klinikum der Universtät Heidelberg. CBT-Server
Medizin. URL: www.hyg.uni-heidelberg.de/Main-CBT.
htm#WasCBT (03.04.2002).
3. Daetwyler C: Zum Stand deutschsprachiger, medizinischer Lernangebote im Internet. 1999. URL: www.aum.iawf.unibe.ch/did/vor/tuebingen/Med_Lernprogramme.htm (16.04.2002).
4. Rosendahl J: Fragebogen „Multimediales Lernen in der Medizin“. 2001. URL: www.uni-jena.de/~s6roje/
befragung/begin.html (10.04.2002).

Anschrift für die Verfasser:
Dipl.-Psych. Jenny Rosendahl
Universitätsklinikum Jena
Institut für Medizinische Psychologie (Direktor: Prof. Dr. phil. Bernhard Strauß), Stoystraße 3, 07740 Jena
E-Mail: jenny.rosendahl@uni-jena.de

Datenbanken und Informationsseiten
l Datenbank „Multimediale Lehr- und Lernsoftware in der Medizin“ der Universität Essen:
http://mmedia.medizin.uni-essen.de/portal/
l AGMA-Datenbank der Universität Gießen:
www.agma.med.uni-giessen.de/cfagma/links/start.dbm
l WWW-Seiten der Abteilung für Unterrichtsmedien, Institut für Aus- und Weiterbildung, Universität Bern: www.aum.iawf.unibe.ch
l Datenbank „Studieren im Netz“ der BLK Bonn:
www.studieren-im-netz.de/fmg.htm
l WWW-Seite „Interessante Medizinische Links“ der MH Hannover: www.mh-hannover.de/institute/medinf
l WWW-Seite „Medizin im Internet: Interaktives Lernen“ der Ärztlichen Zentralstelle Qualitätssicherung (äzq):
www.aezq.de/fortbildinterakt3.htm
l Virtuelle Bibliothek der Universität Düsseldorf:
www.uni-duesseldorf.de/WWW/ulb/med_lern.html
l „Lernprogramme und Informationssysteme im Internet“, Mediothek der Chirurgischen Klinik, LMU München:
http://chirinn.klinikum.uni-muenchen.de/lehre/leh_05_01.html
l WWW-Seite „Multimedia“ der Deutschen Zentralbibliothek für Medizin: www.zbmed.de/a_digit/digit_index.html
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